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Solidarität mit französischen Lehrer*innenLiberté, j’enseigne ton nom

»Freiheit, ich lehre Deinen Namen«, »Ich bin Lehrer«, »Ich bin Samuel«. Tausende versammeln sich überall in Frankreich, um ihr Entsetzen über den Mord an dem Lehrer Samuel Paty auszudrücken und ihre Solidarität zu zeigen.

01.12.2020 - von Eva Besler und Christiane Pecek

Präsident Macron veranstaltete eine Gedenkfeier im Hof der Sorbonne in Paris. Was war geschehen? Was führte zu dieser starken Betroffenheit? Samuel Paty, Geschichts- und Geografielehrer in einer Sekundarschule nördlich von Paris, hat am 5. und 6. Oktober wie jedes Jahr in einer 8. Klasse im Fach Staatsbürgerkunde eine Unterrichtseinheit über die Meinungsfreiheit durchgeführt. Wie jedes Jahr hat er Schüler*innen, die wegen von ihm verwendeter Karikaturen von Mohammed aus Charlie Hebdo schockiert sein könnten, angeboten, den Raum zu verlassen, die Augen zu schließen oder sich abzuwenden.

Lehrkräfte verdienen Wertschätzung

Ehemalige Schüler*innen, die ihn sehr schätzten, kannten diese Unterrichtseinheit und wussten, wie respektvoll Samuel Paty mit den Schüler*innen umging. Eine aufsässige Schülerin, die wegen Beleidigungen schon vorher von der Schulleitung vom Unterricht ausgeschlossen worden war, erzählte trotz ihrer Abwesenheit in der Stunde, dass der Lehrer gesagt habe, »Muslime müssen raus«. Ihr Vater begann, in sozialen Medien gegen den Lehrer zu hetzen. Er verlangte, dass dieser »Strolch« aus dem Schuldienst entlassen wird. Er machte den Namen des Lehrers und der Schule öffentlich. Ein bekannter Islamist bot seine Hilfe an. Der Vater ging zur Polizei, um den Lehrer wegen der Verbreitung pornografischer Bilder anzuzeigen. Am 8. Oktober empfing die Schulleiterin den Vater mit dem Islamisten zusammen zu einem Gespräch mit dem Lehrer. Die Medienkampagne ging aber weiter. Am 12. Oktober zeigte der Lehrer seinerseits den Vater wegen Verleumdung an.

In der Nähe von Évreux, 100 km entfernt, fühlt sich ein 18jähriger Tschetschene zur Rache berufen und bereitet seine Tat vor. Er findet dabei Freunde, die mit ihm ein Messer kaufen und ihn bis vor die Schule fahren. Am Freitag, dem 16. Oktober, Beginn der Herbstferien, um 14 Uhr bietet er Schüler*innen 300 Euro an, wenn sie ihm zeigen, wer Samuel Paty ist. Zwei Schüler- gehen darauf ein. Um 16 Uhr kommt der Lehrer aus der Schule, wird vom Täter verfolgt und ermordet. Der Mörder wird später von der Polizei erschossen.

Soweit die Fakten, die man rekonstruieren kann. Aber was nicht klar wird, sind die Reaktionen und Entscheidungen der Vorgesetzten des Lehrers, der Schulleiterin, des Schulrats, bis ins Ministerium. Es soll ein Berater der Schulbehörde an einem Gespräch mit dem Lehrer teilgenommen haben, der über die Neutralität der staatlichen Schule gesprochen habe. Angeblich, um den Lehrer zu unterstützen oder doch um ihn zu ermahnen?

Seit Jahrzehnten schon sehen sich französische Lehrer*innen mit Eltern und Schüler*innen konfrontiert, die sich einmischen, bestimmen wollen, welche Themen vom Unterricht ausgenommen werden und die gegen Sexualkunde und Schwimmunterricht klagen. Leider reagieren Kolleg*innen und Vorgesetzte nicht immer konsequent. Sie wollen keine Probleme, keinen Skandal, geben nach, beschwichtigen und verlangen sogar von Lehrer*innen Entschuldigungen wegen angeblicher Islamophobie oder Rassismus.

Solidarität mit allen französischen Kolleg*innen

Die linksliberale Tageszeitung Libération schreibt an die Adresse der französischen Öffentlichkeit: »Es ist an der Zeit, den Lehrern endlich die Wertschätzung, den Schutz und die Bezahlung zu geben, die sie verdienen, angesichts der Aufgaben, die wir ihnen übertragen.«

Wir sprechen allen französischen Lehrer*innen unsere ganze Solidarität aus angesichts der Ermordung ihres Kollegen, der der fanatischen Blindheit gegenüber dem Grundrecht auf Meinungsfreiheit zum Opfer gefallen ist. Wie für unsere französischen Kolleg*innen ist die Erziehung zum kritischen Denken und zur Toleranz die Grundlage unserer Arbeit. Wir sind beeindruckt von der Solidarität Frankreichs mit seinen Lehrer*innen und sind bei ihnen.