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GewerkschaftNachruf auf Ulrich Thöne

Am 3. August 2021 ist Ulrich Thöne kurz vor seinem 70. Geburtstag gestorben. Als Vorsitzender prägte er die GEW nachhaltig.

16.09.2021 - von Rosemarie Pomian, Ilse Schaad und Klaus Schroeder

Mit Ulrich Thöne verliert die GEW einen kenntnisreichen und engagierten Verfechter eines öffentlichen Bildungswesens, das ausreichend finanziert politische Priorität genießt. Wir – seine fachlichen und politischen Weggefährt*innen – verlieren einen Freund. Als langjähriger Vorsitzender ab 1999 erst der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Berlin und ab 2005 als Bundesvorsitzender prägte er die GEW nachhaltig. Als Gewerkschaftspolitiker gewann er bundesweite und internationale Anerkennung.

Saß man mit ihm in einer Vorstandssitzung, in einer Arbeitsbesprechung oder auch mal in einer Beratung mit der Kultusministerkonferenz, konnte es passieren, dass Ulrich vergessen hatte, sein Handy auf lautlos zu stellen. Sein Klingelzeichen riss immer alle vom Hocker: Laut und vielstimmig sangen seine Töchter Maxie, Wanda und Clara das Lied: »Mein Hahn ist tot, mein Hahn ist tot.« Schnell wurde das zu seinem Markenzeichen.

Ganz und gar Gewerkschafter

Ulrich wurde in Paderborn geboren. Nach erfolgreicher Banklehre bei der Deutschen Bank in Münster war er der Einzige, der wegen seines gewerkschaftlichen Engagements als Kreisjugendsprecher des DGB nicht übernommen wurde. Er machte Gutes daraus – nämlich Abitur und dann ein Wirtschaftsstudium zum Diplomhandelslehrer. Sein Referendariat absolvierte er in Berlin. 1986 wurde er durchaus gegen Widerstände als Lehrer am Oberstufenzentrum Gesundheit im Wedding eingestellt. Gewerkschaftlich organisierte er sich schon früh, in seiner Ausbildungszeit in der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV), dann später in der GEW. In Berlin war es für ihn selbstverständlich, aktiv in der GEW Gewerkschaftspolitik zu machen. Er war Mitglied der Bezirksleitung und stellvertretender Vorsitzender des Personalrats der Lehrer*innen und Erzieher*innen im Bezirk Wedding und nach Gründung des Landesschulamtes auch des Personalrats zentralverwalteter und berufsbildender Schulen.

Ein zentrales Anliegen von Ulrich war die Stärkung der GEW durch Mitgliedergewinnung und eine aktionsorientierte Aktivierung der gesamten Organisation. Wie alle Gewerkschaften im DGB verlor die GEW nach der Wende viele Mitglieder. Dieser Herausforderung stellte sich Ulrich konsequent und erreichte schließlich eine bemerkenswerte Trendwende. Bevor Ulrich zum Bundesvorsitzenden gewählt wurde, war die GEW auf unter 250.000 Mitglieder geschrumpft. Mit gezielten Organisationsentwicklungsprojekten, vor allem aber durch eine aktive Tarifpolitik, wurde der Abwärtstrend gestoppt. Als Ulrich 2013 aus Altersgründen seine Gewerkschaftsarbeit beendete, war die GEW auf über 280.000 Mitglieder gewachsen.

Ulrich beschäftigte sich immer schon intensiv mit Statistiken und Prognosen. Er gründete Anfang der 90er Jahre auf Berliner Ebene eine AG Bildungsfinanzierung, die bald Nachahmer in anderen Bundesländern fand und schon im Mai 1996 fand dazu ein Bundeskongress statt, auf dem richtungsweisende Beschlüsse gefasst wurden. Während Bildungspolitiker*innen bei jeder Gelegenheit von einer baldigen Lehrer*innenschwemme faselten, warnte Ulrich vor dem inzwischen nicht mehr zu leugnenden Personalmangel und legte Berechnungen über den künftigen Personalbedarf im Bereich Bildung, Erziehung und Wissenschaft vor. Als die Berliner Politik unter Wowereit, Sarrazin und Böger im Jahr 2000 ein zweites Mal nach der Wende die Pflichtstunden für Lehrkräfte erhöhte, organisierte die GEW den größten Bildungsstreik, den Berlin je gesehen hatte. 50.000 streikende Lehrkräfte, Schüler*innen und Eltern versammelten sich auf dem Alexanderplatz.

Mit vollem Einsatz

Auch wenn Ulrich sich als Vorsitzender in allen Organisationsbereichen der GEW auskannte, hatte er immer schon seine Schwerpunkte. Diese waren neben Bildungsfinanzierung und Organisationsentwicklung die internationale Arbeit und der Kampf gegen Kinderarbeit. Seit 2007 war er Vorstandsmitglied der Bildungsinternationale. 2012 gründete er mit einigen Mitstreiter*innen die Stiftung »Fair Childhood – Bildung statt Kinderarbeit«, die dem Verbot von Kinderarbeit Geltung verschaffen und das Recht aller Kinder auf Bildung verwirklichen will. Aus den Mitteln werden Projekte von Bildungsgewerkschaften in armen Ländern gefördert, die Kindern statt Arbeit den Schulbesuch ermöglichen.

Ulrich litt an einer chronischen Krankheit, die seine Beweglichkeit immer stärker einschränkte. Er kämpfte immer dagegen an und bezwang sportliche Herausforderungen mit viel Willenskraft. Als er 2001 beim Klettern im Elbsandsteingebirge mehr als 10 Meter abstürzte, bangte die GEW BERLIN tagelang um sein Leben. Er kämpfte sich zurück.

In den letzten Jahren lebte er mit Christiane, seit 45 Jahren die Frau an seiner Seite, im von einer Genossenschaft errichteten »Möckernkiez«, für dessen Bestand Ulrich auch lange Jahre stritt. Der Möckernkiez erwarb ein Gemeinschaftsgrab auf dem Alten St. Matthäus Kirchhof. Ulrich wird nun als erster Möckernkiezianer dort beigesetzt.    

Rosemarie Pomian, Ilse Schaad und Klaus Schroeder

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