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Perspektive QuereinstiegStimmen aus der Praxis

Was denken Quereinsteiger*innen selbst über den Quereinstieg? Würden sie guten Freund*innen raten, sich ebenfalls zu bewerben? Wie nehmen die »normalen« Lehrkräfte ihre neuen Kolleg*innen wahr? Empfinden sie Quereinsteiger*innen als Bereicherung oder als Belastung? Wir haben nachgefragt.

05.09.2018

Trial and error

Vor dem Quereinstieg war ich 13 Jahre lang freiberuflich als Kunstpädagogin tätig. Auch wenn ich schon damals pädagogisch gearbeitet habe, unterscheidet sich mein Alltag im Schuldienst doch erheblich. Ich habe in erster Linie die Aufgabe zu erziehen und eine Lernatmosphäre herzustellen; drei Viertel erziehen, ein Viertel unterrichten. Als Freiberuflerin hatte ich dagegen überwiegend mit Erwachsenen gearbeitet, die freiwillig lernen wollten. Die Arbeit im Schuldienst erlebe ich als nervenaufreibender und oft auch als einzelkämpferischer, verglichen mit meiner Zeit als Freiberuflerin.

Im berufsbegleitenden Referendariat hätte ich mir viel mehr Unterstützung gewünscht. Dazu gehört eine Fachseminarleitung, die meine Schulform kennt, weil sie dort schon selbst unterrichtet hat. Alle meine Fachseminarleiter*innen waren ausschließlich am Gymnasium tätig – da trafen Welten aufeinander. Dass ich aus Gründen des Personalmangels keine Mentor*innen an meiner Schule hatte, war auch nicht gerade hilfreich. »Normale« Referendar*innen, die von der Uni kamen, wurden besser betreut. Sie durften am Anfang viel hospitieren, während ich vom ersten Tag an eigenständig unterrichtete. Dabei musste ich mangels Anleitung viel per Trial and Error erlernen. Im Hauptseminar hätten die Themen Class Room Management und Elterngespräche gleich am Anfang stehen sollen. Auch über einen Hinweis auf das Schulpsychologische und Inklusionspädagogische Beratungs- und Unterstützungszentrum (SIBUZ), wo man sich fachliche, pädagogische und psychologische Beratung holen kann, wäre ich dankbar gewesen. Mir haben jegliche Informationen zum Umgang mit Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf gefehlt. Darüber habe ich in keinem Seminar und in keiner schulischen Fortbildung jemals etwas gelernt. Auch die Kolleg*innen signalisierten mir: »Ich habe doch keine Ahnung, wie ich die fördern soll.« Das führte bei mir zu Gewissensbissen gegenüber den Schüler*innen.

Leider fehlt der Ausbildung eine an die heutige Zeit angepasste Lobkultur. Es wird immer nur kritisiert. Motivation sieht anders aus und wäre so leicht als Ansporn zu nutzen. Darin sollten die Seminarleiter*innen geschult werden, so wie es heutzutage Führungskräfte in Unternehmen lernen. Die meisten dieser Defizite gelten sicher für das »normale« Referendariat genauso wie für den berufsbegleitenden Vorbereitungsdienst. Ein Armutszeugnis für die Lehrer*innenausbildung in Berlin.

Es gab aber auch Menschen, die mich unterstützt haben. Eine empathische, immer freundliche Hauptseminarleiterin gehört zu den dicken Pluspunkten. Einzelne Kolleg*innen, meine Mitreferendar*innen und meine Lebenserfahrung haben mir sehr geholfen. Andernfalls hätte ich das Referendariat ganz sicher abgebrochen. Geholfen haben mir auch die Mut machenden Videoclips von Ernst Neumeister: »Surviving the Ref«!

Wer den Wunsch nach beruflicher Veränderung hat und wie ich aus der prekär vergüteten Freiberuflichkeit kommt, dem würde ich trotz allem den Quereinstieg empfehlen. Es ist ein harter Weg, aber wenn man das Referendariat überstanden hat, eröffnen sich viele neue berufliche Entwicklungsmöglichkeiten. Und die finanzielle Sicherheit lässt neue Hoffnung auf eine Rente über dem Existenzminimum aufkeimen. Dafür lohnt sich vermutlich die Anstrengung.

Claudia Zimmermann (Name geändert)
hat den berufsbegleitenden Vorbereitungsdienst an einer
Integrierten Sekundarschule durchlaufen. Nach dem Referendariat ist sie an ein Berliner Oberstufenzentrum gewechselt

 

Die Ausbildung wird stark in die Schulen verlagert

An unserer Schule haben wir bereits drei Quereinsteiger*innen, die die Ausbildung beendet haben, fünf in laufender Ausbildung und weitere drei beabsichtigte Quereinstiegseinstellungen für das kommende Schuljahr. Es handelt sich also um rund ein Fünftel der Lehrkräfte.

Der Aufwand für die Anleitung und Betreuung ist sehr hoch. Die Kolleg*innen, die den Quereinstieg dankenswerterweise wagen, haben teilweise keinerlei Vorerfahrung. Insbesondere gilt das für die Arbeit an Brennpunktschulen. Sie benötigen eine äußerst intensive Unterstützung durch alle am Schulleben beteiligten Personen. Und das im Alltagsgeschäft, das ohnehin schon starke Belastungen mit sich bringt.

