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arme Kinder, reiches LandMammutaufgabe Armutsprävention

Auf der Suche nach einer gesamtstädtischen Strategie zur Reduzierung der Kinderarmut arbeitet seit einem Jahr die Landeskommission zur Prävention von Kinder- und Familienarmut in Berlin.

05.07.2018 - von Regine Schefels

Wer sich in Deutschland mit Kinderarmut beschäftigt, muss sich der Frage stellen, wer hierzulande als arm gelten darf. Während die Bilder mit hungrigen Kindern aus anderen Teilen der Welt sehr präsent sind, zeigt sich Kinderarmut in unserer Nachbarschaft deutlich verschämter. Es wäre allerdings ein Trugschluss, daraus abzuleiten, dass Berliner Kinder nur selten Armut erfahren. Das Gegenteil ist der Fall, denn seit über zehn Jahren sind die Armutsgefährdungsquoten unverändert hoch. Nahezu jedes dritte Kind in Berlin lebt von Transferleistungen wie Hartz IV. Dabei sind solche Angaben nur ein Ausschnitt, der Armut beschreibt. Wer genauer hinschaut, muss feststellen, dass ein Aufwachsen in Armut für Kinder massive Einschränkungen und langfristige Folgen nach sich zieht.

Finanzielle Einschränkungen fallen meist zuerst in den Blick. In der Kita fehlt die passende Kleidung, in der Schule geht es um die Finanzierung der Klassenfahrt und am Ende des Monats reicht es oft nicht mehr für den Einkauf im Supermarkt. Ständig stehen Ausgaben an, die Eltern vor neue Herausforderungen stellen. Familiengespräche drehen sich immer wieder um Geld und um Strategien, wie Ausgaben finanziert werden können. Laut einer Untersuchung der Bertelsmann Stiftung lebt jedes fünfte Kind in Deutschland in wiederkehrenden oder dauerhaft in solchen Armutslagen. Die finanziellen Sorgen belasten Eltern wie Kinder, denn sie werden zu einem ständigen Begleiter des Familienlebens. Dennoch sind sie nur ein Detail im Kinderleben, das von Mangel geprägt ist.

Während Forschungsergebnisse belegen, dass es Eltern besonders wichtig ist, Kinder ihre finanzielle Not nicht spüren zu lassen, zeigen sie zugleich auf, dass die Folgen von Armut weitreichender sind. So hat das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. in einer Studie eindrucksvoll dargestellt, wie sich die Lebensbedingungen von armen und nicht armen Kindern unterscheiden. Bereits in der Kita-Zeit wurden deutliche Unterschiede in der Grundversorgung, bei der Gesundheit sowie bei der sozialen Lage und kulturellen Teilhabe ermittelt. Weitere Befragungen in der Grundschulzeit und Pubertät zeigen, dass sich diese Unterschiede dramatisch verstärken. Armut ist ein Belastungsfaktor, der sich auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen besonders stark und negativ auswirkt.

Eltern erleben Ressentiments und Ablehnung

Unregelmäßige Mahlzeiten, hoher Medienkonsum und ein erhöhtes Risikoverhalten sind einige der Befunde, die negativ auf die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen wirken. Dazu kommen Einschränkungen im sozialen Bereich. Freunde können nicht mit nach Hause gebracht werden, der Kindergeburtstag muss ausfallen und Freizeiterlebnisse dürfen nichts kosten. Mehr als zwei Drittel der Kinder aus armen Familien fahren nicht in die Ferien, oft geht es noch nicht ein-mal über den eigenen Kiez hinaus. Als wären das nicht genug Einschränkungen, die Kinder in ihrer eigentlichen Aufgabe einschränken, sich zu entwickeln und heranzuwachsen, kommen weitere Beschränkungen im Bereich Bildung und Teilhabe hinzu.

Kinder aus armen Familien haben häufiger schlechte Noten, wiederholen entsprechend öfter eine Klasse und besuchen seltener ein Gymnasium. Schon bei der Einschulung zeigt sich, dass die sprachliche Entwicklung Lücken aufweist und frühe Förderung nicht in dem Maß angekommen ist, wie es wünschenswert wäre. Bildungsangebote werden von armen Familien weniger genutzt, doch zugleich reicht die Förderung aus dem Elternhaus oft nicht aus, um gute Schulnoten zu erzielen. Befragungen zeigen dabei deutlich, dass auch arme Eltern Bildung als wesentlichen Zugang für gute Chancen interpretieren und ihren Kindern einen besseren Bildungsabschluss wünschen, als sie selbst vorweisen können. Eltern erleben aber zugleich auch Ressentiments und Ablehnung in der Kita und der Schule. Sie äußern die Sorgen, dass sie ihrem Kind nicht die notwendige Unterstützung bieten können, Kosten anfallen oder Träume geweckt werden, die sie für nicht erfüllbar halten. Die Unsicherheit, was andere erwarten, wie die Bildungsunterstützung finanziert werden kann, Überforderung und Zeitmangel sind einige der Gründe, die als Hemmschuh für elterliche Aktivität und die Suche nach der passenden Förderung wirken.

Was muss sich ändern, damit Kinder aus armen Familien gute Chancen für Bildung und Teilhabe erhalten? Wir haben kein Erkenntnisproblem, wie die vorangegangenen Ausführungen zeigen. Ändern muss sich etwas bei der Umsetzung von Prävention und Armutsbekämpfung.

Die Landeskommission zur Prävention von Kinder- und Familienarmut in Berlin entwickelt mit zahlreichen Akteur*innen aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Arbeitsagentur und Verbänden passende Maßnahmen zu einzelnen Schwerpunkten und unterlegt diese mit Indikatoren, damit messbar wird, in welchem Maß sie zur Armutsreduzierung beitragen. Doch allein die Ansammlung einzelner Bausteine wirkt nicht zielgenau genug, wie die Erfahrungen aus den vergangenen Jahrzehnten zeigen. Deshalb soll die Wechselwirkung zwischen den unterschiedlichen Bereichen, der existenziellen Versorgung, der gesundheitlichen Entwicklung und dem Zugang zu Bildung und Teilhabe im Rahmen einer Strategieentwicklung in den Blick genommen werden. Da geht es um die Verbesserung von Zugängen zu Unterstützungsangeboten, um Lotsen, die neue Wege eröffnen, um zielgenaue Informationen und um passende Leistungen für Familien. Armut ist ein komplexes Thema, das sich für Kinder in ihrer Entwicklung an allen Ecken und Enden zeigt. Deshalb muss mit strategischen Ansätzen und einem Blick für angrenzende Problematiken an die Lösung herangegangen werden. Wir sind in Berlin auf einem guten Weg.

Armutsdefinition _ Der politischnormative Ansatz bemisst Armut nach einem staatlich definierten Existenzminimum. Dieser bildet sich im Warenkorb der Hartz IV Regelsätze ab, aktuell 416 Euro.