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SchuleSchüler*innen brauchen Ferien

In Ferienschulen sollten die Berliner Schüler*innen nachholen, was sie während der Schulschließung nicht erarbeiten konnten. Was gut klingt, ist in der Praxis aber höchst kritisch zu betrachten.

15.12.2020 - von Ulla Widmer-Rockstroh

Die Senatsverwaltung Bildung, Jugend und Familie initiierte in den letzten Sommer- und Herbstferien kurzfristig »Ferienschulen«, um die Versäumnisse aufzufangen, die die Kinder und Jugendlichen in diesen Corona-Zeiten durch bedrohlich reduzierte Lernzeiten in Fern- und eingeschränktem Präsenzunterricht erleiden mussten. Dies klingt verantwortungsbewusst, zumal die Corona-Krise noch längst nicht vorbei ist und weitere Benachteiligungen der Schüler*innen verhindert werden müssen. Aber eine kritische Auseinandersetzung mit den Ferienschulen ist notwendig. Gut, dass Britta Gaedecke das Thema in der Oktober-bbz angerissen hat. Ich betone ausdrücklich, dass meine kritischen Äußerungen das persönliche Bemühen der einzelnen Ferienschul-Lehrer*innen nicht missachten!

Die Ferienschulen waren kein Ferienhortprogramm mit kreativen Spiel- und Erholungsangeboten; dies aber brauchen Kinder und Jugendliche in den Schulferien. Der Stress, den viele im wochenlangen Fernunterricht hatten, wurde durch das Unterrichtsangebot in den Ferien verlängert – auch wenn sich sicher viele der »Nachhilfe-Lehrer*innen« mühten, nett mit den Kindern und Jugendlichen umzugehen.

In den Informationsschreiben an die Eltern hieß es, der Nachhilfe-Unterricht werde insbesondere für Kinder der 1., 2. und 7. Klasse angeboten, »um die in den letzten Monaten entstandenen Lücken in Deutsch und Mathematik bei Ihrem Kind aufzufangen«. Wo und durch welche Lehrpersonen blieb offen.

Das schaffte für Eltern diffuse Hoffnungen einerseits, andererseits fühlten sie sich unter Druck gesetzt – wie ich in Gesprächen mit Eltern erfuhr. Die ahnungslos gelassenen Eltern sollten ihre Kinder also für zwei Wochen in völlig unbekannte Hände, Lernumgebungen und Lerngruppen geben und glauben, so würden »Lücken« ihres Kindes weggelernt. Unklar blieb aber, welche »Lücken« denn entstanden waren. Lernen ist kein Puzzle, bei dem Bauklötze in vorgefertigte Löcher gesetzt werden.

Ich halte grundsätzlich eine »Ferienschule«, zudem reduziert auf das Arbeiten in den »Kernfächern« und ohne langfristig mit den verantwortlichen Pädagog*innen der Schüler*innen gut vorbereitetes Lernkonzept, für falsch. Als Grundschullehrerin weiß ich, wie anspruchsvoll das Lernen mit Kindern ist, dass gutes Lernen der Kinder von Kontinuität in Personalbezügen, Lernumgebungen, Methodik und Didaktik abhängt; und hier sollten es Unbekannte aus dem Stand heraus können? In der Berliner Tagespresse erfuhr man, dass die Ferien-Lehrpersonen vor dem Kurs eine Schulung erhalten würden. Die notgedrungene Unzulänglichkeit von Kurzschulungen vor ihrem schulischen Einsatz kenne ich von Quereinsteiger*innen, die ich als Patin begleite.

Alles andere als ein Erfolg

So verwundert es nicht, dass der Berliner Tagesspiegel einige Schüler*innen und Ferienlehrer*innen mit teilweise haarsträubenden Erfahrungen in den Ferienschulen zitierte. Glück war es bei Einzelnen, denen es zufällig nicht so dramatisch erging. Die Verlautbarungen der Senatsschulverwaltung – wie aller Kultusministerien in anderen Bundesländern – sprachen aber pauschal und unbelegt von einem »Erfolg« der »Sommerschulen«.

Ich wünsche mir:

  • Eine kritische Positionierung der GEW zu den Ferienschulangeboten und konstruktive Vorschläge in den Fachgruppen und im Vorstandsbereich Schule.
  • Empfehlungen zur Umsetzung der Rahmenlehrpläne unter den Bedingungen der Pandemie: Was ist wesentlich, was kann weggelassen werden.
  • Ersetzung der Noten und zensierten Tests durch persönliches Feedback, gerade jetzt.
  • In der Kommunikation mit den Eltern durch die GEW erarbeitete Vorschläge, wie kleine Lerngruppen in diesen Zeiten organisiert werden können, zum Beispiel durch Lernzeiten in geteilter Verantwortung von Lehrkräften und Erzieher*innen und durch Wechsel von Fern- und Präsenzunterricht.