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SchuleNicht für Pisa, aber für die Kinder

Zu lange wurde es versäumt, von den Eltern eine aktive Mitarbeit gemäß dem Artikel 6 des Grundgesetzes einzufordern.

05.06.2020 - von Ralf Schiweck

Vergleichsarbeiten, PISA, Schulinspektion, überall werden »die Ergebnisse unserer pädagogischen Arbeit« gemessen und bewertet. Die Ergebnisse machen uns betroffen bis wütend. Wir haben uns engagiert, fortgebildet, fantasievoll und kreativ unterrichtet und trotzdem hat es scheinbar nicht gereicht. Natürlich kann ich strukturelle Fehlerquellen anführen, aber wenn ich dann Beispiele aus anderen Ländern sehe, in denen 60 Kinder in einer Klasse unterrichtet werden und alle lernen, dann macht mich das nachdenklich.

In unseren Klassen verhalten sich Kinder mitunter so auffällig egomanisch, dass sich die reine Unterrichtszeit für alle anderen Kinder auf ein Minimum beschränkt. Und bitten wir die Eltern um Unterstützung, bekommen wir Pädagog*innen, wenn überhaupt, eine vorwurfsvolle Reaktion. Nicht selten habe ich als Schulleiter von Vätern gehört, dass die Familie die Kinder in die Schule schickt, damit wir sie erziehen und bilden. Die Familie hat damit so gut wie nichts zu tun.

Wer möchte da über objektive Leistungsvergleiche diskutieren und diese auch noch ernst nehmen?

Eltern und ihre Kinder brauchen ein Grundgerüst an Sozialkompetenz, mit dem sie ihr Leben bewältigen. Dafür braucht es keine Akademiker*innen und keine sozialtherapeutische Schulung. Was es braucht, ist, dass den Eltern ihre Kinder wichtig sind, sie liebevoll und respektvoll und verantwortungsbewusst mit ihnen umgehen, sie nicht in patriarchalischen, religiös oder anders extremistischen Familienstrukturen leben und ihnen ein getunter Mercedes nicht wichtiger ist als das Wohl ihrer Kinder. 

Kinder brauchen Sozialkompetenz

Um dies einmal ganz deutlich klarzustellen: Eltern, denen das Wohl ihrer Kinder zweitrangig ist und die ihre Rollenvorbilder eher aus egomanischen Klischees speisen als aus einem auf dem Grundgesetz und Verantwortung basierenden Weltbild, finden sich in allen Schichten, sozio-ökonomischen Gruppen und religiös-welt-anschaulichen Gemeinden. Doch das rechtfertigt keine falsche Toleranz oder ängstliche Rücksichtnahme. Vielleicht aus Angst, in die rechte Ecke gestellt zu werden oder vor dem Vorwurf, anderer Menschen Werte nicht zu respektieren, selbst wenn sich diese gegen mühsam errungene emanzipatorischen Lebensweisen und Grundrechte richteten. Die Verpflichtung zur Toleranz kann auch verunsichern. 

Mir ist es schon vorgekommen, dass das Schlagen der Ehefrau oder der Kinder als elterliche Gepflogenheit gewertet wurde, die akzeptiert werden müsse. Ich mag gar nicht alles auflisten, bei dem wir Pädagog*innen weggeschaut haben, weil es unter dem Deckmantel von Toleranz ja auch bequem war, nicht in die Auseinandersetzung zu gehen. Entschuldigungen und sogenannte Begründungen höre ich zuhauf, nur sehe ich hoffnungsvoll auf diejenigen, die es schon immer anders gemacht haben, sich den Herausforderungen angenommen haben und ihre persönlichen Lebensgrundsätze reflektiert verändert haben. Die sich der patriarchalen Machtstruktur und seinem mitunter religiös, kulturellen oder sozio-ökonomischen Legitimationsmantel entzogen haben. Es ist möglich, denn jede Entscheidung ist eine eigene Entscheidung, auch wenn sie nicht immer leicht ist. 

Es gibt so viele gelungene Beispiele dafür, dass Familien, die nicht in Wohlstand leben und keine akademischen Vorbilder bieten können, Kinder mit einem angemessenen Sozialverhalten in die Kitas und Schulen bringen. Eltern, denen die Zukunft ihrer Kinder wichtig ist und die sich vernünftig mit den Pädagog*innen austauschen können. Zum Glück haben die meisten von uns gelungene Beispiele vor dem inneren Auge.

Aber für ein destruktives Verhalten von Kindern und Jugendlichen haben wir oft auch uns selbst die Schuld gegeben und uns als zivilisierter Gesellschaft noch mehr abverlangt. Das Ergebnis war dann häufig eine überzogene Anspruchshaltung an »die Gesellschaft«. Dabei benennt das Grundgesetz die Pflichten sehr eindeutig: »Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht.« Die Eltern und Familien verbringen natürlich auch die meiste Zeit mit ihren Kindern, um diese Pflicht gewissenhaft erfüllen zu können. Bei den Eltern verbringen sie zirka fünfmal so viel Zeit wie in der Schule, in der Einflusssphäre nur weniger Personen.

Entlassen wir die Eltern nicht aus ihrer Pflicht! Die erzieherischen Defizite können wir in unseren Einrichtungen, trotz aller Bemühungen, nicht ausgleichen.