Quereinsteiger*innen bringen oft einen anderen Blickwinkel, einen anderen Erfahrungshorizont als »reguläre Lehrkräfte« mit, was für Kinder und Erwachsene sehr bereichernd sein kann. Auf der anderen Seite fließt eine immense Arbeitskraft aller Professionen in die Ausbildung ein, die Kraft kostet und belastet. Die Ausbildung wird stark in die Schulen verlagert, wo auch organisatorisch (beispielsweise durch Studien-, Seminarzeiten, Unterrichtsbesuche) Grenzen erreicht sind.

In den Teams gibt es bei uns enge Absprachen und dort wird auch die Betreuung der Quereinsteiger*innen geregelt. Wir sind der Auffassung, dass wir auf die individuellen Voraussetzungen der Kolleg*innen mit individuellen Systemen und Maßnahmen reagieren müssen. Das Wichtigste ist die offene, faire und enge Kommunikation.

Philipp Lorenz ist kommissarischer Schulleiter der Wedding-Grundschule

 

Ohne meine Kollegin hätte ich sicher abgebrochen

Nach einigen Jahren als freiberuflicher und angestellter Lektor habe ich zuletzt sechs Jahre in einem großen Konzerthaus im europäischen Ausland gearbeitet. Dort war ich in der Dramaturgie tätig. Im Jahr 2015 habe ich mich für den Quereinstieg in den Schuldienst entschieden. Leider hat mich die Leitung jener Schule, an der ich das berufsbegleitende Referendariat begonnen habe, in keiner Weise adäquat unterstützt. Glücklicherweise konnte ich aber noch während des Vorbereitungsdienstes die Schule wechseln.

Das Prinzip des Quereinstiegs erfordert von beiden Seiten die Bereitschaft zum Blick über den eigenen Tellerrand. Das Bewusstsein dafür fehlte leider sowohl meinem ersten Schulleiter, wie auch den meisten Seminarleiter*innen. Dass nicht wenige Seminarleiter*innen Quereinsteigenden von vornherein skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen, ist ein offenes Geheimnis. Ich habe also zum einen feststellen müssen, dass es in den Fachseminaren unfair zugeht. Zum anderen wurde dort nicht jene Transparenz gelebt, die uns allen als wichtiges Element der Lehrtätigkeit vermittelt wurde.

Ich hatte aufgrund meiner Fächerkombination das Glück, schon zu Beginn des Vorbereitungsdienstes auch an einer anderen Schule zu unterrichten, an der ich das Referendariat schließlich beenden konnte. An dieser Schule arbeite ich bis heute mit viel Freude, denn hier herrscht ein gänzlich anderes Klima. Hier habe ich auch die einzige wirkliche Anleitung erhalten. Ohne die Anleitung und Unterstützung meiner Kollegin hätte ich den Vorbereitungsdienst sicher abgebrochen.

Ich würde jeder*m empfehlen, sich vor der Entscheidung zum Quereinstieg mehrere Tage den Unterrichtsalltag an Schulen anzusehen, die als spätere Ausbildungsschulen in Frage kommen. So hat man ein einigermaßen realistisches Bild von dem, was einen erwartet.

Georg Meier (Name -geändert) ist nach erfolgreichem Absolvieren des berufsbegleitenden Vorbereitungsdienstes Klassenlehrer an einer Grundschule in Berlin

 

Diese tollen Kolleg*innen wären uns sonst entgangen

Ich kann im Moment gar nicht sagen, wie viele Quereinsteiger*innen wir bei uns haben. Derzeit befinden sich einige am Ende ihrer berufsbegleitenden Studien beziehungsweise im Referendariat. Die ersten sind bereits fertig. So ganz »neue" gibt es derzeit zum Glück nur wenige. Zu Beginn ist der Aufwand für die Betreuung und Anleitung der neuen Kolleg*innen hoch, ich würde sagen zwei Stunden die Woche mindestens. Eine strukturierte Anleitung lässt sich aber gar nicht so leicht umsetzen, weil Anleitende nicht zur gleichen Zeit unterrichtsfrei haben wie die Quereinsteigenden, die sie betreuen sollen.

Der Quereinstieg bringt unweigerlich Belastungen für die anderen Lehrkräfte mit sich. Es müssen ja erstmal viele grundlegende Dinge vermittelt werden. Sowohl im pädagogischen und didaktischen als auch schulorganisatorischen Bereich. Dazu kommt, dass Aufgaben, die von den Quereinsteigenden noch nicht sicher wahrgenommen werden können, oft von anderen ohne Ausgleich mitübernommen werden müssen. Ich finde es problematisch, dass gerade die Quereinsteigenden von Anfang an so viele Stunden alleine unterrichten müssen. Das kann eigentlich gar nicht funktionieren.

Besonders Kolleg*innen, die in ihrem studierten Beruf ein paar Jahre Berufserfahrung haben, geübt darin sind, vor anderen zu sprechen und Menschen, die bereits in irgend einer Form gelehrt haben (als Sporttrainer*innen, Musiklehrer*innen, Logopäd*innen) sind oft eine große Bereicherung. Schon während und besonders nach Abschluss der Ausbildung haben sich unsere Quereinsteigenden als tolle Kolleg*innen erwiesen, die wohl ohne diese Möglichkeit der Schule entgangen wären.        Tanja Vetter ist Lehrerin an der Wilhelm-Hauff-Grundschule im Wedding