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Schwerpunkt "Über Diskriminierung sprechen"Über Diskriminierung sprechen

Diskriminierungserfahrungen von jungen Kindern werden häufig von Erwachsenen nicht ausreichend wahr- und ernst genommen. Dabei machen schon Kinder in der Kita erste Diskriminierungserfahrungen.

01.11.2020 - von Ly-Gung Dieu

Kinder sind darauf angewiesen, dass die Erwachsenen sie in ihrem Lebensumfeld unterstützen und dabei helfen, mit Diskriminierungen umzugehen. Die Benennung von Diskriminierung und die Intervention durch Erwachsene ist in doppelter Hinsicht wichtig: Zum einen stärkt sie Kinder, die Diskriminierungserfahrungen machen, und zum anderen unterstützt sie Kinder, die keine Diskriminierung erfahren dabei, sensibler und solidarischer zu werden.

Genauso wie Erwachsene erleben auch Kinder Diskriminierung. Dennoch gibt es in Deutschland nur sehr wenige qualifizierte Beratungsangebote, welche auch die Erfahrungen von jungen Kindern im Blick haben. Und es gibt nahezu keine Antidiskriminierungsangebote, die sich direkt an Kinder richten. Um diese Beratungslücke zu schließen, gründete die Fachstelle Kinderwelten/ ISTA 2015 »KiDs – Kinder vor Diskriminierung schützen!« als ein Beratungs- und Kampagnenangebot für Fälle von Kindern im Alter von null bis zwölf Jahren.

Häufig wird argumentiert, dass eine Antidiskriminierungsberatung für Kinder unnötig sei, da Kinder Diskriminierungen nicht wahrnehmen würden oder nicht diskriminieren könnten. Zudem gebe es bereits Antidiskriminierungsberatungsstellen, in welchen die jungen Kinder beraten werden könnten. Kinder werden in vielen Beratungen jedoch nicht als eigenständige Ratsuchende oder Beratungssubjekte wahrgenommen. Es wird über Kinder gesprochen, ohne dass sie selbst zu Wort kommen können. KiDs hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kinder aktiv in den Beratungsprozess einzubeziehen und sie dabei zu stärken, sich gegen Diskriminierung zu wehren.

In der Beratungsarbeit von KiDs äußern sich die Formen von Diskriminierung bei Kindern unterschiedlich: Diskriminierung zwischen Kindern kann verbal, körperlich oder im sozialen Verhalten erfolgen. Kinder werden aufgrund von diskriminierenden Zuschreibungen zum Beispiel vom Spiel ausgeschlossen oder in herabwürdigender Weise angesprochen. Dabei wird häufig auf äußere Merkmale Bezug genommen.

Diskriminierung schafft Barrieren

So erleben beispielsweise Schwarze Kinder immer wieder, dass sie aufgrund ihrer Hautfarbe nicht mitspielen dürfen oder sie werden in rassistischer Art und Weise angesprochen. Auch Kinder mit Beeinträchtigungen werden im Alltag immer wieder aufgrund ihrer Beeinträchtigung ausgeschlossen oder diese wird zu einer tatsächlichen Barriere, die sie an der aktiven Teilhabe mit anderen Kindern hindert. Häufig berichten Kinder auch von Diskriminierungen durch Lehrpersonen oder Erzieher*innen in Kita und Schule. Durch das Machtgefälle, durch welches Erwachsene über dem Kind stehen, haben Kinder hier oft keine Möglichkeiten, sich der Machtausübung durch die Erwachsenen zu entziehen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen.

Hinzu kommen Diskriminierungen im Kita- und Schulkontext, die auf der Erwachsenenebene bleiben, beispielsweise durch den Ausschluss von Zugängen zu Bildungsinstitutionen und Angeboten. Weiterhin sind auch die Bezugspersonen in den Einrichtungen häufig Diskriminierungserfahrungen ausgesetzt. So kommt es vor, dass den Bezugspersonen von diskriminierungserfahrenen Kindern die erzieherischen Kompetenzen abgesprochen werden. Jungen mit arabischer Migrationsgeschichte werden beispielsweise häufig die Eigenschaften »laut« und »wild« schon im Vorfeld zugeschrieben. Den Bezugspersonen wird unterstellt, dass sie in ihrer Erziehung versagt hätten. Dass es vieler Komponenten bedarf, weswegen Kinder ihre Bedürfnisse lautstark kundtun müssen, um gehört zu werden, wird oftmals ausgeblendet.

