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QuereinstiegQuerbesteiger*innen

Die Situation für Quereinsteiger*innen an Schulen entspricht nicht den Erwartungen. Einige Probleme sind hausgemacht und könnten leicht behoben werden.

 

14.05.2020 - von Ralf Schiweck

Ein Gipfel in der Sonne, funkelnder Schnee bedeckt die Kappe und die Bergsteiger*innen winken glücklich vom Plateau. Sie sind über die sanft ansteigende Südseite des Berges mit Seil, Haken und Verpflegung an die Spitze gekommen, erschöpft aber glücklich. Auf der anderen Nordhälfte des Berges klettert eine Gruppe ohne Seil und Haken die steil abfallende Seite des Berges empor, kann sich nur knapp halten und ist noch weit vom Gipfel entfernt. So in etwa zeichnet sich mir das Bild der Quereinsteiger*innen vor meinem geistigen Auge ab.

Sie leben von der Hand in den Mund

Häufig werden Quereinsteiger*innen wie Referendar*innen gesehen. Wir stellen ihnen manchmal Hilfen zur Verfügung, erwarten, dass sie diese geschickt umsetzen und in ihr didaktisches Konzept integrieren. Dabei haben sie noch kein Pädagogikstudium hinter sich und verfügen oft auch noch nicht über ein didaktisches Konzept, geschweige denn über eine Struktur von Unterricht oder Planungsinhalten. Sie leben quasi von der Hand in den Mund. Wir, die fertig ausgebildeten und länger erfahrenen Pädagog*innen, sollten uns das so vorstellen, als ob wir ab morgen ein völlig fremdes Fach unterrichten, die Statik für ein achtgeschossiges Haus berechnen oder ein Passagierflugzeug fliegen müssten.

Dass sie mit diesen fehlenden Erfahrungen an unseren Schulen unterrichten, ist nicht ihre Schuld. Sie sind lediglich der massiven Werbung erlegen, die eine Verwaltung ins Leben rufen musste, um die Versäumnisse vergangenen und aktuellen politischen Handelns ein wenig abzumildern. Sie haben sich auf dieses Lockangebot eingelassen, und dazu gehört eine gehörige Portion Mut. Denn natürlich werden sie noch die Kraftanstrengung auf sich nehmen müssen, um eine komplette pädagogische Ausbildung zu absolvieren, nach ihrem schon zuvor abgelegten Masterstudiengang. Also diese eigenartigen Gerüchte, jede*r Bäcker*in könne an einer Berliner Schule unterrichten, sind fatale Fake News, aber deshalb nicht weniger präsent in vielen Köpfen.

Und machen wir uns nichts vor, ohne diese Initiative müssten alle mehr arbeiten oder die Klassen würden noch weiter überfüllt. Die Quereinsteiger*innen retten uns den Allerwertesten, so bedauerlich dies auch ist.

Dass die Quereinsteiger*innen mitunter von Kolleg*innen misstrauisch und teilweise auch ablehnend beäugt werden, liegt auch an der mangelnden Information. Auch die Schulleitungen gehen mit den neuen Kolleg*innen um, als seien sie bereits voll ausgebildete Lehrkräfte. Sie setzen sie in ersten Klassen ein, in Abschlussklassen und ganz häufig zu Vertretungsunterricht, egal in welchem Fach. Es scheint hier ein erhebliches Kommunikationsproblem zu geben, das unbedingt nachgebessert werden muss. Den Schulleitungen muss bewusst werden, welchen Ansprüchen die Quereinsteiger*innen gerecht werden können, ohne ihren eigenen Anspruch nach guter Arbeit verraten zu müssen. Auch der Verwaltung muss klar sein, dass die Schule zwar möglicherweise offiziell voll ausgestattet ist, aber Quereinsteiger*innen noch keine voll ausgebildeten Lehrkräfte und nur eingeschränkt einsetzbar sind. 

Natürlich ist eine Häufung von Quereinsteiger*innen an einer Schule unbedingt zu vermeiden. Zwar ist der Solidarisierungseffekt dann erfreulich groß, aber das gesamte Kollegium ist real schnell überfordert und ein Gefühl von abgehängt sein, macht sich zu Recht breit. Vielleicht muss hier die Senatsverwaltung auch mal den Mut haben, ihre Aufgabe als Dienstvorgesetzte ernst zu nehmen und eine qualitative Gleichverteilung von Lehrkräften zu organisieren. 

Natürlich fehlen auch einheitliche Vorgaben der Berliner Senatsverwaltung. Sollte es sie geben, dann scheinen diese unbekannt zu sein oder es wird sich nicht daran gehalten. Dass es anders geht, zeigen andere Bundesländer. 

Nichts geht ohne sie

So hat die GEW Brandenburg zum Beispiel eine verbindliche Vereinbarung mit dem dortigen Landtag geschlossen, die einen Passus enthält, dass der unterrichtliche Einsatz aller Seiteneinsteiger*innen auf maximal zwei Unterrichtsfächer begrenzt und wenn möglich, dass der Anfangsunterricht im Hinblick auf die Qualitätssicherung durch grundständig ausgebildete Lehrkräfte gesichert wird.

Wenn die Quereinsteiger*innen es eines Tages geschafft haben, ihre Ausbildung zu beenden, dann werden sie mit Sicherheit eine Bereicherung für die Kollegien sein. Überspitzt ausgedrückt finden wir bisher in den Schulen hauptsächlich Kolleg*innen, die nach der Schule in die Uni und dann wieder in die Schule gegangen sind, also das »richtige Leben« nur aus dem Fernsehen kennen. Kolleg*innen mit einem offenen Blick werden diese Bereicherung unserer Kollegien jetzt schon positiv wahrnehmen.

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