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Kinder-, Jugendhilfe und SozialarbeitMädchen* brauchen Räume

Mädchen*arbeit ist wichtig, denn sie empowert und gibt Mut, an sich zu glauben. Im Rahmen der Reihe »Gesichter der Sozialen Arbeit« haben wir deshalb Erzieherin Nancy Rohde aus dem Mädchen*club HELLA interviewt.

02.09.2021 - Das Interview führte Janina Bähre

bbz: Hallo Nancy, wie bist du zur Sozialen Arbeit gekommen?

Rohde: Ich habe die Schule nach der 9. Klasse beendet und ursprünglich Malerin und Lackiererin gelernt. Dann bin ich mit 19 Jahren nach Berlin gezogen, um meine Abschlüsse nachzumachen. Mein Ziel war das Abitur auf dem Zweiten Bildungsweg. Nebenbei habe ich angefangen, Graffitis zu machen und Workshops in Mädchenjugendclubs in Berlin anzubieten. Ich hatte mir ein ganz eigenes Konzept überlegt und das funktioniert bis heute gut. Nach dem Abitur hat mir eine Freundin erzählt, dass sie die Ausbildung zur Erzieher*in und Kunstpädagog*in macht. Die habe ich dann mit ihr gemeinsam gemacht. Ich habe meine Abschlussarbeit für die Ausbildung zur Erzieher*in über Graffiti-Projekte in Mädchenjugendclubs und Partizipation geschrieben. Ich arbeite heute in einem Mädchen*club, der HELLA in Marzahn-Hellersdorf, mache aber auch Workshops für andere Einrichtungen oder Vereine, wie cultures interactives. Ich habe mich damals bewusst für feministische Mädchen*arbeit entschieden und freue mich, heute in der HELLA zu arbeiten. Da ich eigentlich viele Aufgaben habe, die sozialpädagogischer Art sind, habe ich beschlossen, den berufsbegleitenden Online-Studiengang Soziale Arbeit der Alice Salomon Hochschule zu machen und bin nun im 2. Semester auf dem Weg zur Sozialarbeiterin.

Was für eine Einrichtung ist die HELLA?

Rohde: Die HELLA ist eine Jugendfreizeiteinrichtung speziell für trans und cis Mädchen und Frauen, trans Jungen und Männer sowie inter- und nicht binäre Jugendliche im Alter von 10 bis 22 Jahren. Wir bieten den Mädchen* und jungen Frauen* unabhängig von ihrer individuellen Bedürftigkeit, ihren unterschiedlichen sozialen, religiösen Zugehörigkeiten und Diskriminierungserfahrungen sowie ihrer sexuellen Orientierung und ihrer geschlechtlichen Identität mit der HELLA einen Ort, an dem sie in ihrer Entwicklung gefördert werden. Wir schauen auf Ressourcen und Stärken unserer Besucherinnen* und überlegen, wie wir sie empowern und unterstützen können. Wir planen gemeinsam mit den Mädchen* das Wochenprogramm, um es auf ihre Bedürfnisse abzustimmen und so viel Partizipation wie möglich zu ermöglichen. Auch bei der Veränderung von Räumen entscheiden wir gemeinsam. Schon bei den Youngstars, also bei den kleineren Mädchen* gibt es die Möglichkeit, die Gesprächsthemen selbst zu bestimmen. Miteinander sprechen wird bei uns großgeschrieben.

Wie lange arbeitest du schon in der HELLA, was sind dort deine Aufgaben?

Rohde: Ich arbeite seit zwei Jahren im HELLA Mädchen*Klub. Ich bin unbefristet angestellt als Erzieher*in. Da unser Team auf Hierarchien verzichtet, und wir uns zum größten Teil selbst organisieren, haben wir alle Aufgaben durch vier geteilt. Meine Aufgaben sind die Monatsstatistik, Vermietung, Hygiene, Kunstwerkstatt, Kochen, Beratung und noch einige mehr. Ich mache viele kreative und handwerkliche Angebote, wie Graffiti zum Beispiel. Wir arbeiten eng mit unserem Träger zusammen und haben eine pädagogische Leitung, die uns zur Seite steht. Doch lässt uns unser Träger sehr frei arbeiten und mischt sich nur selten ein.

Welche Kompetenzen sind bei deiner Arbeit wichtig?

Rohde: Vor allem Sozialkompetenzen sind wichtig. Kommunikationskompetenzen, Empathie, Offenheit, Toleranz. Und vor allem müssen wir fähig sein, auf Augenhöhe mit den Jugendlichen zu sprechen und Demokratie nicht nur zuzulassen, sondern auch zu befördern. Wir müssen gut beobachten können, um Bedürfnisse und Nöte zu sehen und entsprechend pädagogisch handeln zu können. Wir brauchen Fachwissen und Kontakte zu Expert*innen, um die Mädchen* zu unterstützen, daher ist Networking auch wirklich wichtig, denn die Problemlagen sind oft sehr verschieden und vielfältig.

Versteht ihr eure Arbeit als politisch?

