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SchuleÜber die Liebe zum Beruf

Detlef Horn-Wagner berät seit vielen Jahren Schulen und Schulverwaltungen. Mit der bbz hat er über Schuldistanz von Lehrkräften und über Mängel in der Lehrkräfteausbildung gesprochen.

16.03.2020 - Ulrich Falke im Interview mit Detlef Horn-Wagner

Ein erstes Mal habe ich Sie 2012 bei einer vom Jugendamt Neukölln organisierten Tagung zum Thema Schuldistanz gehört, wo Sie die provozierende These aufstellten: die Schulen müssten sich fragen lassen, wie schuldistanziert sie selbst sind. Wie schuldistanziert sind die Schulen heute?

Horn-Wagner: Ich wusste gar nicht, dass das schon so lange her ist. Mit meiner Frage meinte ich: Wie schuldistanziert sind eigentlich Lehrer*innen? Und viele Lehrkräfte sind ausgesprochen distanziert – ihren Schüler*innen gegenüber. Ich habe gelernt und immer wieder bestätigt bekommen, dass Pädagogik im Dreiklang zu sehen ist. Und dieser heißt: Erziehung hat etwas zu tun mit Beziehung, und Beziehung hat etwas zu tun mit Anziehung, wenn Sie so wollen mit Attraktivität. Die persönliche Zuwendung zu den Schüler*innen, die Beziehungsqualität, fehlt nach meinen Beobachtungen vielen Lehrkräften. Weil sie diese Qualität nicht haben, halte ich einen Großteil der Lehrkräfte für nicht geeignet für ihren Beruf. Gerade Gymnasiallehrer*innen sitzen oft dem Irrtum auf, sie seien Wissenschaftler*innen. Am liebsten möchten sie dann in den Leistungskursen in den 12. und 13. Klassen mit hoch engagierten jungen Menschen arbeiten. Denen sage ich dann: »Entschuldigen Sie, Sie sind doch keine Wissenschaftler*innen, Sie sind Lehrer*innen, Sie forschen doch nicht.«

In Skandinavien habe ich sehr gute Schulen erlebt, weil sie die Besten nehmen, gerade für die Grundschulen. Da fängt ja die Schule an. Sie haben auch Psycholog*innen in den Schulen und legen sehr viel Wert darauf, dass die Gebäude architektonisch ansprechend sind mit großzügigen Außenanlagen und mit Rückzugsräumen für die Lehrkräfte, mit Büros und Facharbeitsräumen. Von Südkorea weiß ich, dass sie dort nur fünf Prozent der Absolvent*innen für die Aufnahmeprüfung in den Schuldienst nehmen, in Finnland ist das circa ein Drittel. Wir nehmen jede*n. Aber auch wenn ich mir die Toiletten vieler Schulen anschaue, muss ich sagen, auch die Schulgebäude sind sehr distanziert. Und nicht zuletzt die Programme mit den Unterrichtstabellen. Das alles hat mit gutem Lernen nicht viel zu tun.

Bis in die 1990er Jahre schien die Welt in den öffentlichen Schulen noch relativ in Ordnung. Dann kamen heftigste Infragestellungen: schlechte Pisa-Ergebnisse, hohe Zahlen an Schulabbrecher*innen und Schul­verweiger*innen, außerdem Bilder über de­saströse Zustände in Berliner Schulen, allen voran der Neuköllner Rütli-Schule. Die Lehrkräfte schienen vollkommen überfordert und hilflos. War das eine Spirale nach ­unten?

Horn-Wagner: Die Entwicklung war so. Aber die Erschütterungen fingen schon vorher an. Die Berliner Schulen lagen schon in den 1980er Jahren im Fokus der Kritik. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hatte vorher Studien initiiert. Eine Empfehlung daraus lautete, dass die Exklusivität der Lehrkräfteausbildung aufgehoben werden sollte. Es muss während des Studiums Weichenstellungen für diejenigen geben, die sich nicht geeignet für den Lehrer*innenberuf halten. Meine Idee war es, deutlich schärfere Eingangstests und Auswahlvorrunden zu schaffen. Außerdem sollte nach einer gewissen Zeit des Studiums ein besonderes Didaktikum eingeschaltet werden, auch damit der Praxisschock für die angehenden Lehrkräfte nicht so stark ist. Aber es blieb bei dem immerwährenden inneren Zirkel. Alle kochen im selben Saft, und da ändert sich nicht so furchtbar viel. Und natürlich wurden die Schüler*innen auch anders, das habe ich schon verstanden. Aber die Welt der Schulen war auch vor den 1990er Jahren schon brüchig.

Sehen Sie dennoch eine Entwicklung zum Besseren, aktuell mehr Engagement, mehr Motivation, eine bessere Vorbereitung als in der Vergangenheit?

