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studieren in ArmutTäglich grüßt das Existenzminimum

Wer keine finanzielle Unterstützung durch seine Eltern erhält, sieht sich im Studium schnell mit Geldsorgen, Existenzängsten und Bürokratiekämpfen konfrontiert.

06.10.2020 - von Derya Demir

Dass die Zeit des Studiums die schönste im Leben sei, hört man nicht selten. Insbesondere Menschen, die schon länger berufstätig sind, schwelgen nostalgisch in Erinnerungen, wenn es um ihre Studienzeit geht, denn mit steigendem Alter wächst auch die Verantwortung. Doch für viele Studierende beginnt der Bürokratiewahnsinn schon recht früh. Können oder wollen die Eltern das Studium für ihre Kinder nicht finanzieren, ist die Suche nach anderen finanziellen Hilfen unabdingbar. Das Abi ist durch, die Immatrikulation für den Wunschstudiengang erfolgt und der Umzug in eine neue Stadt steht bevor. »Puh, so viel Miete. Na gut.« Die Eltern würden gerne unter die Arme greifen, aber sie können nicht. Leider. Zum Glück ist da noch das BAföG-Amt. Als ich mein Studium 2014 in Berlin aufnahm, lag der Höchstsatz bei 597 Euro. Das sollte reichen für Miete, Essen, Lebenshaltungskosten. Dass es noch Stipendien für Studienanfänger*innen gibt, hat mir niemand erzählt. Für mich hieß es damals: Arbeiten oder kein Geld. Aber die Arbeit nimmt letztlich doch mehr Zeit in Anspruch als erwartet. So schnell, wie es die Studien- und Prüfungsordnung von mir forderte, konnte ich den Bachelor nicht abschließen. Dem BAföG-Amt ist das allerdings egal.

Mehr Arbeit, Aufwand und Angst

Wer keine finanzielle Unterstützung durch die Familie erhält, hat es schwerer im Studium. Sei es durch das zusätzliche Arbeiten, den bürokratischen Aufwand oder die Angst, dass die Miete nicht pünktlich bezahlt werden kann. Die Ruhe und Zeit, die man seinem Studium widmen sollte, wird einem dadurch radikal entzogen. Auch ich habe mich Jahr um Jahr durch eine Antrags- und Unterlagenhölle gequält. Jahr um Jahr um meine Existenzgrundlage gebangt. Schafft man den Studienabschluss nicht in der Regelstudienzeit, wird man sitzengelassen. Mit dem vom BAföG-Amt erteilten Negativbescheid ging es dann direkt zum nächsten Amt. Wer bisher geglaubt hatte, dass der BAföG-Antrag bürokratisch sei, der hat noch nie mit dem Wohngeldamt zu tun gehabt. Mit einem manuskript-dicken Papierstapel stellte ich den Wohngeldantrag. Um viel ging es nicht. Vielleicht 50 bis 100 Euro. Doch auch das sollte mir verwehrt bleiben, denn akribisch wie das Wohngeldamt ist, zählten sie sogar das Kindergeld zum Einkommen. Schmerzlich musste ich akzeptieren, dass mir weder BAföG noch Wohngeld zustanden. Ein Jahr lang musste ich also mit meinem kläglichen Einkommen und Kindergeld über die Runden kommen. Ein Jahr lang hatte ich so gut wie kein Geld. Konnte nicht mal eben ins Kino. Konnte nicht mal ein Wochenende mit Freund*innen verreisen. Und wehe es flatterte eine unerwartete Rechnung in den Briefkasten.

Weniger Ruhe und Zeit zu studieren

Die Erlösung kam erst mit dem Masterstudium und dem damit einhergehenden Anspruch auf Weiterförderung. Inzwischen hatte sich die Beitragshöhe sogar geändert. 853 Euro gibt es jetzt. Das klingt auf den ersten Blick gut. Auf den zweiten Blick sieht es wieder ganz anders aus. Denn die Erhöhung vollzieht nur nach, was seit Jahren schon spürbar ist – explodierende Mietpreise und steigende Lebenshaltungskosten. Zudem klatschte mir auch mein Alter ins Gesicht. Die große 25 – kein Kindergeld und ein hoher Krankenkassenbeitrag. Da wären wir also wieder bei plusminusnull. Denn wer kein Geld hat, muss neben dem Studium arbeiten. Wer neben dem Studium arbeitet, braucht länger für sein Studium. Wer länger für sein Studium braucht, wird nicht weitergefördert. Ein Teufelskreis!