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bbz 10/2016Rassismus im Hörsaal – Ohren auf!

Hochschulen gelten als Ort interkultureller Weltoffenheit. Zu Unrecht. Es ist an der Zeit, Rassismus als Realität an deutschen Universitäten anzuerkennen und die vorherrschende Alltagspraxis aufzubrechen.

01.10.2016 - Kien Nghi Ha

In vielen Ländern wächst eine neue Generation von Studierenden heran, die sich im Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit und Rassismus auch gegen strukturelle Missstände an ihren Universitäten engagiert. Im Unterschied zu früheren Generationen steht heute die Dekolonialisierung der Universität und die gleichberechtigte Teilhabe von People of Color (PoC) im Zentrum des global vernetzten studentischen Aktivismus. So hat beispielsweise die von südafrikanischen Universitäten ausgehende »Rhodes must fall«-Bewegung inzwischen auch Oxford und Berkeley erreicht. Die Protestbewegung fordert vehement die Abschaffung kolonialer Denkmäler und rassistischer Hierarchien im eurozentristisch geprägten Bildungssystem. Zudem wurde in den Niederlanden eine sogenannte »University of Colour« ins Leben gerufen, die sich mit der Forderung »Decolonising the University« und Fragen wie »Why isn't my professor black?« oder »Why is my curriculum white?« auseinandersetzt.

Auch an vielen britischen Universitäten rücken diese Fragestellungen zunehmend ins Zentrum. Langsam bewegt sich auch in Deutschland etwas: Ende 2015 lösen einige PoC-Hochschulgruppen mit der Twitter Hashtag-Kampagne #CampusRassismus in den sozialen Medien wie in der Presse einen Wirbel aus und lenken den Blick auf das Thema rassistische Diskriminierungen im Hochschulalltag. Jedoch zeigt sich im internationalen Vergleich, dass Deutschland erst am Anfang einer längeren Entwicklung steht. Dekoloniale Perspektiven werden hierzulande bisher kaum diskutiert.

Leuchttürme struktureller Diskriminierung

Universitäten gelten hierzulande noch als Orte der Aufklärung und der interkulturellen Weltoffenheit par excellence. Universitäten gelten als Leuchttürme des Wissens, aber nicht als rassistische Problemzonen. In diesem gesellschaftlich überaus wirksamen Selbstbild erscheint die Universität als mustergültiges Vorbild für die gelingende Integration von internationaler Arbeitsmigration und kultureller Diversität in der modernen Einwanderungsgesellschaft. Dieses Leitbild wirkt umso verlockender, da die Universität nicht nur Bildungs- und Arbeitsstätte ist, sondern auch vorgibt, individuelle Chancengleichheit mit der demokratischen Repräsentation von Vielfalt zu verbinden.

Die erste länderübergreifende PISA-Studie 2001 hat bewiesen, dass Menschen mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem geringere Chancen haben. Bisher konzentriert sich die Debatte aber ausschließlich auf den Schulbereich. Exklusion und Diskriminierung in Hochschulen wurde kaum wahrgenommen. Angesichts der herausragenden gesellschaftlichen, kulturellen und sozioökonomischen Bedeutung der Universitäten ist diese Sorglosigkeit erstaunlich. Verschärft wird die Bildungskrise durch strukturelle Diskriminierungen auf dem Arbeitsmarkt. Wie die erste internationale Integrationsstudie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) von 2012 zeigt, schützt auch akademische Bildung nicht vor Diskriminierung. So sind gerade hochqualifizierte MigrantInnen dem Risiko ausgesetzt keine ausbildungsadäquate Arbeit zu finden.

Für deutsche Universitäten treffen beide Problembereiche zu: Je höher wir in der akademischen Hierarchie aufblicken, desto weniger Forschende of Color sind zu entdecken, die institutionell gesichert arbeiten. Aber das ist nur ein Aspekt. Das Problemspektrum ist viel breiter und beschränkt sich nicht nur auf vordergründige Fragen des Zugangs zur Hochschulbildung und der Personalpolitik.

Forschungsdefizite reflektieren gesellschaftliche Machtverhältnisse

Obwohl bekannt ist, dass rassistische Diskriminierungen gesellschaftliche Verhältnisse prägen, werden sie kaum als immanenter Teil der Hochschulen gedacht und erforscht. Die wenigen vorhandenen Studien zeigen, dass diese Phänomene keine Einzelfälle, sondern weit verbreitet sind. Eine Umfrage an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel zeigte, dass jeder sechste Studierende über Diskriminierungserfahrungen verfügt. Ausschlaggebend war in etwa der Hälfte der Fälle die Kategorie »ethnische Herkunft«. Eine ähnliche Umfrage an der Universität Osnabrück kam ein Jahr später zu dem Ergebnis, dass 80 Prozent der Befragten antimuslimische und 40 Prozent antisemitische Einstellungen zeigen. Leider wurden weder der wissenschaftliche Mittelbau noch ProfessorInnen in die Studie einbezogen, obwohl diese Gruppen als EntscheidungsträgerInnen weitaus größere Machtbefugnisse und Einflussmöglichkeiten haben.