Diskriminierungserfahrungen im jungen Lebensalter beeinflussen die Identitätsentwicklung von Kindern und stellen ein immenses Hindernis für Wohlbefinden und Lernen dar. Sie schaden Kindern in ihrem Selbstwertgefühl und können traumatisierend wirken. Wie können Lehrpersonen, Erzieher*innen, Bezugspersonen und Eltern darauf adäquat reagieren?

Machtverhältnisse zwischen Erwachsenen und Kindern

Wenn junge Kinder Diskriminierung erleben, sind sie bedingungslos auf die Anerkennung dieser Diskriminierungserfahrung durch Erwachsene angewiesen. Wenn ein Kind sich beispielsweise abwertend über die Hautfarbe eines Schwarzen Kindes äußert, kommt es oft vor, dass Erwachsene diese Erfahrung relativieren. Reaktionen wie »Das hat das andere Kind nicht so gemeint« oder »Bestimmt hast du dich verhört« sind für die betroffenen Kinder nicht hilfreich. Sie erleben keinerlei Unterstützung und die Diskriminierungserfahrung wird nicht als solche anerkannt. So machen Kinder die Erfahrung, dass das Erlebte »normal« und damit legitim sei und Beschwerden nicht hilfreich sind. Häufig ist es für die betroffenen Kinder schwierig, diese Machtstruktur bei den Erwachsenen zu benennen, da sie sich in einem Abhängigkeitsverhältnis befinden.

Kitas und Schulen müssen diskriminierungssensibler werden

Pädagogisches Fachpersonal in Kita und Schule muss sich daher bewusstmachen, dass eine aktive Haltung notwendig ist und sie Verantwortung für die Diskriminierungserfahrungen von Kindern übernehmen müssen. Die Verantwortung liegt darin, die eigene Macht und Positionierung immer wieder kritisch zu hinterfragen. Dabei muss die Deutungshoheit über die konkrete Diskriminierungserfahrung stets beim Kind bleiben. Auch die Erfahrungen von KiDs zeigen, dass die Beratung von Kindern in den Mittelpunkt des Beratungsangebots gestellt werden müssen, da nur so eine qualifizierte Beratung und Unterstützung möglich ist. Ein weiteres wichtiges Instrument ist die Unterstützung der erwachsenen Bezugspersonen, um Kinder im Umgang mit Diskriminierungserfahrungen zu stärken. Erwachsene können Kinder entlasten, indem ihnen vermittelt wird, dass sie mit dieser Erfahrung nicht allein sind, auch wenn Kinder die Diskriminierung erstmal nicht benennen können. Umso wichtiger ist es, Kinder dabei zu unterstützen, eigene Wörter dafür zu finden. Es ist hilfreich, mit Kindern in unbelasteten Alltagsmomenten zwanglos über Diskriminierung zu sprechen. Kinder können sich dadurch mit der Thematik auseinandersetzen und werden befähigt, Diskriminierung zu erkennen. Es braucht daher in Kitas und Schulen gleichermaßen diskriminierungssensible Beschwerdeverfahren, in welchen Kinder ihre Beschwerden äußern können und damit auch ernstgenommen werden. Dies ist für alle Kinder in der Gruppe von Bedeutung, da sie nur so einen diskriminierungssensiblen und respektvollen Umgang miteinander lernen können.  

KiDs – Kinder vor Diskriminierung schützen!

KiDs bietet in Berlin Beratung und Begleitung in Diskriminierungsfällen an, die Kinder im Alter von 0 bis 12 Jahren betreffen. Das Angebot richtet sich an Kinder und Erwachsene. KiDs berät zu allen Lebensbereichen, in denen Kinder von Diskriminierung betroffen sein können. Die Beratung ist kostenfrei, vertraulich und kann in mehreren Sprachen erfolgen. KiDs berät auch Einrichtungen, die sich mit Diskriminierungsvorfällen oder diskriminierenden Strukturen auseinandersetzen oder präventiv informieren wollen.

Schwarze Menschen ist eine Selbstbezeichnung und beschreibt eine von Rassimus betroffene gesellschaftliche Position. »Schwarz« wird großgeschrieben, um zu verdeutlichen, dass es sich um ein konstruiertes Zuordnungsmuster handelt und keine »reelle Eigenschaft«, die auf die Farbe der Haut zurückzuführen ist.