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blz 09 / 2015Ringen um die Oberstufe, Berufliche Bildung wird als zweitklassig eingestuft

Die für die Reform benötigten Ressourcen werden an anderer Stelle fehlen, obwohl sie dort dringender gebraucht werden. Nur wenige werden profitieren.

01.09.2015 - Ronald Rahmig

Zunächst stelle ich fest, dass die von Senatorin Scheeres präsentierten Ergebnisse nicht den Diskussionsstand der Arbeitsgruppe widerspiegeln. Es sollte auch nicht um Schulen gehen, sondern um SchülerInnen. Die Kritik ist jedoch grundsätzlicher: Aus den bedenklich geringen Anmeldezahlen an einigen ISS (Integrierte Sekundarschule) und dem Fehlen vermeintlich »leistungsstarker« SchülerInnen wurde geschlossen, dass – dem »Elternwunsch« folgend – das Angebot an Gymnasialen Oberstufen (GO) vergrößert werden muss. Das würde »leistungsstarke« SchülerInnen als Rollenmodelle anziehen.

Dieser Wirkungszusammenhang ist jedoch nicht belegt. Die Einrichtung einer »eigenen« GO wird zur Lösung erklärt und damit trotz aller anders lautenden Beteuerungen eine Kooperation mit einem Oberstufenzentrum (OSZ) unattraktiv. Diese ginge ja jetzt schon, würde aber nicht wirklich gelebt.

Keine Vorteile für die Mehrheit der SchülerInnen

Die Gymnasialquote eines Jahrgangs liegt in Berlin bei 45 Prozent, die restlichen 55 Prozent aller SchülerInnen besuchen also keine GO. Diese als »nicht leistungsstark« einzustufen, ist diffamierend und vermindert für viele SchülerInnen die Attraktivität einer nicht-akademischen Karriere. Bei der Diskussion um die GO gerät also die Mehrheit eines ISS-Jahrgangs aus dem Blickfeld und wird in ihrer Gesamtheit in den Bereich eines »Problems« eingeordnet.

Gleichzeitig werden hier für einige wenige SchülerInnen eines ISS-Jahrgangs Ressourcen bereitgestellt, die an anderen Orten dringend benötigt werden und dann dort fehlen. Der Betrieb einer GO an einem Standort ist bei den zugemessenen Ressourcen entgegen den Aussagen der Senatorin nur ab 75 SchülerInnen, besser mit 100 Lernenden, sinnvoll möglich. Kleinere Standorte müssen für eine vernünftige Attraktivität also mit Stunden aus anderen Bereichen alimentiert werden. Diese Stunden können nur aus Teilungen und Förderangeboten stammen – also nach dem Prinzip: »Take it from the poor and give it to the rich«. Welche Vorteile die Mehrheit der ISS-SchülerInnen von einer größeren Zahl an GO-Plätzen haben soll, bleibt das Geheimnis des AG-Leiters Klaus Brunswicker.

Gesellschaftspolitisch wichtiger ist jedoch folgender Aspekt: Mit dem Fokus auf das Abitur als Synonym für Berufs- und Lebenserfolg – denn das ist doch das Ziel der Bemühungen, oder? – werden andere Bildungswege automatisch als zweitklassig eingestuft nach dem alten Motto: »Wenn du fürs Abi nicht leistungsstark genug bist, dann musst du eben eine Ausbildung machen«. Für Mitglieder einer Bildungsgewerkschaft ist das nach meiner Ansicht ein inakzeptabler Standpunkt. Eine Wertschätzung der unterschiedlichen SchülerInnenkompetenzen, sowohl praktische wie theoretische, als Grundlage der Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung ist mit der jetzt eingeschlagenen Richtung nicht kompatibel. Und den jährlich 15.000 Menschen, die jetzt kein Abitur erreichen wollen oder können, wird hier ein Bärendienst erwiesen.