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GewerkschaftUm Demokratie muss täglich gekämpft werden

Zum 90. Geburtstag von Eleonore Kujawa.

01.11.2020 - von Sabine Tietjen

Jetzt bekommen wir ein Grundgesetz, das müssen Sie lesen!« Als Schlüssel­erlebnis bezeichnet Lore Kujawa diese Aufgabe ihrer Lehrerin im Jahr 1949, als die Bundesrepublik Deutschland ihre neue Verfassung erhielt. Die 18-jährige Lore war fasziniert von dieser Lehrerin und davon, wie sie Themen wie Gleichberechtigung und Demokratie, die Friedens- und die Frauenbewegung in den Lehrplan einband. Lore nahm die Aufgabe sehr ernst und studierte das Grundgesetz, Artikel für Artikel. Es habe ihr die Augen geöffnet und ihr Interesse für Politik geweckt, sagt sie rückblickend. Es wurde zum Maßstab ihres Handelns.

Wie sich in den folgenden Jahrzehnten wiederholt zeigen sollte, war Lore Kujawa ihrer Zeit weit voraus. Und sie stieß an die Grenzen eines patriarchalen und autoritären Nachkriegsdeutschlands: Nach dem Abitur studierte Lore Mathematik an der Pädagogischen Hochschule, nachdem sie an der FU Berlin trotz bester Noten abgelehnt wurde – so kurz nach dem Krieg waren die Studienplätze den jungen Männern vorbehalten. Für ihre Abschlussarbeit zur Ersten Staatsprüfung entwickelte sie einen neuen Lehrsatz, der in der »Mathematischen Zeitschrift« veröffentlicht wurde. Dass sie trotzdem nur die Note Zwei erhielt, habe daran gelegen, dass die Arbeit »so kurz« gewesen sei, bedauerte ihr Dozent.

Waren die Hürden, die Lore bis zu diesem Zeitpunkt nehmen musste, vermeintlich »nur« strukturell, traten sie ihr mit Eintritt in den Schuldienst in Gestalt des Ausbildungsleiters und des Schulrats entgegen. Systematisch kritisierten sie ihre Unterrichtsmethoden und -inhalte, die auf Zugewandtheit, Mitgestaltung und Diskussion ausgerichtet waren: »Warum lassen Sie die Kinder so viel reden?« Auch ihre Motivation war Gegenstand der Kritik: »Was wollen Sie überhaupt in der Schule? Sie haben doch einen Mann und einen Haushalt.« Die Auseinandersetzungen gipfelten in einer Umsetzung, von einer 9. in eine 3. Klasse, flankiert von einem disqualifizierenden Bericht des Ausbildungsleiters. Die Zweite Staatsprüfung bestand Lore Kujawa nicht, mit der Begründung des Oberschulrats: »Ihre pädagogischen Fähigkeiten sind gut, aber Sie sind so eigensinnig, Sie können den Kindern kein Vorbild sein.« Und weiter: »Sie stammen wohl vom Wedding. Sie haben Temperament und sonstige charakterliche Mängel, die Sie noch abstellen müssen.« Zwei Jahre später bestand Lore Kujawa die Zweite Staatsprüfung. Es war 1959. Sie konnte neu anfangen.

Lore wechselte die Schule. Sie machte Gruppenunterricht und stellte die Tische um. Sie ließ die Kinder miteinander diskutieren und förderte sie individuell. Zum Klassenausflug ins Grips-Theater am Vormittag lud sie die Eltern ein und zur Elternversammlung am Abend die Kinder. Sie prüfte die Schulbücher auf veraltete Methoden und darauf, welche Rollen den Frauen zugeschrieben wurden, und setzte die Anschaffung neuer Bücher durch. Als eine Schulleitungsstelle an der Weddinger Gottfried-Röhl-Grundschule ausgeschrieben wurde, erhielt Lore Kujawa sie und wurde 1970 mit 39 Jahren jüngste Schulleiterin Berlins. In ihrer Rede zu ihrem Amtsantritt stellte sie dem Kollegium ihr Konzept einer demokratischen Schule vor: »Die Kinder sollen so viel Spaß an der Arbeit haben, dass sie ohne Zwang und Überforderung mit dem größtmöglichen Gewinn für ihre eigene Entwicklung gerne mitarbeiten und sich dabei als Teil einer gut zusammenhaltenden Gemeinschaft bestätigt fühlen.« Auch für das Kollegium sollte dieses Leitbild gelten. Und das tat es.

1972 wurde Lore Kujawa zur Vorsitzenden der Fachgruppe Grundschulen in der GEW BERLIN gewählt. In dieser Funktion machte sie sich schnell einen Namen. »Sie sprach toll, hatte das Herz auf dem rechten Fleck und war sehr ehrlich, sehr offen, das überzeugte die Leute sehr«, fasste es ihr damaliger Gewerkschaftskollege Lothar Kunz 2011 zusammen. »Sie war eine Urdemokratin.«

Allerdings überzeugte es nicht alle. Die politischen Spannungen in der Gesellschaft – die RAF hatte sich gegründet, die Debatte um Linksextremismus und Kommunismus wurde erbittert geführt – machten auch vor der GEW nicht Halt. Es war die Zeit der Berufsverbote, die sich im DGB als »Unvereinbarkeitsbeschluss« widerspiegelten, der den Ausschluss von Mitgliedern vorsah, die in bestimmten kommunistischen Gruppen oder Parteien organisiert waren. Da diese nicht verboten waren, gab es keine rechtliche Grundlage für einen Ausschluss. Lore Kujawa stritt um das Grundgesetz.

