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StandpunktNomen est omen

Das »Kreativsemester« an den Hochschulen soll Aufbruchstimmung vermitteln und kaschiert dabei so manche Ungerechtigkeit.

03.06.2020 - von Joshua Schultheis, Student an der Humboldt Universität und Mitglied der bbz-Redaktion

Bevor man überhaupt genau wusste, was Corona für den Universitätsalltag, für Klausuren, für Studierende und Wissenschaftler*innen bedeuten würde, wurde bereits darum gezankt, wie dieses Sommersemester 2020 zu nennen sei. Dahinter steckt die Annahme, dass wer seinen favorisierten Namen diesem außergewöhnlichen Semester aufprägt, auch über die Lesart entscheidet, nach der alles, was noch kommen soll, später einmal bewertet wird. 

Den Stein ins Rollen brachte eine von zwei Professorinnen initiierte Petition, die bereits am 22. März ein »Nicht-Semester« verlangte. Es wurde unter anderem eine Verlängerung aller befristeten Arbeitsverträge und der BAföG-Zahlungen verlangt sowie eine Reduktion der Lehrdeputate. Hinter diesem Vorstoß stand die berechtigte Befürchtung, dass die negativen Auswirkungen der Corona-Krise vor allem prekär beschäftigte Wissenschaftler*innen sowie finanzschwache und ausländische Studierende treffen würde. Mit dem Namen »Nicht-Semester« würde der Fokus der Debatte von Anfang an auf die Risiken und Gefahren gelenkt, die das Corona-Virus und seine indirekten Konsequenzen für die Gesundheit und die ökonomische Situation vieler Universitätsangehörigen bedeutet. 

Die Wunschnamen der meisten Unileitungen und Kultusministerien waren, wenig überraschend, von ganz anderer Art. Hier wünschte man sich einen Namen, der mehr nach Hoffnung und Aufbruch klingt und nicht so sehr nach Krise und Kapitulation. Es kursierten Vorschläge wie »Digitales Semester«, »Kreativsemester« oder »Flexi- und Experimentier-Semester«. Mit einem solchen Namen soll eine Sichtweise auf das Sommersemester festgelegt werden, die die Pandemie vor allem als eine Chance versteht. Eine klasse Gelegenheit etwa, die verschleppte Digitalisierung jetzt im Hauruck-Verfahren durchzudrücken. 

Die Hochschulen und Universitäten haben ohne jeden Zweifel in den letzten beiden Monaten Erstaunliches geleistet. Die meisten Lehrveranstaltungen können stattfinden und es wurde viel getan, um Regeln zeitlich begrenzt zugunsten der Studierenden zu verändern. Doch die Maßnahmen, die nun die Bundesregierung zur Unterstützung notleidender Studierender beschlossen hat, lassen ahnen, welches Narrativ über das Sommersemester sich durchgesetzt hat. 

Wer durch Corona zum Beispiel seinen Nebenjob verloren hat, dem wird jetzt mit einem zinslosen Kredit der KfW unter die Arme gegriffen – außer man ist über 45, oder studiert nicht in Regelstudienzeit, oder hat bereits einen Kredit bei der KfW. Der Vorschlag der SPD, das BAföG für bedürftige Studierende vorübergehend zu öffnen, viel durch. Was genau das »Kreativsemester« für die Studienfinanzierung oder für das Abschlusszeugnis der Studierenden bedeuten wird, ist zudem auch nicht klar. Viele Betroffene werden eventuell entstandene Nachteile später entweder hinnehmen oder sich auf einen langwierigen und ungewissen Rechtsstreit einlassen müssen. Noch ist jedoch Zeit, einfache, allgemein zugängliche und großzügige Lösungen zu finden. Da heißt es – kreativ werden!    
 

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