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SchuleSeid doch endlich leise!

Lärm in der Grundschule ist für Lehrende und Lernende belastend. Eine Lehrerin richtet den Blick auf das, was Pädagog*innen tun können, um den Schulalltag ruhiger zu gestalten.

14.05.2020 - von Amrei Bullerdiek

Vor etwa zehn Jahren trat ich in der Vorweihnachtszeit aus meinem Klassenraum auf den Flur. In der Garderobe tummelten sich drei Klassen. Die Kinder zogen sich um für die Pause. Der Lärm war unbeschreiblich. Ich griff nach einem schreienden Kind und herrschte es an: »Hier wird nicht gebrüllt!« Freeze! Die Gruppe erstarrte, der Tumult unterbrach für Sekunden. Dann liefen Ton und Bilder weiter, als wäre nichts geschehen. Es wirkte, was ich tat, nicht, was ich rief. Die Kinder brüllten weiter; ich zog mich beschämt zurück. 

Mit dieser pädagogischen Bankrotterklärung musste ich mich beschäftigen. An dieser Situation war nichts Gutes – aber sie war ein Wendepunkt für mich. Heute arbeite ich anders: Viel Kraft widme ich der Idee, »Klassen zu beruhigen«. Nur selten verfalle ich in alte Gewohnheiten und versuche »Unruhe zu bezwingen«. 

Seitdem lese ich Geräusche in der Schule anders. In Klassenräumen und Gängen, auf dem Schulhof höre ich, wie laut Lehrer*innen und Erzieher*innen agieren. Frau Wenz betritt die Klasse, streckt ihren Daumen hoch in die Luft und ruft: »Ich zähle 1, 2 uuuuuuund 3!« »Ruhe! Ich habe schon bis drei gezählt. Nun erwarte ich RUHE!« Ihre Stimme zittert leicht. Herr Behrens bittet die »Boys and Girls« dröhnend, sich sofort hinzusetzen, den Hefter aufzuschlagen und ihn anzusehen. Dabei hat er das Lehrerpult noch nicht erreicht. Frau Schulz spricht ohne Unterlass: »Guten Morgen, ihr Lieben. Bitte setzt euch hin, packt das Frühstück ein. Nein, du solltest jetzt nicht mehr auf die Toilette gehen. Ich würde gerne anfangen. Könntest DU nun bitte auch ruhig sein. Ich finde es nicht nett, dass so viele von euch noch quatschen. Seid wenigstens so fair, diejenigen lernen zu lassen, die es wollen...«

In der Pause beklagen sich die drei zusammen mit einigen Erzieher*innen über die Lärmbelastung durch ihre Schüler*innen. Frau Pauli selbst hat in der Frühbetreuung ruhig spielende Kinder lautstark aufgefordert: »Die Kinder aus Haus 3 und 4 räumen bitte alles zusammen und kommen miiit!« Zuvor hatte sie mit der Kollegin schrill kichernd Neuigkeiten ausgetauscht. Frau Meyer hat auf dem Weg ins Lehrerzimmer fast im gesamten Schulgebäude für Unruhe gesorgt: Jeden begrüßte sie lautstark und wortgewaltig. Sie schallte durch die Eingangshalle, in Klassenräume, über Flure und die Treppen hinauf.

Pädagog*innen sind nicht machtlos 

Viele Pädagog*innen leiden unter Lautstärke. Sie halten den Geräuschpegel in der Schule schlecht aus, entwickeln Stresssymptome und Krankheiten. Doch schöpfen wir noch nicht alle Möglichkeiten aus, sind selbst zu oft »Lärmquellen« und verstehen uns darin zu wenig. Die kollegiale Kritik fällt uns schwer. Oft herrscht eine unheilvolle Kumpanei der »Entwicklungsverhinderung«. Lehrer*innen und Erzieher*innen klagen sich gegenseitig ihr Leid, glauben, dass sie nichts machen können und haben als Ursache einzelne Kinder oder Eltern identifiziert. 

Pädagog*innen suchen Lösungen und besprechen gemeinsam Regeln für die Schüler*innen. Sie beantragen Dämmung, Kopfhörer und Lärmampeln, doch die wichtigste Ressource nutzen sie zu wenig. Die einzige Konstante, die du an jeder Schule, in jeder Klasse wiederfindest, bist du selbst. Nichts hilft dir mehr als deine eigene Wirkung – mögen Schul- und Klassenregeln noch so gut ausgehandelt sein. Langfristig ist Selbsterkenntnis eine große Kraftquelle. Doch sich der eigenen Verantwortung im Getöse zu stellen, ist nicht leicht. Mir halfen erfahrene Kolleg*innen, Coaches und Supervision.