Rohde: Natürlich. Mädchen*arbeit ist immer parteiisch. Entsprechend unseres Leitbildes wirkt unsere Arbeit vor allem präventiv und soll Benachteiligungen und Diskriminierungen minimieren. Uns geht es unter anderem darum, patriarchale, heteronormative Strukturen, Rassismus, soziale und materielle Armut zu thematisieren und zu mehr Gleichberechtigung junger Menschen beizutragen.

Die Mädchen* beteiligen sich selbstorganisiert an Demonstrationen, die Ungleichheiten aufgrund von Ethnie oder Geschlecht thematisieren. Wir ermutigen die Mädchen* Ungleichbehandlungen in ihrem Alltag zu erkennen und aktiv entgegenzuwirken. Da wir ein Platz sind, wo die Mädchen* ihre geschlechtlichen und sexuellen Identitätsentwürfe thematisieren, leben und sich in Gruppen innerhalb der HELLA organisieren können, verfolgen wir auch den Anerkennungsansatz der Sozialen Arbeit. Diversity findet bei uns nicht nur in der HELLA statt. Das Aufeinandertreffen mit verschiedenen Menschen fördern wir auch durch Vernetzungen und Unternehmungen mit anderen Mädchen*-Einrichtungen, wie der Tivolotte in Pankow oder der Schilleria in Neukölln, wo Mädchen* sich begegnen können, zusammen Erkundungen machen und ihre Lebenswelten gegenseitig vorstellen. Die Mädchen* haben bei uns nicht nur einen safe space, sondern auch einen Ort, an dem sie diskutieren und mitgestalten dürfen. Derzeitig stehen wir auch vor der politischen Frage, inwiefern wir mit unseren Angeboten noch queerer werden, denn mitunter gibt es da Konflikte unter unseren Besucherinnen*.

Wie meinst du das?

Rohde: In der HELLA stehen wir jeden Tag vor neuen Herausforderungen sowie Spannungen um Akzeptanz von Diversity. Zum Beispiel sind wir ja ein reiner Mädchenclub gewesen, sind nun ein Mädchen*club und offen für viele Geschlechtsidentitäten, was mitunter für Verwirrung sorgt, vor allem wenn sich Besucherinnen* gerade in der Transgression, der Geschlechtsanpassung befinden. Mitunter sind wir auch mit Rassismus und Vorurteilen konfrontiert, vor allem, wenn Mädchen* mit Fluchterfahrung auf alteingesessene Besucherinnen* treffen. Wir versuchen bei solchen Konflikten durch viele Gespräche und Fragen aufzuklären, damit sie sich gegenseitig verstehen und respektvoll behandeln. Entsprechend unserem Leitbild thematisieren wir die Verschiedenheit von Mädchen*, das heißt damit auch Privilegien und Diskriminierungen untereinander. Auch finden immer wieder Workshops unter professioneller Anleitung zu Rassismus statt, wo die Besucherinnen* eher spielerisch einen Zugang zueinander bekommen sollen.

Welche Angebote habt ihr noch?

Rohde: Wir bieten Beratung, Hausaufgabenhilfe, psychosoziale Beratung, einen Garten, verschiedene Projekte an, wie »Herz, Bauch, Kopf«, ein sexualpädagogisches Angebot oder »Connecte Dich«, ein medienpädagogisches Angebot. Wir bieten Tanz, Theater, Performance, eine Kreativ- und eine Fahrradwerkstatt, Angebote zu Bewegung und Entspannung, ein Queer Café, sowie Workshops zu Social Justice, Fat-Empowerment oder auch zu Mobbing oder Rassismus in der Schule an. Damit die Mädchen* einen anerkennenden Umgang miteinander pflegen, gibt es in allen Workshops und Gruppen miteinander vereinbarte Regeln, die vor allem Wertschätzung verschiedener Meinungen und Eigenschaften beinhalten. So haben wir immer donnerstags Theater, wo sich die Besucherinnen* unter Anleitung von meiner Kollegin Alina mit ihrer eigenen und anderen Identitäten spielerisch kreativ auseinandersetzen, was wiederum dazu führt, dass sich alle gegenseitig besser kennenlernen und erkennen, dass sie, gerade weil sie so unterschiedlich sind, verschiedene Ressourcen mitbringen, aber dennoch auch Gemeinsamkeiten haben. Wir bieten auch Ferienfahrten an, sprechen mit Eltern, der Schule oder den Ämtern.

Welche Sorgen und Wünsche hast du?

Rohde: Dass es irgendwann heißt, Mädchen*arbeit wäre überflüssig. Es wird ja jetzt schon oft gefragt: »Wozu braucht man das noch?« Derweil ist unsere Arbeit immer noch wichtig und wir noch weit entfernt von echter Gleichberechtigung. Ich würde mir wünschen, dass Mädchen*arbeit besser gefördert, weiter ausgebaut wird, und es mehr queere Räume oder endlich eigene Einrichtungen für queere Jugendliche gibt.    

Sternenkunde

Mit Mädchen* und jungen Frauen* meint die HELLA alle, die Mädchen* und junge Frauen* sein wollen, sollen oder müssen. Gleichzeitig markiert das * die Unabgeschlossenheit und Veränderbarkeit von Geschlecht. Das Anhängen des* an Begriffe (Mann*/Frau*) ist allerdings in der queeren Community umstritten, deswegen verzichtet die bbz in der Regel darauf.