Horn-Wagner: Wichtig ist vor allem die Frage der Motivation. Weswegen werden Menschen Lehrer*innen? Was motiviert sie? Ich habe im Laufe meiner Beratertätigkeit viele Lehrkräfte befragt. Sehr selten kamen Sätze wie »die Liebe zu Kindern und Jugendlichen« oder »ich schwärme für Unterricht!« oder »ich möchte Menschen etwas beibringen.« Stattdessen hörte ich heraus, der Beruf hat auch viel mit Status und der relativ guten Bezahlung, eine der besten in Europa, zu tun. Aber ich sehe auch eine Entwicklung zum Besseren. Gut ist es zum Beispiel, die künftigen Schulleiter*innen hier in Berlin und Brandenburg am Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM) auszubilden. Denn die Qualität einer Schule hängt stark von der Qualität der Schulleitung ab. Wenn die etwas vorlebt, was das Ergebnis von Engagement und Motivation ist, dann ist auch die Lehrer*innenschaft so. Ich habe tolle Schulleitungen erlebt, die richtig was bewegt haben. Und dann hat auch die Lehrer*innenschaft mitgezogen.

Gegenwärtig wird die Kritik an der Qualität des Unterrichts gerne an den Quereinstieg von Lehrkräften gebunden. Plötzlich sollen vor allem die Quer- oder Seiteneinsteiger*innen an jedem Mangel Schuld sein. Entsprechende Thesen werden auch von Ausbilder*innen an den Hochschulen hervorgebracht. Was halten Sie von dieser Kritik?

Horn-Wagner: Die Kritik an der Qualität von Unterricht mache ich nicht am Quereinstieg fest. Das hängt vielmehr damit zusammen, dass ich an den Hochschulen ja keine Wissenschaftler*innen ausbilden will, sondern Lehrer*innen. Und ich glaube, der Lehrberuf ist auch ein bisschen eine Frage der Begabung – die frühzeitig entwickelte intrinsische Motivation, so etwas unbedingt machen zu wollen. Nicht wegen der Ferien oder so. Und da unterscheiden sich Seiten- oder Quereinsteiger*innen nicht von anderen Lehrer-*innen. Ich würde aber unterschreiben, dass sich Seiten- und Quereinsteiger*innen qualifizieren müssen, und zwar in Didaktik, der Lehre vom Unterricht. Wie bringe ich denn einem jungen Menschen, der innerlich voll im Widerstand steckt, den Dreisatz, die Flächenberechnung oder Kosinus und Sinus bei? Das mögen die nicht. Zum anderen sehe ich bei allen Lehrer*innen große Mängel und große Defizite darin, dass sie nicht über moderne Erkenntnisse der Lernphysiologie und -psychologie informiert sind. Also, sie wissen kaum etwas darüber, was in den Köpfen der Menschen abläuft und was genau bei bestimmten Entwicklungsstufen. Wir wissen inzwischen, Jungs in den achten Klassen dürfen eigentlich nicht beschult werden. Die haben mit sich und anderen Dingen zu tun. Oder eben, unser Gehirn ist sehr formbar. Das muss man nutzen. Das hat Folgen für neue und geeignete Lernformen. Die Schulen sind nicht gut aufgestellt, um mit Gruppenarbeitsformen zu experimentieren, dem Stärken des Teamgedankens, dem jahrgangsübergreifenden Unterricht oder der Unterstützung von Schüler*innen untereinander. Über solche Themen wird in unseren Schulen nicht viel nachgedacht.

Was raten Sie den Kolleg*innen?

Horn-Wagner: Ich sage den Lehrer*innen viel auf der gruppendynamischen Ebene. Den Umgang miteinander nenne ich gerne das »Lehrerzimmer-Syndrom«. Die beäugen sich zum Teil gegenseitig wie die Hyänen: Welche*r Lehrer*in ist nun wo eher geschätzt? Und manche Schüler*innen spielen das dann gegeneinander aus. Und ich empfehle, mehr Humor einzusetzen, sich selbst nicht immer so ernst zu nehmen, auch mal offen über sich selbst zu lachen und zu zeigen, dass Lernen Spaß macht. Die Schüler*innen gehen für diese Lehrer*innen gerne durchs Feuer. Zum Beispiel haben die Lehrkräfte in einer Schule einmal die Rocky Horror Picture Show aufgeführt. Für die Schüler*innen und die Eltern war das unglaublich. Die Schüler*innen haben ihre Lehrer*innen auf eine Art erlebt, die sie vorher nie kannten. Die abschließend gute Stimmung hat ein halbes Jahr vorgehalten. Viel Verbesserungspotenzial liegt auch bei den Schulverwaltungen. Es ist schlichtweg ätzend, was die den Schulen an Bürokratie und völlig nutzlosen Statistiken aufzwingen. Ich habe den Eindruck, die Schulen werden konfrontiert mit Daten, die sie auswerten müssen, damit diese politisch verwertbar sind. Meine Empfehlung und mein Appell an die Schulverwaltung und die Schulaufsichtsbehörden sind: runter mit den ganzen Vorschriften, runter mit den ganzen Auswertungen, Entbürokratisieren, Vereinfachen, simplify your life at school!

Danke für unser Gespräch!