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TendenzenMeilenstein der Forschung

Eine neue Publikation widmet sich erstmals umfassend der Geschichte des KZ Sachsenhausen, das direkt vor den Toren Berlins liegt. Der Historiker Hermann Kaienburg liefert damit auch wichtige Anregungen für den Schulunterricht.

16.09.2021 - von Bodo Förster

Sachsenhausen ist bekannt als das Konzentrationslager (KZ) der Reichshauptstadt, aber weniger bekannt ist, dass es auch das zentrale Lager des KZ-Systems war. Mit Sicherheit war dies einer der schrecklichsten Orte in der Geschichte Berlins und seiner Umgebung.

Im Vorwort des neu erschienenen Buches über das KZ Sachsenhausen von Hermann Kaienburg schreibt Wolfgang Benz: »Trotz der gründlichen Aufarbeitung [der Geschichte des Konzentrationslagers Sachsenhausen] fehlte bislang jedoch eine Gesamtdarstellung. [...] Jetzt liegt auf dem neuesten Stand der Forschung die lange erwartete, große Monografie zu einem der wichtigsten Lager im nationalsozialistischen KZ-System vor.«

Einleitend beschreibt Kaienburg den Forschungsstand und die Quellenlage. Die Gedenkstätte Sachsenhausen lag auf dem Gebiet der DDR und galt als »Nationale Mahn- und Gedenkstätte«. Dennoch gab es damals keine wissenschaftliche Publikation zum Thema. Nach der Wende und dem dann möglichen Zugang zu Archiven in der Russischen Föderation wurden in der Gedenkstätte Sachsenhausen konsequent Quellen gesammelt.

Kaienburg widmet sich zunächst der Vorgeschichte des KZ-Systems in den Jahren 1933-36. Anschließend wird die organisatorische Entwicklung des Lagers behandelt. 1940 und 1944 hatte Sachsenhausen auch die Funktion eines Verteilungslagers. Wurden 1940 vor allem Tausende von polnischen Gefangenen in andere Lager überstellt, so kamen 1944 nach Auflösung vieler Lager in den besetzten Gebieten insgesamt über 62.000 neue Häftlinge dorthin, von denen 25.000 weitergeschickt wurden.

Die einzelnen Häftlingsgruppen sind anschaulich beschrieben, sowohl die verschiedenen deutschen Kategorien als auch die vielen Nationalitäten. Geschildert wird unter anderem das Schicksal von 72 Männern aus Norwegen, deren Dorf Telavag im Rahmen einer deutschen Strafaktion 1942 vernichtet wurde. Auch auf die Internierung von Kindern und von Gefangenen des Zellenbaus und des Sonderlagers (beispielsweise Kurt Schuschnigg, Fritz Thyssen, Georg Elser, Martin Niemöller, ein Sohn Stalins) wird eingegangen.

Ein großer Teil des Buches ist den Existenzbedingungen im Lager gewidmet. Die Arten des Terrors veränderten sich, sowohl bei der psychischen Gewaltanwendung als auch bei der strukturellen Gewalt – Vorenthaltung ausreichender Nahrung, Kleidung, Unterbringung und medizinischer Versorgung. Die physische Gewalt nahm in den ersten Kriegsjahren zu, während die strukturelle, besonders beim Umgang mit kranken und geschwächten Häftlingen in den letzten drei Jahren, furchtbare Ausmaße annahm. Kaienburg belegt seine Ausführungen anschaulich mit Zeitzeugenaussagen.

Im Kapitel »Selbstbehauptung, Solidarität und Widerstand« behandelt der Autor, welche Ansätze in den verschiedenen Häftlingsgruppen bestanden. Er widerlegt aber auch überhöhte Vorstellungen. So hat es ein internationales Widerstandskomitee in Sachsenhausen nie gegeben. Sachsenhausen gehört zu den Konzentrationslagern, in denen die meisten Menschenversuche vorgenommen wurden. Hier gibt es noch einigen Forschungsbedarf.

Die Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Außenlagern werden nur in einem Abschnitt am Ende von Kapitel III zusammenfassend betrachtet. Eine Tabelle im Anhang gibt Auskunft über alle Außenlager, deren Existenz eindeutig belegt ist, darunter 20 Frauenlager, die ab August 1944 entweder vom KZ Ravensbrück übernommen (fünf) oder neu gegründet wurden. Die Geschichte des Lagers nach der Befreiung wird relativ kurz dargestellt.

Kaienburg liefert insgesamt eine sehr lesenswerte, gut verständliche Darstellung. Die Verhältnisse im Lager werden durch eine Vielzahl von Zitaten und auch durch zahlreiche Abbildungen anschaulich wiedergegeben. Dieses Buch stellt durch seine wissenschaftliche Genauigkeit und seinen Umfang einen Meilenstein dar, der seinesgleichen sucht. Es sollte in keiner Fachbereichsbibliothek fehlen. Die Darstellung ist als Vorbereitung für Unterricht, Schüler*innenreferate beziehungsweise Abiturthemen und Exkursionen hervorragend geeignet.