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Kinder-, Jugendhilfe und SozialarbeitSelbsthilfe – die vierte Säule im Gesundheitssystem

Innerhalb der GEW gibt es die vielfältigsten Berufsfelder. Im ersten Interview unserer Reihe über die verschiedenen Arbeitsbereiche in der sozialen Arbeit erzählt uns Adelina Koch, was den Geist der Selbsthilfe ausmacht.

01.07.2021 - Das Interview führte Jeannine Schätzle

bbz: Wir sitzen zusammen im Selbsthilfezentrum Reinickendorf, wo du seit über sechs Jahren als Sozialarbeiterin tätig bist. Wie bist du zur sozialen Arbeit gekommen?

Koch: Ich war immer daran interessiert, Menschen zu unterstützen. Schon zu Schulzeiten war ich eine »Kummerkasten-Schulfreundin« und fand es wichtig, für andere da zu sein. Ich habe dann relativ schnell das Bedürfnis entwickelt, das professioneller und nachhaltiger zu machen und wollte Menschen unterstützen, die aufgrund unterschiedlichster Gründe und Lebenslagen gerade nicht in der Lage sind, sich selbst zu helfen.

Hast du dich schon vorher mit dem Thema Selbsthilfe beschäftigt oder war es eher Zufall?

Koch: Es war tatsächlich eher Zufall. Ich habe meine Berufslaufbahn in der Kinder- und Jugendhilfe begonnen. War dann aber nach den ersten Jahren mit den Arbeitsbedingungen unzufrieden, sodass ich wieder auf Jobsuche gegangen bin. Eine sehr gute Freundin von mir hat in der Selbsthilfe gearbeitet und mir die Ausschreibung für diese Stelle geschickt. Und was sie mir von ihrem Job erzählt hat, fand ich sehr spannend und vielseitig. Es war etwas ganz anderes, als das, was ich vorher gemacht habe. Ich wollte mich ja verändern.

Was genau sind die Aufgaben, die ihr hier im Selbsthilfezentrum habt?

Koch: Unsere große Aufgabe heißt »Selbsthilfeunterstützung«. Wir unterstützen die Gruppen, die sich bei uns im Haus und in ganz Reinickendorf treffen, bei ihrer Arbeit. Dabei begleiten wir sie zum Beispiel bei der Gruppengründung und in krisenhaften Gruppensituationen, organisieren Referent*innen für Fachvorträge oder Workshops und vermitteln Interessierte. Wir haben bei uns im Haus circa 35 Gruppen, die sich treffen, zu ganz unterschiedlichen Themen. In Reinickendorf sind es circa 100 Selbsthilfegruppen.

Welche Selbsthilfegruppen gibt es bei euch?

Koch: In erster Linie sind es gesundheitliche Selbsthilfegruppen, da geht es um chronische Erkrankungen, wie beispielsweise Osteoporose, Multiple Sklerose, Krebserkrankungen oder Suchterkrankungen oder der ganze psychosoziale Bereich, Gruppen zu Ängsten und Depressionen oder Hochsensibilität, Kontaktabbrüche und Trennungen. Weiterhin treffen sich in unserem Haus Gruppen aus unterschiedlichen Kulturkreisen wie zum Beispiel aus Nigeria, Kamerun, dem Kongo oder eine Aussiedlergruppe. Dann haben wir noch Gruppen aus dem Freizeitbereich, die gemeinsam etwas unternehmen möchten, wie beispielsweise verschiedene Frauen- und Senior*innengruppen.

Du hast von der Vielseitigkeit deines Jobs erzählt. Inwieweit geht deine Aufgabe über die Beratung und Begleitung der Gruppen hinaus?

Koch: Der zweite Aspekt ist die Öffentlichkeitsarbeit, die einen sehr großen Teil einnimmt. Wir sind gerade dabei, die Flyer neu zu gestalten. Zudem werben wir auf unserer Homepage, in diversen Nachbarschaftsportalen, lokalen Zeitungen und Social Media. In Berlin ist die Datenbank von SEKIS die zentrale Datenbank für die Suche nach Selbsthilfegruppen. Dort pflegen wir den Bereich für Reinickendorf. Wir führen selbst auch Veranstaltungen zu verschiedensten Themen unserer Gruppen durch, die wir organisieren und bewerben. Zwei Mal im Jahr geben wir ein Programmheft heraus, das nimmt schon ziemlich viel Arbeitszeit ein.

Ein weiterer großer Bereich ist die Gremienarbeit, weil wir mit der Berliner Selbsthilfe sehr vernetzt sind und dort in unterschiedlichen Arbeitskreisen aktiv werden. Darüber hinaus gibt es natürlich noch weitere Netzwerke und Arbeitsgemeinschaften, in denen die Selbsthilfe aktiv ist, wie zum Beispiel das Gesunde Städte Netzwerk. Neben der Unterstützung der Selbsthilfegruppen vor Ort haben wir auch den Auftrag, die Selbsthilfe als Hilfeform bekannter zu machen, als Möglichkeit der Aktivierung und des Empowerments. Noch mehr Menschen sollen von der Möglichkeit wissen, sich in Gruppen zu organisieren und die eigenen Themen aktiv anzugehen.

