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SchuleMachen wir das Beste daraus

Die Corona-Krise ist auch eine Chance, Bestehendes in Frage zu stellen und Alternativen zu denken. Das gilt insbesondere auch für schulische Lernverhältnisse.

14.09.2020 - von Kai Brokopf

Es ist zu einem Bonmot geworden, dass die Corona-Krise alle trifft, aber unterschiedlich hart. Dabei folgt die Schwere der Auswirkungen in der Regel den klassischen Exklusionsmechanismen unserer Gesellschaft – je prekarisierter die Lebensbedingungen, desto schwerer lassen sich die Krisenfolgen abfedern.

Ein Bereich, in dem diese Ungleichheit besonders zu Tage tritt, ist das Bildungswesen. Während einzelne Schüler*innen streckenweise von einer individuellen Betreuung im Homeschooling profitieren können, sind die Auswirkungen schwerwiegend für diejenigen, die sich zu Hause den wenigen Platz mit mehreren Geschwistern teilen müssen, ebenso den einzigen Computer, wenn es denn einen gibt. So öffnet sich die berühmte Schere wieder ein Stück weiter.

Um wenigstens diese Schieflage wieder auszugleichen, ist der Ruf nach einem schnellen Regelbetrieb im neuen Schuljahr nur zu verständlich.

Wie es nach der Krise weitergeht, entscheiden Menschen

Doch es gibt auch gute Gründe, nicht einfach zum Status quo ante zurückzukehren, sondern die Krise vielmehr als Ausgangspunkt für grundlegende Veränderungen zu nutzen. Viele Lehrkräfte dürften die Vorzüge kleinerer Lerngruppen und des gesunkenen Notendrucks zu schätzen gelernt haben. Warum nicht alles daran setzen, dies auch in Zukunft beizubehalten? Nicht zuletzt machen sie das Schulsystem ein wenig resilienter angesichts zukünftiger Pandemie(welle)n.

Immerhin stellt die jetzige Situation durchaus ein historisch einmaliges, vielleicht sogar globales Möglichkeitsfenster dar. Die Wirtschaft ist in der Krise, zumindest die reichen Staaten sind in der gestalterischen Offensive, die Gesellschaften durchgeschüttelt aber auch sensibilisiert für Veränderung, Solidarität und die Historizität des Moments. Und im Hintergrund die für viele plötzlich gemachte Erfahrung, dass sichergeglaubte Verhältnisse im Nu durcheinander geraten können.

Angesichts dieses Möglichkeitsfensters bringen sich restaurative Kräfte bereits in Stellung. Flug- und Autoindustrie wollen im Schatten der Krise die Halbwertszeit ihrer fossilen Geschäftsmodelle verlängern, während Stimmen laut werden, das jetzt knappere Geld beim Klimaschutz zu kürzen. Von den beschlossenen Konjunkturmaßnahmen profitieren Unternehmen in besonderem Maße und als scheinbare Lösung globaler Herausforderungen wird ein Rückzug ins Nationale praktiziert.

Es ist also mehr als an der Zeit, progressive Antworten auf die Krise zu finden, die sich nicht in Abwehrkämpfen gegenüber falschen Lösungen erschöpfen, sondern selbstbewusst und radikal eigene Ansätze denk- und umsetzbar machen.

Was könnte das konkret für den schulischen Bereich bedeuten? Neben dem klassischen Kampf für lern- und entwicklungsförderlichere Bedingungen wie etwa kleinere Klassengrößen oder ein längeres gemeinsames Lernen, besteht eine wichtige Möglichkeit in unserem alltäglichen Handeln in der Schule.

Unser Bildungswesen reproduziert grundlegende Mechanismen eines kapitalistischen Wirtschafts- und Herrschaftssystems. Es ist – zwar nicht nur, aber in hohem Maße – auf Selektion, Konkurrenz und Verwertbarkeit ausgelegt. In einer Welt, in der dies wesentliche Merkmale des gesellschaftlichen Handelns sind, bereitet die Schule so gesehen sogar auf »das Leben« vor. Zudem ist das Schulsystem hierarchisch organisiert, und wie in jeder Struktur internalisieren die in ihr Arbeitenden ein Stück weit ihre Wirkungsweise und handeln ungewollt in ihrem Sinne.

Schüler*innen vor »kapitalistischer Traurigkeit« schützen

Dennoch stellt Schule einen Gestaltungsraum dar, dessen Möglichkeiten zwar nicht über-, aber eben auch nicht unterschätzt werden sollten. Statt junge Menschen lediglich auf die als »das Leben« verbrämte kapitalistische Traurigkeit vorzubereiten, kann Schule auch zu einem gewissen Grad eine Art Schutzraum vor eben jener darstellen. Statt Konkurrenz und Hierarchisierung einzuüben, sollten sie hinterfragt werden, sollte man alternatives Handeln entwickeln, erlernen und praktizieren.

Mögliches Handwerkszeug ist altbekannt und kann auf mindestens drei Ebenen angewandt werden: inhaltlich, unterrichtspraktisch und die Schulkultur betreffend.

Schule demokratischer gestalten

So sollten alle Inhalte routinemäßig auf ihren antidiskriminatorischen Gehalt, eine Perspektive »von unten« und alternative Ansätze gegenüber (neoliberaler) Verwertungslogik überprüft werden. Insbesondere Unterricht, der viel mit Beispielen arbeitet, kann auf diese Weise die Reproduktion von Exklusionsmechanismen vermeiden und ihnen bestenfalls entgegenwirken.

Unterrichtspraktisch besteht die Herausforderung häufig darin, Erlerntes auch konsequent anzuwenden und weiterzuentwickeln. Kooperatives, offenes, freieres Unterrichten eben nicht als Extra, sondern als Basis zu praktizieren. So einfach das klingt, als so schwierig entpuppt es sich oft im Schulalltag. Zudem ist eine Fehlerkultur sinnvoll, die von der verbreiteten Defizitorientierung Abstand nimmt. Vielleicht lässt sich ja auch auf Noten verzichten?

Auch die Schulkultur kennt längst partizipatorische und demokratische Elemente, doch werden sie auch zielgerichtet angewandt, gepflegt und ausgebaut?

Wichtig ist dabei, genannte demokratische Elemente nur als Baustein aufzufassen und transparent zu machen, dass systemische Grenzen davon unberührt bleiben oder allenfalls ein Stück weit verschoben werden. Andernfalls haben sie bei aller praktischen Sinnhaftigkeit schnell etwas Ruhigstellendes, was tiefgreifendere Veränderungen eher noch verhindert.

Emanzipatorisches Handeln kann also bis zu einem gewissen Grad im Unterricht erlernt und praktiziert werden, nicht zuletzt durch das Schaffen utopischer Momente, in denen positive Gegenbeispiele erfahrbar werden. Einen organisierten Kampf um andere schulische und generell gesellschaftliche Strukturen ersetzen sie jedoch nicht. Es ist Zeit, anzupacken.