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GlosseSchwer traumatisiert

Ist Lesen überhaupt noch wichtig? Warum braucht es überhaupt noch einen tradierten Bildungskanon? Wozu Goethes »Faust«? Sind nicht moderne Kompetenzen viel wichtiger?

16.03.2020 - von Gabriele Frydrych

Im Feuilleton schreibt ein Journalist von »traumatisierten Jugendlichen«. Sicher meint er Kinder von Drogenabhängigen, von psychisch kranken oder gewalttätigen Eltern. Nein, viel schlimmer: Die zarten Kinderseelen wurden in der Schule mit klassischen Dramen gequält. Schillers »Räuber« und Kleists »Zerbrochener Krug«. Und als der Lehrplan ein Jahr später ein modernes Theaterstück vorschreibt, behandelt die Lehrerin Dürrenmatts »Besuch der alten Dame«. Ein Stück aus dem Jahre 1956. Da stöhnt die Urgroßmutter hinterm Ofen: »Das hatten wir damals auch schon. Ist das immer noch so langweilig?« Finn-Levin zitiert im Unterricht triumphierend seine Uroma. Die Deutschlehrerin denkt resigniert an den großen Aufklärer Lichtenberg: »Ein Buch ist ein Spiegel. Wenn ein Affe hineinsieht, kann kein Apostel herausgucken.«

Statt all dieser traumatisierenden Schinken empfiehlt der Kulturjournalist ein modernes Jugendstück: erste Liebe, erste Trennung, erstes Ritzen. Der Lehrer muss die Jugendlichen nämlich dort abholen, wo sie sind. Und sie möglichst in Ruhe lassen und nicht in unbekannte Gefilde verschleppen. Am besten füttert er sie im Deutschunterricht mit Dingen, mit denen sie sich angeblich gut auskennen: Mobbing im Klassenraum, Gewalt auf dem Schulhof, Zensurendruck und Leistungsterror, Probleme mit Eltern und Lehrern. Und sollte die Lehrkraft tatsächlich einmal klassische Literatur unterrichten, dann wählt sie »Easy Reading«: Der junge Werther, auf ein Zehntel zusammengestrichen und in einfacher Sprache. Kein Wunder, dass der spätere Deutsch-Leistungskurs aufstöhnt, als die Lehrerin mit einer langen Lektüreliste aufkreuzt. Das Stöhnen setzt sich bei den jungen Germanisten an der Uni fort: »Was, das ganze Buch?«

Der Journalist sinniert, warum es überhaupt noch einen tradierten Bildungskanon braucht. Wozu Goethes »Faust«? Wozu »Nathan der Weise«? Sind nicht moderne Kompetenzen viel wichtiger als »humanistische« Bildungsrelikte? Mittlerweile sind einige der empörten Germanistikstudenten an den Schulen gelandet. Manch einer verweigert sich offen: »Ich kann mit Hebbel und Keller nichts anfangen. So was kann ich nicht unterrichten!« Also wird stapelweise angeschafft, was den Deutschlehrer beliebt macht: Schiller als Comic, Büchner als Manga, »Lessing light«, Bücher über Drogensucht, Jugendprostitution und Multikulti-Gangs. Schule muss Spaß machen und darf auf keinen Fall anstrengen.

Beim letzten Klassentreffen gesteht eine Schülerin grinsend, dass sie in der Oberstufe kein einziges Buch gelesen hat. Und auch in ihrer Freizeit nicht. All ihr Wissen stammt aus Wikipedia und von Schüler--Webseiten. Wozu mühsam etwas verdauen, wenn man es vorgekaut bekommt und in der Klausur nur wieder ausspucken muss? Zum Glück für diese praktisch denkende Schülerschaft suchen nicht alle Lehrer im Internet nach der Quelle, wenn ihnen Klausuren spanisch vorkommen.

Ist Lesen überhaupt noch wichtig? Mittlerweile ist Effi Briest zigmal verfilmt, man muss das langweilige Buch gar nicht kennen. Computer können einem jeden beliebigen Text vorlesen, wozu also der Krampf mit dem Lesenlernen in der Grundschule? Einmal in der Woche kommt eine Lesepatin und übt mit Lena (9 Jahre). Das Kind stottert rum und lässt sich auch durch bunte Kinderbücher und düstere Zukunftsprognosen nicht zum Lesen motivieren. Den Kasper aus dem Bilderbuch kennt sie bereits aus dem Spätfernsehen. Dort lockt er Kinder an und lässt sie für immer in Abwasserkanälen verschwinden. So spannend ist keins der Bücher, die die Lesepatin anschleppt. Wenn man bei Google »Leseunlust bekämpfen« eingibt, findet man Lese-Stiftungen, Lesenächte in Büchereien, Wettbewerbe und Tipps, wie man vor allem Jungs zum Lesen verführt. Erotische Literatur und Sachtexte sollen hilfreich sein... Auf keinen Fall darf man deutliches Interesse daran zeigen, dass ein Kind liest. Das evoziert nur Trotz und Unmut. Die Lesepatin erinnert sich an nächtliche Lektüren unter der Bettdecke. Heimlich, mit Taschenlampe. Heute wären manche Eltern froh, wenn ihr Kind unter der Bettdecke lesen würde. Irgendwie hält sich nämlich bei den Altvorderen und Pädagogen die fossile Ansicht, dass Lesen wichtig fürs Denken und für die Persönlichkeitsentwicklung ist. Wie sagte der alte Deutschlehrer immer: »Wer Bücher liest, schaut in die Welt – und nicht nur bis zum Zaune« (Goethe). – Who the hell is Goethe?

Die Autorin weigert sich hartnäckig, ihre satirischen Texte gendern zu lassen. Beschwerden bitte direkt an sie.

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