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blz 12 / 2013Man kümmert sich mehr um sein Privatleben

Thomas Isensee über sein Leben als Bildungsexperte und die Mühen und Freuden des Ruhestands.

01.12.2013 - Das Interview führte Klaus Will, blz-Redaktion

THOMAS ISENSEE: Oh, schwere Frage. Also: Man sollte auf jeden Fall viel Sport treiben. Keinen Leistungssport, sondern einfach sich bewegen. Körperliche Bewegung und geistige Bewegung gehen ja zusammen. Das ist es eigentlich – für mich.

Also, du meinst viel Fahrradfahren?

Ja auch, aber auch Joggen, Gymnastik machen, was auch immer. Hier im GEW-Haus wird ja viel im Chor gesungen. Das ist zwar nichts für mich, aber das hält die SängerInnen bestimmt auch frisch und beweglich.

Du bist einer der bestinformierten Bildungsexperten in Berlin. Hier geboren, hier zur Schule gegangen, hast du als Gesamtschullehrer die Berliner Bildungspolitik seit den 60ern hautnah mitbekommen und auch mitgestaltet. Wolltest du darüber nicht mal was schreiben?

Ja, wollte ich eigentlich. Ich war auch fleißig im Archiv und habe viele Dinge zusammengetragen, zu dem Thema, zu dem ich schreiben wollte: Ich wollte über meine Schule, die Martin-Buber-Oberschule in Spandau, was schreiben. Aber dann habe ich festgestellt: Die Martin-Buber-Oberschule existiert eigentlich gar nicht. Keiner hat irgendwas aufgehoben, es gibt keine Dokumente und keine Archivalien. Auch an der Schule selbst hatten wir anscheinend genug mit der Arbeit zu tun und haben kein Archiv angelegt. Tja, da habe ich mich stärker meinem Privatleben zugewendet, zum Beispiel habe ich geheiratet...

Deine Schule wurde immerhin 1992 laut der Umfrage einer damals bekannten Zeitschrift zur »beliebtesten Schule Berlins« erklärt. War sie das denn auch?

Das stand in der Programmzeitschrift »Prinz« – nicht gerade eine pädagogische Fachzeitschrift. Wir und vor allem die Schüler haben uns über diesen Titel immer amüsiert. Als ich mal jemanden zusammengestaucht habe, hat der gesagt: »Aber wir sind doch die »Wohlfühlschule!« und hatte die Lacher auf seiner Seite. Aber so ganz falsch war der Titel nicht, denn wir waren tatsächlich sehr beliebt.

Unsere Anmeldezahlen überstiegen mehrfach die zur Verfügung stehenden Plätze, mit der Nachfrage hätten man gut und gerne noch drei Schulen bestücken können. Wir haben wahrscheinlich unter den Anmeldungen mehr Gymnasialempfohlene gehabt, als viele Gymnasien in Spandau. Seltsamerweise waren wir trotzdem in der Senatsbildungsverwaltung eher unbeliebt. Geschweige denn, dass dort jemand auf den Gedanken gekommen ist, sich zu fragen, was die denn eigentlich machen, wenn die so beliebt sind. Davon hätte man ja lernen können, nicht nur von uns: Es gab ja auch noch einige Schulen mehr mit hoher Nachfrage. Unsere Schule und einige andere haben den Beweis geliefert, dass eine integrative Schule durchaus machbar ist, akzeptiert wird – und sich von den Ergebnissen hinterher auch sehen lassen kann. Wir hatten als Ergebniskontrolle ja die Möglichkeit nachzuschauen, mit welcher Empfehlung die SchülerInnen zu uns gekommen sind und mit welchem Ergebnis sie die zehnte Klasse abgeschlossen haben. Da war es ganz selten, dass jemand schlechter abgeschlossen hat; die meisten sind besser rausgekommen, als sie reingegangen sind.

Die GEW hat sich nicht nur um die Interessen der Pädagogen gekümmert, sondern auch um die Bildungspolitik in Berlin. Du hast dich beim Kampf dieser zwei Linien immer auf die Seite der Bildungspolitik geschlagen. Du warst, glaube ich, auch nie Personalrat

Immerhin war ich mal auf der Nach-rüc-kerliste des Spandauer Personalrats! Aber es stimmt, mich hat immer mehr die Bildungspolitik interessiert. So war ich Anfang der 80er Jahre nach der »Wiedervereinigung« der beiden GEWs im GLV zuständig für die Bildungspolitik, also damals Referat B, und dann noch einmal recht lange von 1997 bis 2005. Aber ich habe natürlich nichts gegen Personalräte, denn unmittelbare Interessenvertretung ist ja der Kern von Gewerkschaftsarbeit. Andererseits haben Gewerkschaften aber auch einen gesellschaftspolitischen Anspruch auf Durchsetzung sozialer Gerechtigkeit und Chancengleichheit. Da muss man dann auch bildungspolitisch diskutieren, wenn man das durchsetzen will. Mal ganz davon abgesehen, dass bildungspolitische Entscheidungen auch die Arbeitsbedingungen der KollegInnen ziemlich kräftig beeinflussen können.

Das sieht man ja nicht zuletzt ganz aktuell jetzt!

Genau! Aber es ist natürlich auch schwieriger über bildungspolitische Konzepte zu diskutieren als meinetwegen über die Höhe des Stundendeputats oder die Klassenfrequenzen. Darüber lässt sich in der GEW schneller Einigkeit erzielen als beispielsweise über die Frage, wie die Schulstruktur künftig aussehen soll, für die sich die GEW einsetzen will. Diese Schwierigkeit hat man angesichts der Inklusion mit vielen Sonderschullehrkräften ebenso wie mit vielen Gymnasiallehrkräften. Da gibt es erheblich mehr inneres Konfliktpotenzial als bei den allgemeinen Arbeitsbedingungen oder der Gehaltshöhe.