Du hast vorher schon erzählt, welche Arbeitsbereiche schwerpunktmäßig von euch abgedeckt werden – welche Kompetenzen, welche Fähigkeiten braucht man für das, was ihr hier tut?

Koch: Es ist ein sehr vielseitiger Arbeitsbereich, daher ist es gut, breit aufgestellt zu sein. Zum einen gibt es den pädagogischen Bereich, wo es um Gruppenarbeit, um Beratung geht und entsprechende Kompetenzen gefragt sind. Es sind aber auch einige organisatorische Fähigkeiten gefragt, also vieles geht um Koordinierung und Organisation hier im Haus, Projektmanagement würde ich sagen. Es kommen immer wieder Aufträge auch von außen, welche Schwerpunktthemen gerade umzusetzen sind, von der Senatsverwaltung zum Beispiel.

Gut strukturiert zu sein, ist auf jeden Fall auch ein Aspekt, es passiert vieles gleichzeitig. Man bekommt sehr viele E--Mails, dann haben wir natürlich auch Sprechzeiten, wo von außen Anfragen kommen. Im Moment ist es sehr ruhig im Haus – coronabedingt –, aber in der Regel ist das Haus voll. Es ist dann eine Frage von Flexibilität, Abgrenzung und Multitasking.

Wie ich bereits erwähnt habe, ist die Öffentlichkeitsarbeit ein sehr großer Bereich. Damit muss man sich beschäftigen und sich weiterbilden. Es gibt Aspekte der Öffentlichkeitsarbeit, die machen wir selber, wie Ausschreibungen oder Werbung für die Gruppen, aber es gibt auch die Möglichkeit, entsprechende Fachkräfte weiterführend zu engagieren.

Gibt es Erlebnisse, die dich besonders geprägt haben? Eine Geschichte, die dir spontan einfällt, etwas, das vielleicht ein bisschen beschreibt, wie die Arbeit hier so abläuft?

Koch: Was mich sehr geprägt hat, ist tatsächlich diese Vielfältigkeit an Themen, die teilweise an einem Tag auf einen einströmen. Wie viele Schicksale einem hier begegnen, in welcher besonderen Rolle man ist. Die Distanz zu den Menschen, die hierherkommen, ist eigentlich größer als in der klassischen sozialpädagogischen Arbeit und trotzdem ist ein Austausch und Nähe da. Es kommen immer wieder neue Anfragen und Aufgaben auf einen zu. Man arbeitet sich natürlich ein, um zu verstehen, was das alles bedeutet. Ich habe Krankheiten kennen-gelernt, von denen ich vorher noch nie was gehört habe und von Schicksalen erfahren, die hätte man sich nicht ausdenken können.

Und in diesem Zusammenhang ist ein weiterer Aspekt, der mich sehr geprägt hat und noch prägt, der »Geist der Selbsthilfe«. Gemeint ist damit die Haltung, mit der Menschen sich ihren Problemen, Einschränkungen, Ängsten, Verlusten, Schmerzen stellen und in der Gemeinschaft ihrer Gruppe angehen. Diese Haltung ist die des Verstehens, Mitgefühls, Ansporns, des gegenseitigen Respekts und des Angenommenseins.

Gibt es einen Teil der Arbeit, der dich besonders begeistert?

Koch: In der Öffentlichkeitsarbeit fühle mich sehr wohl. Ich kann da neue Ideen entwickeln, um mehr Menschen zu erreichen. Besonders die kreative Arbeit, wie die Gestaltung der neuen Flyer, macht mir zurzeit dabei am meisten Spaß.

Gibt es andererseits Bereiche, die du schwierig findest? Nicht nur für dich, sondern die Herausforderungen, die noch zu bearbeiten sind?

Koch: Ein Thema ist die Finanzierung. Wir unterliegen dem Zuwendungsrecht und müssen Fördergelder finden, was es manchmal nicht so einfach macht, Projekte umzusetzen. Es wäre schön, wenn das einfacher und flexibler möglich wäre. Zudem haben wir zwar eine recht große Freiheit in der Gestaltung unserer Arbeit, das kann allerdings auch schwierig sein. Wir sind drei Sozialpädagoginnen in Teilzeit und müssen ein recht vielseitiges, komplexes Projekt stemmen, das weit über die Soziale Arbeit hinausgeht.

Was würdest du dir für die Zukunft wünschen?

Koch: Mehr Anerkennung! Ich ärgere mich darüber, dass die Löhne sich stark unterscheiden und prinzipiell recht niedrig sind. Allein in Berlin verdienen die Mitarbeiter*innen in den Selbsthilfekontaktstellen ganz unterschiedlich, wobei wir doch alle ähnliche Arbeit machen. Ich wünsche mir, dass wir alle nach TV-L bezahlt werden. Schließlich machen wir eine wertvolle Arbeit in den Bezirken, Stadtteilen und Kiezen. Das sollte entsprechend honoriert werden.

SEKIS (Selbsthilfe Kontakt- und Informationsstelle) 
informiert über Selbsthilfe in Berlin, unterstützt Gruppen bei der Gründung oder der Vertretung ihrer Interessen.

www.sekis-berlin.de