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bbz 03 / 2016Neue Schulen braucht das Land

Marode Schulbauten einerseits, steigende SchülerInnenzahlen andererseits. Der Schulbau ist in der Krise.

01.03.2016 - Ulrich Meuel und Klaus Will

Schon 2008 schrieb Tanjev Schulz in der Süddeutschen Zeitung, es sei nur schwer zu ertragen, dass selbst die kleinsten Filialen der Banken opulenter eingerichtet seien als die meisten Schulen und Hochschulen. Unnötige Bescheidenheit sei es, dass das Personal bereits zufrieden sei, wenn das Dach dichthalte und es nicht hineinregne. Landauf, landab sind auch heute noch die Klagen über unzumutbare Schulen zu hören. Der jahrelange Sparkurs, scheinbar zum Wohle der Aktie Deutschland, hat nicht nur die Bahnen und Straßen ruiniert, sondern insbesondere viele Schulen. Dabei war ein Anstieg der SchülerInnenzahl seit langem absehbar. Aber gut, dafür gibt es inzwischen mehr MilliardärInnen.

Den Sanierungsstau beheben reicht nicht

Es sind heute gewaltige Summen nötig, damit ein gewisser hygienischer Standard in den Schulen hergestellt und die notwendigsten Reparatur- und Erneuerungsarbeiten erledigt werden können. Hinzu kommen dringend notwendige Investitionen für die IT-Infrastruktur.

Zudem haben sich die SchülerInnen verändert und mit ihnen der herkömmliche Unterricht. Die Ganztagschule ist ebenso zur Regel geworden wie die Inklusion. Dafür müssen die meisten Schulen erst noch ausgestattet und umgebaut werden.

Dabei sollte nicht nur über die Bedürfnisse der SchülerInnen geredet werden, sondern auch über die der Lehrkräfte. Deren Arbeit hat sich sehr verändert, während ihr Arbeitsplatz in der Regel gleich geblieben ist. Es müssen also nicht nur die Mängel beseitigt werden, sondern es muss auch investiert werden, um die Schulen für die neuen Verhältnisse und Aufgaben richtig auszustatten. Provisorien können dabei nicht die Lösung sein. Wir brauchen nachhaltige Konzepte.

Deswegen sind Container-Schulen auch nur übergangsweise geeignet, auch wenn die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung das anders sieht. Sie preist die Container-Klassenräume als modern und mit allem Komfort eingerichtet an: Von so einem Standard könnten viele Altbau-Schulen nur träumen. Die Container seien zwar keine Allheilmittel, aber eben auch keine nur vorübergehend genutzten Räumlichkeiten, sondern sie seien auf Dauer angelegt und in der Qualität von einem konventionellen Gebäude nicht zu unterscheiden, meint die Senatsverwaltung. Sie geht von einer breiten Zustimmung der NutzerInnen aus.

Der Bedarf an Schulneubauten ist enorm. Laut Prognose des Senats steigt in Berlin die SchülerInnenzahl von gegenwärtig gut 297.000 bis 2023 auf 337.000 SchülerInnen. Stefanie Remlinger, Bildungsexpertin der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus, rechnet damit, dass im nächsten Jahrzehnt mindestens 70 neue Schulen gebaut werden müssen. Für den Bezirk Pankow bedeutet das beispielsweise, dass 16 Grundschulen, 5 Gymnasien und mindestens 3 Sekundarschulen zusätzlich gebaut werden müssen.