Eine weitergehende systematische und flächendeckende Erforschung ist unerlässlich. Zu klären ist auch, warum das Thema »Exklusion und rassistische Diskriminierung an deutschen Universitäten« bislang kaum beachtet wurde. Die naheliegende Hypothese: Privilegierte aus der Weißen Mehrheitsgesellschaft profitieren bisher gewollt oder ungewollt von diesen Benachteiligungen und zeigen daher kein Interesse an einer differenzierten Wahrnehmung oder Problembearbeitung. Die starken Forschungsdefizite hängen auch damit zusammen, dass die kritische Kolonialismus- und Rassismus-Forschung in Deutschland keine lange Tradierung und keine nennenswerte Lobby in der Wissenschaftspolitik wie in der Zivilgesellschaft hat.

Indizien über die Größenordnung der gesellschaftlichen und institutionellen Benachteiligung liefert eine Studie der zivilgesellschaftlichen Initiative »Vielfalt entscheidet – Diversity in Leadership«. Sie untersuchte 2014 die kulturelle Vielfalt in 250 Berliner Stiftungen und zeigte auf, dass in ihren Führungspositionen nicht einmal zehn Prozent einen Migrationshintergrund haben. Lediglich ein Prozent sind Menschen of Color. Noch drastischer ist die Situation in den 30 größten deutschen Stiftungen im öffentlichen und privaten Bereich: Dort sinkt der Anteil der Führungskräfte auf drei Prozent. Der Anteil der People of Color fällt sogar unter ein Prozent. Dabei engagiert sich ein Großteil dieser Organisationen paradoxerweise für kulturelle Bildung für Benachteiligte und Inklusion. Zum Vergleich: In Berlin haben 26 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund, bundesweit sind es 20 Prozent.

Die Strukturprobleme werden gegenwärtig durch die kulturelle Vielfalt infolge der zunehmenden Internationalisierung der Hochschule übertüncht. Dabei wird folgendes übersehen: 1. Transnationale Bildungs- und Arbeitsmigration der ersten Generation sind nicht mit Gleichberechtigung für hier sozialisierte BildungsinländerInnen der Folgegenerationen zu verwechseln. 2. lässt die soziale und kulturelle Durchlässigkeit stark nach, je höher wir in der universitären Hierarchie hinaufblicken. Und 3,  untergräbt kulturelle Diversität nicht zwangsläufig soziale Privilegien.

Weiße Wissensfabriken in der pluralen Einwanderungsgesellschaft

Der Ausschluss von gesellschaftlich diskriminierten Gruppen aus der Wissensproduktion wirft in Folge der gegenseitigen Abhängigkeit von Wissen und Macht epistemologische, wissenschaftstheoretische und letztlich auch demokratische Legitimierungsprobleme auf. Das universitär fabrizierte Wissen kreiert und deutet gesellschaftliche Zusammenhänge, sodass diese Wissensfabriken über die Uni hinaus wirkungsmächtige Leitbilder für die Gesellschaft entwerfen. So sind Wissenschaftsdiskurse mit ihren ihnen zugesprochenen Expertisen maßgeblich daran beteiligt, gesellschaftliche Zugehörigkeit zu definieren.

Akademische Artikulationen wie der gesamte Prozess der Wissensproduktion sind nie objektiv und neutral, sondern stehen in einer Abhängigkeit zu gesellschaftlichen Dominanz- und Marginalisierungsprozessen. Wissenschaft ist eine institutionelle Machtform, die an der Herstellung von gesellschaftlichen Privilegien und Exklusionen beteiligt ist. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig die epistemologischen Annahmen und gesellschaftspolitischen Voraussetzungen der Wissensproduktion sichtbar zu machen und zu hinterfragen. Auf der anderen Seite ist es wichtig, Strategien, Konzepte und Strukturen für eine demokratische Wissensproduktion zu entwickeln, die sich für Selbstbestimmung, Gleichstellung und Solidarität einsetzt.

Im Oktober 2016 gibt Kien Nghi Ha in Kooperation mit Mekonnen Mesghena für die Heinrich-Böll-Stiftung das Dossier »Geschlossene Gesellschaft? Exklusion und rassistische Diskriminierung an deutschen Universitäten« heraus.

Studie der zivilgesellschaftlichen Initiative »Vielfalt entscheidet – Diversity in Leadership«

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