Es gibt viele Techniken, die sich jede*r aneignen kann, um den Geräuschpegel in der Klasse zu mindern. Die einfachste ist die schwerste: Sprich wenig, sprich leise, wiederhole dich nicht! 

Beim Betreten einer Klasse ist es sinnvoll, zunächst zu schweigen. Du kannst viele Gruppen zur Ruhe bringen, allein durch deine Präsenz, innere Sicherheit und ein freundliches Auftreten. Dabei ist es wichtig auszuhalten, dass die Kinder einige Sekunden brauchen, um sich auf den Beginn einzustellen. Am Anfang einer Konferenz möchtest du nicht, dass die Schulleitung gereizt beginnt, bevor es im Kollegium ruhig geworden ist. Das dauert etwas – bei einer Gruppe Lehrer*innen ebenso wie bei Schüler*innen.

Blicke zu den Kindern, die noch nicht ihren Tisch vorbereitet haben. Deinem Blick folgt die Klasse. Das fordert auch den letzten auf, sich vorzubereiten. Wenn die Klasse Ruhe gewöhnt ist und sie als gemeinsamen Wert kennt, reicht es, einen Hefter hochzuheben und auf die Tür zu weisen, wenn du in einen Fachraum gehen möchtest. Die Kinder werden sich so anstellen, wie es einmal (einmal!) erklärt wurde.
Grundschulkindern hilft ein akustisches Signal, wenn sie dich nicht sehen, weil du gerade hereinkommst, sie lesen, in Gruppen arbeiten, sich unterhalten oder im freien Spiel sind. Das Signal kann eine Triangel sein oder ein Klangstab. Ritualisierte Monologe, dass sich die Kinder beruhigen mögen, die Hefter aufschlagen sollen und so weiter, sind kontraproduktiv. Die Kinder schalten ab.

Hausgemachte Unruhe

Pädagog*innen geben Kindern oft gegensätzliche Signale. Die Kinder hören: »Seid leise!« und erfahren im gleichen Atemzug, dass Erwachsene durchaus rufen dürfen. Frau Weise bereitet Erstklässler*innen auf das Hortleben vor. Sie doziert laut und weist tuschelnde Kinder zurecht. »Das ist halt meine Art!«, entgegnet sie mir, als ich sie darauf hinweise. 

Was würde passieren, wenn nun ein lärmendes Kind sagt: »Das ist halt meine Art!«? Wie kann Frau Weise von allen Kindern Ruhe verlangen, sich selbst aber Lautstärke als Eigenart zugestehen? Die Kleinen reagieren verwirrt. Sie wissen nicht, was gilt: das Gesagte oder das Gezeigte.

Größeren Kindern einer fünften oder sechsten Klasse ist klar, dass das Gesagte zählt. Sie wissen trotz des Radaus von Lehrer*innen und Erzieher*innen, dass sie leise sein müssen. Sie erfahren aber, dass Ruhe für viele Kolleg*innen keinen Eigenwert hat. Wenn Kolleg*innen Ansagen machen und etwas verordnen, was sie selbst nicht vorleben, wird Lautstärke zur Machtfrage.

Milde Selbstkritk

Nach wie vor gibt es Gruppensituationen, die ich nicht beruhigen kann. Die anfangs beschriebene Szene in der Garderobe gehört dazu. Manche Momente muss ich aushalten, bis sich die Gelegenheit gibt, sich ihnen entspannt zu widmen.

Einige Kolleg*innen brüsten sich damit, immer für Ruhe sorgen können, indem sie Angst verbreiten. Kinder das Fürchten zu lehren, stoppt Lärm verlässlich im eigenen Machtbereich, beruhigt aber niemanden. Der Griff in die pädagogische Mottenkiste »funktioniert« im Sinne einer Lärmunterdrückung, stresst Kinder jedoch nachhaltig. 

Bin ich heute in einer Klasse von Krach umgeben, frage ich mich nach meiner Verantwortung. Was in mir lässt mich laut werden in herausfordernden Momenten? Bevor ich auf andere zeige, fasse ich mir an die eigene Nase. Jedoch verzeihe ich mir Ungeschicktheiten sofort. Wer zu sehr mit seinen Fehlern hadert, kann sich ihnen nicht angemessen widmen. Sich eigenen Schwächen zu stellen, erfordert Selbstbewusstsein, die Sicherheit, so sein zu dürfen.

Die Kraft bleibt, die du in deine eigene Entwicklung steckst. Veränderungen bei den Schüler*innen musst du immer wieder neu erarbeiten.