GEW - Berlin
Du bist hier:

HistorieLernen mit Interviews

Digitale Bildungsangebote mit audiovisuellen Erzählungen von Überlebenden des Nationalsozialismus.

07.04.2020 - von Verena Lucia Nägel

Direkte Begegnungen und Gespräche mit Überlebenden des Nationalsozialismus gelten als zentrale Lernerfahrungen der historisch-politischen Bildung über Nationalsozialismus und Holocaust. Obwohl auch in der Vergangenheit nur wenige Schüler*innen tatsächlich die Chance zu einer solchen Begegnung hatten, prägt die Frage, wie eine Erziehung über Auschwitz ohne Überlebende aussehen kann, die Diskussionen über aktuelle Vermittlungsansätze der historisch-politischen Bildung.

Seit den 1980er Jahren werden die Lebensgeschichten von Überlebenden und Zeug*innen des Nationalsozialismus und Holocaust in verschiedenen Projekten als audiovisuelle Interviews aufgezeichnet und gesammelt. Weltweit gibt es inzwischen um die 100.000 solcher Zeugnisse.

Auch wenn die Beschäftigung mit videografierten Interviews keine direkten Begegnungen ersetzen können, bieten sie als Quellen für die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus und besonders mit der Perspektive der Opfer vielfältige Möglichkeiten.

Basierend auf einer Auseinandersetzung mit den Inhalten der (Über-)lebensgeschichten eignen sich die Video-Interviews auch durch ihre mediale Form hervorragend für ein quellenkritisches, forschendes Lernen. So können beispielsweise einzelne Ausschnitte wiederholt angesehen werden. Die inhaltlichen und sprachlichen Aspekte sind im Medium Video um die visuelle Dimension erweitert, die Mimik und Gestik der Erzählenden zugänglich und diskutierbar macht. Multiperspektivität lässt sich erzielen, indem verschiedene Erzählungen mit demselben thematischen Fokus nebeneinandergestellt werden.

Das Center für Digitale Systeme (CeDiS) der Freien Universität Berlin beschäftigt sich seit 2006 mit der Nutzung von Oral History in der Lehre, Forschung und historisch-politischen Bildung. Der inhaltliche Schwerpunkt der bei CeDiS entwickelten didaktischen Angebote liegt auf der Erinnerung an die Shoah und an die NS--Zwangsarbeit. Im Rahmen der Projekte »Zeugen der Shoah« und »Zwangsarbeit 1939-1945. Erinnerungen und Geschichte« wurden multimediale Bildungsangebote und begleitende Handreichungen entwickelt und erprobt.

Im Zentrum der digitalen Lernanwendungen der CeDiS stehen 30-minütige biografische Interview-Filme, in denen Überlebende der nationalsozialistischen Verfolgung von ihren Erfahrungen berichten. Während sich auf der DVD Edition »Zeugen der Shoah« zwölf Erinnerungsberichte von jüdischen Überlebenden der Shoah, von Sinti und Roma, von Homosexuellen, von politisch Verfolgten, von Opfern der »Eugenik« und von Retter*innen und Helfer-*innen finden, berichten in den Anwendungen zur NS-Zwangsarbeit sieben ehemalige Zwangsarbeiter*innen aus unterschiedlichen Gruppen von ihren Erfahrungen in Lagern und Fabriken, dem Verhalten der Deutschen und ihrem Leben danach.

Die Anwendungen wurden schwerpunktmäßig für den Unterricht in den Fächern Geschichte und Deutsch entwickelt. Neben den Video-Interviews beinhalten sie Aufgabenstellungen, Transkripte, Übersetzungen, Fotografien, Filme, Audios, Dokumente, animierten Karten, ein Lexikon und Methodentipps sowie thematische Überblicksfilme. Die DVDs wurden in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben und gemeinsam mit Begleitmaterial für Lehrende vertrieben.

Online zugänglich und nutzerfreundlich erweitert sind die Anwendungen »Lernen mit Interviews: Zwangsarbeit 1939-1945« und »Lernen mit Interviews: Zeugen der Shoah«. Neben den Interviewfilmen enthalten sie Arbeitsvorschläge für unterschiedliche Niveaustufen, die bereits in einer 90-minütigen Unterrichtseinheit durchgeführt werden können.

Die bisherigen Erfahrungen mit dem Einsatz der Anwendung zeigen, dass die Jugendlichen sich von den digitalen Zeugnissen persönlich angesprochen fühlen. Dabei kommen geschichtliche, ethische und mediale Fragen eng zusammen, wenn etwa diskutiert wird, was die Jugendlichen die Überlebenden selbst gerne gefragt hätten und inwiefern sie das Gefühl haben, der im Video erzählenden Person tatsächlich begegnet zu sein.