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SchuleLeben in Betonburgen

Ein Manifest von Schüler*innen stellt Forderungen an den Schulbau von morgen und erlaubt ernüchternde Einblicke 
in den Status quo des Schulbaus.

23.07.2021 - von Eva Stein

Im Schuljahr 2020/21 spekulierten Schüler*innen an acht Berliner Schulen gemeinsam mit Künstler*innen über die eigene Lernumgebung. Vorgabe war, prozessorientiert zu arbeiten und sich den Unberechenbarkeiten künstlerischer Forschung auszusetzen. Das Resultat ist ein Katalog aus 14 Forderungen, basierend auf der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Raum: Die Schulgebäude stammen aus den 1960er und 1970er Jahren, einer Zeit, die von großen Bildungsexperimenten geprägt war.

Die Aktion fand im Rahmen des Projekts »Bildung in Beton« statt, das die Ausstellung »Bildungsschock – Lernen, Politik und Architektur in den 1960er und 1970er Jahren« bis Mitte Juli 2021 im Haus der Kulturen der Welt begleitet.

Wie lernt es sich heute in den Bildungslaboratorien von gestern? Lassen sich Schulen der Zukunft von Schüler*innen mitgestalten, um den Curricula von heute und morgen zu begegnen? Wie müssten Schulgebäude konzipiert sein, um den komplexen Anforderungen der Gegenwart gerecht zu werden? Die Erfahrungen der Corona-Pandemie haben es mehr als deutlich vor Augen geführt, wie unverzichtbar eine digitale Ausstattung der Schule ist: Eine funktionierende Klimatechnik, aber auch modulare Raumkonzepte und bewegliche Trennwände hätten das Lernen in kleineren Gruppen erleichtert. Nicht zuletzt der Klimawandel erfordert energie- und ressourceneffiziente Schulgebäude sowie neue, ganzheitliche Konzepte für eine nachhaltige Entwicklung.

Welche Möglichkeiten bestehen für Schüler*innen, die Bildungsarchitekturen der Zukunft mitzugestalten und sich vor allem an politischen Entscheidungen zu beteiligen? Hat der künstlerische Forschungsprozess in Berlin dazu beitragen können, Visionen einer neuen, utopischen Schularchitektur zu entlocken?

Realistische Visionen

Nachdem die Jugendlichen in Projektwochen die eigene Schule als Wohnraum inszeniert, visionäre Schulmöbel entworfen und gebaut, Außenanlagen neu besetzt oder ihre Schule in eine utopische Kunstzone verwandelt hatten – ungeachtet aller tatsächlichen Machbarkeiten wie Statik-Vorgaben oder Baugenehmigungen –, sollte das Manifest formuliert werden. Aufgrund der erschwerten Lern- und Lehr-Bedingungen entstand in einem Online-Workshop mit den Lehrer*innen, der Erziehungswissenschaftlerin Caroline Assad und der Künstlerin Cana Bilir-Meier ein Set aus 14 Wünschen und Visionen.

Das Ergebnis war ernüchternd bis erschreckend: keine hochfliegenden Utopien, sondern nichts weiter als das Bedürfnis nach einer menschenwürdigen Lernumgebung, die Sauberkeit, Ruhezonen, Barrierefreiheit und gesundes Essen bietet. Aus dem Status quo heraus betrachtet, erscheinen schon Forderungen wie »Licht rein! Lärm raus!«, »Schöner essen!«, »Weg mit dem Dreck!«, »Bitte nicht stören!« als nahezu unrealisierbar, entlarven sie doch die grundlegende Mangelhaftigkeit der aktuellen Zustände.

Immerhin: Das Manifest wurde an Lehrkräfte, Schulleitungen, Architekt*innen, Stiftungen, Kultur- und Bildungsinstitutionen sowie Zuständige in den Verwaltungen auf Landes- und Bundesebene versandt. Die bisherigen Reaktionen sind unterstützend und ermutigend. Vielleicht lässt sich zumindest den dringendsten Notständen abhelfen.       

Bildungsschock – Lernen, Politik und Architektur in den 1960er und 1970er Jahren, noch bis 11. Juli 2021 / www.hkw.de/bildungsschock

Viele weitere Projekte findet ihr auf: www.hkw.de/bildunginbeton