Kommen wir mal weg von der Bildungspolitik zu deinem zweiten Standbein in der GEW, der AG Internationale Beziehungen. Immer wenn eine ausländische Delegation in Berlin mit der GEW sprechen will, bist du an der Reihe. Wie bist du zu diesem Arbeitsfeld gekommen?

Na, inzwischen bin da nicht mehr ganz allein. Mit Hilfe von Reinhard Brettel von den Jungen Alten haben wir einen Aktivenkreis aufgebaut, der Leute mit unterschiedlichen Landes- und Sprachkenntnissen umfasst. Ich kann ja nur Englisch und Spanisch einigermaßen gut. Jetzt haben wir aber auch KollegInnen, die einen sehr viel größeren Sprachenkreis abdecken, Russisch, Italienisch, Türkisch, Französisch.

Angefangen hat das bei mir damit, dass ich mich als Auslandslehrkraft beworben und deswegen extra auch Spanisch gelernt habe, aber nichts Vernünftiges angeboten bekommen habe. In den 80ern hat mich dann Sybille Volkholz, damalige stellvertretende Vorsitzende der GEW BERLIN, angesprochen, weil sie jemand brauchten, der einen Container mit Spenden nach Nicaragua bringt. Den Flug musste ich selbst bezahlen, dafür gab es keinen Etat! Der Initiator Hans-Jürgen Lindemann hatte aus irgendeinem Grund keine Zeit. So fing das an. Dann kam die Betreuung von politisch verfolgten KollegInnen: Berlin ist ja als Hauptstadt Ziel von Delegationen, die mit Bundestag und Regierung sprechen wollen, so die kolumbianischen Gewerkschafter, als es um das Freihandelsabkommen zwischen EU und Kolumbien ging. Da sind Pensionäre immer gefragt, weil sie freie Zeit haben, und Manfred Brinkmann, der einzige internationale Sekretär, den die GEW Bund sich meint leisten zu können, sich nun mal nicht teilen kann.

Das ist ein guter Übergang. Du hast dich mit 63 Jahren pensionieren lassen: Keine Lust mehr gehabt?

Da war einfach noch eine Chance. Damals gab es für kurze Zeit noch diese Altersteilzeitregelung. Und da ich damals noch daran gedacht hatte, dieses Buch zu schreiben, habe ich zugegriffen. Ich war gerne Lehrer, hatte wohl auch noch Lust gehabt. Aber ich war damals auch gesundheitlich etwas angeschlagen.

Da kam das Angebot gerade recht. Und es hat mit gut getan, denn im Ruhestand ging es mir gesundheitlich schlagartig besser. Das Buch habe ich dann trotzdem nicht geschrieben, aber das habe ich ja schon erzählt.

Und wie fühlt man sich so als Pensionär? Keine Sehnsucht nach Schule?

Nein, das eigentlich nicht. Aber was mir fehlt, ist der Kontakt mit Jüngeren. Also sozusagen die Pause: Das ist ja immer der Grund, warum so viele Schüler gerne zur Schule kommen: weil sie dort in den Pausen ihre Kumpel treffen. Also, das fehlt mir manchmal schon. Deswegen gehe ich auch ganz gerne zu den Ehemaligen-Festen meiner Schule, ein kleiner Ausgleich. Aber sonst, muss ich sagen, war das Schwierigste, das neue Leben zu organisieren, wenn die Steuerung der Zeit nicht mehr vom Job kommt.

Das war viel schwieriger, als ich es mir vorgestellt hatte. Wenn ich Mu-siker wäre, wäre das wahrscheinlich kein Problem, oder wenn ich schreiben oder malen würde: Dann hätte ich die Zeit, das endlich zu meinem Lebensinhalt zu machen. Aber wenn man gerne unterrichtet hat, und man ist kein Musik- oder Sportlehrer, dann kann man nicht einfach weitermachen, dann muss man sich erst einmal neu orientieren und sortieren. Und man kümmert sich dann, wie gesagt, mehr um sein Privatleben.

Na ja, du hast aber auch noch eine Menge Zeit in internationalen Beziehungen gesteckt.

Ja, das stimmt. Aber das ist ja immer nur zeitweise. Dazwischen ist dann auch mal lange Zeit nichts. Ich habe mich ja auch weiter bildungspolitisch engagiert beim Runden Tisch Gemeinschaftsschule. Aber auch das ist ja kein tagesfüllendes Engagement. Ganz davon abgesehen, dass ich mit zunehmendem Abstand von der Schulpraxis und ohne konkretes Projekt, beispielsweise als Berater – aber geht das ohne aktuellen Praxisbezug? – dort langsam etwas rauskomme.

Wir gehen jetzt auch raus: Thomas, besten Dank für das Gespräch.

 


 

Thomas Isensee

Jahrgang 1943, ist im April 70 geworden und hat kurz danach geheiratet. In Berlin geboren, hier studiert und schließlich 1970 als Gesamtschullehrer an die Spandauer Martin-Buber-Gesamtschule gekommen, die er erst 2006 verlässt, um in den Ruhestand zu gehen. Er war von 1983 bis 1985 und von 1997 bis 2005 im Vorstand der GEW BERLIN für die Bildungspolitik zuständig und ist seit vielen Jahren und auch im Ruhestand für die AG Internationales in Berlin und auf Bundesebene aktiv. Bildungspolitisch engagiert er sich weiter beim Runden Tisch Gemeinschaftsschule.

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