Ihre Bekanntheit stieg. 1974 wurde sie zur Landesvorsitzenden der GEW BERLIN gewählt. Damit war Lore Kujawa die erste Frau an der Spitze eines Landesverbands innerhalb des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Noch auf der Bühne kam der Senatsvertreter Harry Ristock, SPD, auf Lore zu und schloss seiner Gratulation die energische Forderung an, sie solle sich nun bekennen: »Sind Sie links oder rechts?« Sie antwortete: »Na, wenn Sie so fragen: Rechts auf keinen Fall.« In der Folge titelte das Spandauer Volksblatt: »Linke Lady führt die GEW.« Fortan galt sie ihren Widersachern als »Rote Lore«, als »Kommunistin«.

Links oder rechts: »Es gab nichts in der Mitte«, fasst Lore Kujawa es zusammen. Das Demokratieverständnis sei in den 70er-Jahren einfach noch nicht so weit entwickelt gewesen. Ihr Engagement für Bildungspflicht für Fünfjährige brachte ihr, selbst SPD-Mitglied und alleinerziehende Mutter, vom SPD-Senator den Vorwurf ein, den Eltern das Erziehungsrecht entziehen zu wollen. Tatsächlich hatte Lore, die auch im Arbeitskreis Neue Erziehung mitwirkte, maßgeblich am neuen Schulverfassungsgesetz mitgearbeitet, das 1974 in Kraft trat, nach dem unter anderem die Eltern mehr Stimmrechte erhalten sollten.

Im Zuge der Auseinandersetzungen um die Berufsverbote unterstützte die GEW BERLIN die betroffenen Kolleg­*innen: »Demokratie ist nicht nur eine Staatsform, sie ist vielmehr eine Lebensform. Diese Lebensform zu sichern gilt es – sie ist nicht schon automatisch gegeben durch eine demokratische Verfassung. Um Demokratie muß täglich gekämpft werden.« (Lore Kujawa im Vorwort zur Broschüre: »Solidarität mit R. Brentzel. Dokumentation eines Falles politischer Disziplinierung.« Hrsg. GEW Berlin 1975.)

Mittlerweile war Lore Kujawa in die Internationale Liga für Menschenrechte eingetreten und seit 1974 in deren Vorstand tätig. Sie gründeten den Antifaschistischen Ausschuss, dessen Arbeit sich gegen aufkommende neonazistische Tendenzen richtete. In den Jahren 1979 und 1980 war Lore Kujawa an der Gründung des Vereins »Aktives Museum – Faschismus und Widerstand in Berlin« beteiligt.

Als Schulleiterin setzte sie sich für die Erziehung zum Frieden und zum Umweltschutz ein. 1983 gewann ihre Schule den Umweltschutzpreis der Berliner Schulen. Doch auch in den beginnenden 80er-Jahren eckte sie an. Ob es Aktionen zum Antikriegstag an ihrer Schule waren, für die sie eine Dienstaufsichtsbeschwerde und einen Aktenvermerk erhielt; ob sie als Schulleiterin die ausländerfeindlichen Thesen des amtierenden (SPD-)Landesschulrats kritisierte und dafür den Verweis erhielt, dass sie den entsprechenden Beschluss der Schulkonferenz hätte verhindern müssen. »Mit dem Lesen dieser Sachen kann man Tage und Nächte verbringen«, fasst Lore Kujawa es zusammen. Doch: »Jede Auseinandersetzung stärkte mich auch ein bisschen in dem Bewusstsein: Lass dir nichts gefallen.«

1988 wurde Lore Kujawa zur Präsidentin der Internationalen Liga für Menschenrechte gewählt. Auch hier war sie die erste Frau, die dieses Amt übernahm.

Als Lore Kujawa sich 1993 aus dem Schuldienst verabschiedete, überreichten ihr ihre Kolleg*innen von der Bezirksleitung Wedding eine 10,50 Meter lange Tapetenrolle, bestückt mit Dokumenten aus der 40-jährigen Wirkungszeit Lores als Gewerkschafterin von 1953 bis 1993: »Lores Rolle in der GEW BERLIN«.

Lores Rolle reicht weit über die GEW hinaus, auch nach ihrem aktiven Berufsleben. 50 Jahre nach Kriegsende organisierte sie im Namen der Internationalen Liga für Menschrechte die Friedenswoche im Mai 1995. Als Mitglied der Liga war Lore daran beteiligt, die Konzeption für die Nutzung des ehemaligen Gestapo-Geländes zu erarbeiten, auf dem sich heute die »Topographie des Terrors« mit dem Dokumentationszentrum befindet. Ihre Verdienste um die Stadt Berlin wurden 2001 im Rahmen der Plakataktion »Frauen bewegen Berlin« gewürdigt, als sie als eine von fünfzehn Frauen in U-Bahnen, Bussen und Bahnhöfen der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Bis heute setzt Lore Kujawa sich für die Verteidigung der Demokratie und der Menschenrechte ein. Sie spricht als Zeitzeugin, wird zu Veranstaltungen eingeladen, nimmt an Demonstrationen teil, sie ist in der GEW aktiv und Mitglied bei den »Jungen Alten«. In einem jüngst erschienenen Interview mit dem Verein Aktives Museum warnt sie vor Bequemlichkeit und Rückschritten des Demokratieverständnisses.

Mit ihrem Eigensinn und ihrem Temperament, ihrer Unerschrockenheit und ihrem Beharren trägt Lore Kujawa seit Bestehen der Bundesrepublik zur Demokratisierung der Gesellschaft bei. Wir danken und wir gratulieren ihr von Herzen!  

Sabine Tietjen, Beschäftigte der GEW BERLIN, hat Lore vor zehn Jahren bei einem Interview für das GEW-Erinnerungsbuch kennengelernt