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SozialpädagogikMann am Herd löst Staunen aus

Erzieher*innen werden bei der Arbeit mit den Geschlechtervorstellungen von Kindern konfrontiert. Sie können diese Vorstellungen aufgreifen und zum Nachdenken über Geschlechternormen beitragen.

06.03.2017 - von Cem Erkisi

Ich stehe in der Küche und brutzele die Knoblauchwurst, um die Kinder zum Mittagessen zu überraschen. Plötzlich werde ich von diversen Jungen meiner Gruppe gefragt, warum ich als Mann denn kochen würde. Das würden doch nur Frauen machen. Diese Situation ver­anlasste uns, den Vorurteilen der Kinder pädagogisch entgegenzuwirken.

Zum einen spielten die Kolleg*innen zum Karnevalsfest mit ihrer geschlechtli­chen Selbstdarstellung. Es wurden andere Verkleidungsformen als die üblichen Cow­boy­ und Prinzess*innen­Verkleidungen ausgewählt. Männer verkleideten sich als Frauen und Frauen verkleideten sich als Männer. Das führte nicht nur bei den Kindern zu Lachern. Auch die Eltern waren beeindruckt und wurden zur Reflexion veranlasst.

Zum anderen führten wir mit den Kin­dern ein Projekt durch mit dem Ziel, Sen­sibilität für Geschlechterrollen zu schaf­fen und klassische Rollenbilder altersge­recht zu hinterfragen. Wir stellten den Kindern Fragen über ihre Vorstellungen von rollenkonformen Aufgaben für Män­ner und Frauen. Wir erarbeiteten mit den Kindern biologische Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Männern und Frauen. Außerdem entwickelten die Kin­der durch das Projekt ein positives Selbstbild. Dieses Projekt hatte eine sehr positive Wirkung auf die frühe Entwick­lungsphase der beteiligten Kinder.

Doch auch außerhalb des Projektrah­mens wurden tagtägliche Situationen zur Gelegenheit für den Austausch über Geschlechterrollen genutzt. Dass ich als Mann in der Küche stand und es von Sei­ten der Kinder zu entsprechenden Kom­mentaren kam, war sicherlich so ein An­lass. Wohlgemerkt arbeite ich in einer Ki­ta, in der es üblich ist, dass ein Mann für die Kinder kocht. Dennoch verwunderte es sie sehr.

Es braucht ein neues Bauchgefühl

Die Geschlechterforschung beschreibt Kinder im Alter von vier bis sieben Jahren als sehr rigide im Umgang mit ihrer Ge­schlechteridentität. Der gelebte Alltag in den Familien wird sicherlich dazu beitra­gen, dass sich Geschlechterrollen repro­duzieren. Mit diesem Projekt gelang es einem kleinen Erzieher*innenteam, das Rollenverständnis der Kinder ein wenig zu reflektieren.

Die positive Besetzung des Mannes und der von einem Mann ausgefüllten Alltags­aufgaben kann nur durch die Anwesen­heit von Männern in Kitas erreicht wer­den. Ich möchte keine Quotierung in Form einer paritätischen Besetzung vor­schlagen. Das Team soll pädagogisch tä­tig sein und den Kindern keine Idealfami­lie vorleben. Aber ich merke im Laufe meiner Berufsjahre, dass die Anwesenheit von Männern in Kitas die Gesamtsituation verändert. Es kommt fast automatisch zu einem genaueren Hin sehen bei verschie­denen Fragen wie etwa dem Tragen von schweren Gegenständen, der Benutzung von Gemeinschaftstoiletten oder dem Wi­ckeln von Kleinkindern. So beschäftigen sich alle Beteiligten, die Pädagog*innen, die Kinder, die Eltern, und sogar die Trä­ger mit auftretenden Fragen. Und entwi­ckeln ein Bauchgefühl, auf das man Ein­fluss nehmen kann.

Es bleibt dabei. Männliche Erzieher in Kitas sind noch immer nicht verbreitet. Wir alle sollten daher bei Gelegenheit für den Erzieherberuf werben.