Landesbetrieb Schulbau Berlin

In Berlin dauert es von der Idee bis zur Eröffnung einer Schule fünf bis zehn Jahre. Da die SchülerInnenzahl schneller wächst, wird eine Beschleunigung dieses Vorgangs gefordert. Allerdings sind die Bezirke schon jetzt mit der Sanierung der Schulen überfordert, weil ihnen das Personal fehlt.
In Berlin ist der Senat nur für den Schulbetrieb zuständig. Für die Schulgebäude der knapp 650 öffentlichen Schulen tragen die Bezirke Verantwortung. Aber weder in den Bezirken noch im Senat gibt es Stellen, die einen Überblick haben. Hamburg, wo es keine vergleichbare Teilung der Zuständigkeiten gibt, richtete im Januar 2010 den Landesbetrieb »Schulbau Hamburg« (SBH) ein. Dieser ist für die Bewirtschaftung, Instandhaltung und Sanierung der über 400 öffentlichen Schulen verantwortlich. Außerdem plant die SBH Erweiterungen, Umbaumaßnahmen und Neubauprojekte für Schulen und führt diese durch.

Mit einem Landesbetrieb, so die Erwartungen, könnte man regelmäßig und transparent einen mit den bezirklichen Schulentwicklungsplänen abgestimmten Bedarfs- und Umsetzungsplan für den Abbau des Sanierungsstaus erstellen. Auch könnte dargestellt werden, welche Schule Bedarf an Sanierung, Erweiterung oder Neubau hat, wie sich die Kosten pro Schule aufschlüsseln, wie weit die Planung ist und wann die Fertigstellung erfolgen soll. All diese Informationen kann das Berliner Facility-Management-System nicht liefern, weswegen derzeit unklar ist, wie hoch die Kosten für Neubau und Sanierung tatsächlich sind. (Wie die Fraktionen des Berliner Abgeordnetenhauses zu dem Vorschlag eines solchen Landesbetriebs stehen, ist auf den Seiten 12 und 13 nachzulesen).

Der Bedarf an neuen Schulen wächst aber nicht nur in Berlin. Fachleute plädieren deshalb schon seit Längerem für die Wiederbelebung des 1995 aufgelösten Schulbauinstituts der Länder, das damals bei der Kultusministerkonferenz angesiedelt war und insbesondere während der Bildungsexplosion Ende der 1960er Jahre die Entwicklung des Schulbaus beglei-tet hat. Solch ein Institut könnte auch in der heutigen Situation wieder eine Hilfe sein, um die gewaltigen Aufgaben beim Neubau von Schulen zu bewältigen.

Alle sollen partizipieren

Denn die bundesweiten Leitlinien für den Schulbau sind allesamt älteren Datums und meist schon überholt, wie beispielsweise die »Arbeitshilfen zum Schulbau« der ehemaligen Zentralstelle für Nor-mungs-fragen und Wirtschaftlichkeit im Bildungswesen aus dem Jahr 2008, die für eine Schülerin in einer Unterrichtsklasse eine Grundfläche von 1,8 bis 2,0 Quadratmeter empfehlen. Mindestens doppelt so viel Raum fordern heute dagegen die PraktikerInnen in den Schulen.

Der bekannte Architekt Peter Hübner spricht sich seit Längerem für neue Richtlinien für Architekturwettbewerbe aus. Darin solle die Partizipation von Eltern, Lehrkräften und SchülerInnen vorgeschrieben sein. Hübner forderte Bund und Länder bereits 2009 auf, ein neues Programm zu entwickeln, mit dem in einigen Städten unterschiedliche »Zukunftsschulen« errichtet werden, die als »Leuchttürme« Impulse geben könnten. Geschehen ist seitdem wenig.

Der Druck ist enorm und es bedarf erheblicher Anstrengungen der Bezirke und des Senats. Dabei muss aber unbedingt darauf geachtet werden, dass der Schulneubau als pädagogische Aufgabe begriffen wird. Dem Druck darf nicht durch schnelle Lösungen begegnet werden, damit das kommende Jahrzehnt nicht später als die Zeit der verpassten Chancen angesehen wird. Vielleicht sollte man auch den Vorschlag der Fraktion von Bündnis90/Die Grünen aufgreifen: Eine »Zukunftswerkstatt Schulbau« einzurichten, bei der Interessierte und Fachleute die Bedürfnisse der Schule von morgen diskutieren.


Dieser Artikel ist Teil des bbz-Themenschwerpunkts „Wer baut unsere Schulen?“