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SchulePolitikunterricht ist Demokratiebildung

Margret Iversen und Mike Gerwig sprachen sich in der Novemberausgabe der bbz für eine Anerkennung der Leistungsfähigkeit des Faches Ethik aus. Ihnen unterliefen dabei jedoch gravierende Fehler, die nicht den geforderten Dialog der Fächer, sondern deren Konflikt befördern.

06.04.2020 - von Arne Schaller

Gleich zu Beginn des Artikels stellen Iversen und Gerwig die Behauptung auf, dass die Kürzung von Ethikstunden zu Gunsten von mehr politischer Bildung ein Eigentor gegen die Stärkung des Demokratiebewusstseins sei. Mehr Politikunterricht führt also zur Schwächung des Demokratiebewusstseins? Moment mal, daran kann doch was nicht stimmen. Sie begründen dies zwar mit den Eigenschaften des Faches Ethik als fundamentale Demokratiebildung, missachten dabei aber gleichzeitig und kategorisch die des Faches Politik. Seit einem halben Jahrhundert ist Demokratiebildung nicht nur Bestandteil des Politikunterrichts, sondern dessen immanenter Auftrag und Antrieb. Leider erwähnen die Autor*innen dies mit keinem Wort.

Stattdessen fahren sie damit fort, das Fach Ethik von anderen Fächern abzugrenzen, in dem sie diesen unterstellen, dass es vornehmlich um den Aufbau von Verstand durch Wissen ginge. Eine Aussage, die der schon lange dominierenden Kompetenzorientierung aller GeWi-Fächer widerspricht.

Ich teile die Forderung, dass es einen Dialog der angrenzenden Fächer geben muss. Dabei sind Fragen wie »Welche Leistung erbringt eigentlich das Fach Ethik für die politische Bildung?« ein guter Start. Konsequenterweise muss dann aber auch gefragt werden, welche Leistungen eigentlich das Fach Politische Bildung für das Fach Ethik erbringt. Und nicht zu vergessen: Wie sieht es dann mit den Fächern Geographie und Geschichte aus?

Der Streit war vorprogrammiert

Den Gymnasien stehen in den Doppeljahrgängen 7/8 sowie 9/10 jeweils zehn Stunden für alle GeWi-Fächer zu, den Sekundarschulen hingegen nur jeweils acht Stunden. Den Schulen wurde die Verteilung der Stunden als Kontingentlösung selbst überlassen, was zu sehr unterschiedlichen Gewichtungen der Stundenanteile und nicht selten zum Streit der Fachbereiche führte. Gegenüber dem Tagesspiegel äußerste Iversen als Vorsitzende des Berliner Fachverbands Ethik, dass man ein einstündiges Fach fast vergessen könne. Als Geschichts- und Politiklehrer dachte ich nur: Ja, das geht mir genauso. Und dennoch sind einstündige GeWi-Fächer nicht die Ausnahme, sondern leider meist die Regel.

Bundestagespräsident Wolfgang Schäuble mahnte zum Holocaust-Gedenktag »Es gibt kein heilsames Schweigen über Auschwitz.« Findet jedoch kaum Geschichtsunterricht statt, dann wird in den Klassen aber geschwiegen. Gehen die Kürzungen zu Lasten von Ethik, Politik oder Geographie, dann können die Themen und Probleme dieser Fächer nur oberflächig angekratzt werden.

Was also tun, wenn man die Fächer nicht gegeneinander ausspielen möchte? Ich sehe es wie Peter Scholz, Vorsitzender des Berliner Geschichtslehrerverbands. Es ist zwar unpopulär, aber wir brauchen mehr Stunden. Der Landesschüler*innenausschuss und auch die GEW BERLIN haben sich gegen eine Erhöhung der Stundentafel ausgesprochen. Dies ist vernünftig, da die hohen Wochenstunden ohnehin schon eine große Belastung der Lernenden sind. Daraus folgt in logischer Konsequenz, dass die Profilstunden herangezogen werden müssen. Dies forderten auch schon die Fachverbände und im Oktober 2017 trug es dann auch der damalige Staatssekretär Mark Rackles vor. Wäre die Senatsschulverwaltung gleich dieser Idee nachgegangen, hätte viel böses Blut in den Kollegien vermieden werden können.

Die etlichen Diskussionen über die Stundenverteilung und die schulinternen Curricula haben uns aber auch die Augen geöffnet. Wir verstehen nun noch besser die Leistungsfähigkeiten der anderen Fächer, die Schnittpunkte und die sich daraus ergebenen Chancen einer zeitgemäßen Bildung. Nun ist es soweit, dass wir gemeinsam auftreten und zusammen eine Aufwertung aller gesellschaftswissenschaftlichen Fächer fordern.

Der Streit um die Stundenverteilung der GeWi-Fächer darf nicht zum Zwist, sondern muss zur Einigkeit führen.