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Studieren in BerlinUnterrichten statt Kellnern

Die Senatorin hatte eine Idee. In der Praxis führt sie zu Problemen.

05.10.2018 - von Martina Regulin

So, nun soll es also einfacher sein, mal ein paar Schüler*innen zu unterrichten, als ein wenig zu Kellnern? Dieses »Angebot für den Studienjob mit Zukunft« von Senatorin Sandra Scheeres, das den Lehrkräftemangel zusätzlich bekämpfen soll, hinterlässt genau diesen Eindruck. Die Senatsverwaltung hatte auf ihrer Website angeboten, dass sich Studierende, die sich in einem lehramtsbezogenen Masterstudiengang befinden oder einen solchen beginnen wollen, für gutes Geld an Berliner Schulen verdingen sollten.

Ich finde es viel anspruchsvoller bis zu 30 Schüler*innen in einer Schulklasse 45 Minuten »bei der Stange« zu halten, als 30 Gäste in einem Lokal zufrieden zu stellen. Interessanten und fachlich qualifizierten Unterrichtsstoff in kleine Häppchen an die Kinder oder Jugendlichen zu bringen, sich immer zu vergewissern, ob alle dabei sind und ob alle es verstanden haben und dann das nächste Häppchen servieren. Immer die gesamte Gruppe im Auge habend und konzentriert auf jede kleine Störung angemessen reagieren, damit sich nichts hochschaukelt und man sich nicht in der Klasse der Feuerzangenbowle wiederfindet, in der Schüler*innen die Gestaltung des Unterrichts vollständig übernommen haben.

Die Informationen über die Quereinsteiger*innen an den Schulen sind in den letzten Monaten durch die Presse immer besser geworden. Viele Eltern in Berlin wundern sich nur noch, was da an den Schulen so vorgeht. Viele fragen sich, ob jetzt jede*r ihre Kinder unterrichten kann und darf. Die Lehrer*innen an den Schulen freuen sich natürlich über neue Lehrkräfte, aber neue und zudem nicht vollständig ausgebildete Kolleg*innen benötigen auch viel Unterstützung. Die Quereinsteiger*innen erhalten diese durch zusätzliche didaktische Schulungen, da sie bereits über mindestens einen fachlichen Diplom-/ Masterabschluss verfügen. Und die Studierenden, die nun neu an die Schulen kommen? Diese haben einen Bachelor und studieren im Master auf den Lehramtsabschluss. Hier sollen sie das didaktische Handwerkszeug erlernen, um später als qualifizierte Lehrer*innen arbeiten zu können, natürlich nach der Absolvierung des Referendariats, das Teil der Ausbildung ist. Nun können sie aber gleich einfach mal in die Praxis »schnuppern«, indem sie unterrichten statt Kellnern. Wer wird dies Angebot wahrnehmen wollen? Studierende, die sich für ihren Lebensunterhalt etwas dazu verdienen müssen. Diese können im Umfang von bis zu 13 Unterrichtsstunden (50 Prozent) an den Schulen arbeiten. Ist das möglich? Und das Studium? Ja das wird dann ein wenig länger dauern. Auch nicht schlimm? Doch!

Denn die gut ausgebildeten Lehrkräfte werden an den Schulen dringend gebraucht. Aber selbst wenn man die Verzögerung verschmerzt, die Betreuung der Studierenden soll nach Auskunft der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie die Schulleitung übernehmen, die aufgrund ihrer vielen Aufgaben das nur schwerlich leisten kann. Eine Begleitung für die Studierenden gibt es nicht. Diese können aber »freiwillig«, zusätzlich zu allem anderen, an Veranstaltungen des Quereinstiegs teilnehmen. Was für eine Aussage!

Die Studierenden werden demnach in der Regel sofort eigenständigen Unterricht erteilen. Dies in einem Umfang von bis zu 13 Unterrichtsstunden, welche einer Arbeitszeit von 20 Stunden pro Woche entsprechen soll. Aber genau dies muss ebenfalls Kritik aufwerfen. Die Arbeitszeitkalkulation ist schon bei erfahrenen Lehrkräften gewagt. Bei diesen rechnet man bei Vollzeit (26 Unterrichtsstunden) mit einer tatsächlichen Arbeitszeit von 45 bis 55 Stunden die Woche, bei Studierenden, die sowohl didaktisch als auch fachwissenschaftlich nicht voll ausgebildet sind, ist die Annahme erst recht unrealistisch. Zumal diese das Handwerkszeug des Unterrichtens in der Universität in den Bachelorstudiengängen bestenfalls angerissen haben, denn die didaktische Ausbildung soll ja erst im Masterstudium und Referendariat erfolgen. Daraus folgt meiner Meinung nach, dass die jungen Menschen in jedem Fall mehr Vor- und Nachbereitungszeit brauchen. Die zeitfressenden Dokumentationen, die der Schulalltag mit sich bringt, und dann natürlich die objektive Notengebung, dies alles ist noch gar nicht berücksichtigt. Die Studierenden sind Teil des Lehrkörpers und haben laut Senatsbildungsverwaltung ja die Möglichkeit in einem Fall der Überforderung die Schulleitung um Unterstützung zu bitten oder eben den Vertrag wieder zu beenden.

Das bedeutet in letzter Konsequenz, dass sie bei einer Krise, bei der sie vielleicht an ihrem Ausbildungsziel Lehrkraft zweifeln, nicht systematisch aufgefangen werden, sondern ihrer Resilienz und ihren eigenen Fähigkeiten zur Reflexion überlassen werden. So werden junge Menschen ausgenutzt.

Ein anderer Kritikpunkt ist der Einsatzort der Studierenden. Diese absolvieren in ihrer Masterstudiumsausbildung ein Schulpraktikum, also warum nicht gleich hier arbeiten? Ja, kurze Wege und man kennt sich schon aus. Schöne Idee, wenn man ignoriert, dass hier der Teil der Ausbildung und Bewertung stattfindet, der dann ins Referendariat führen soll. Wie sollen das die Betreuer*innen von der »Leistung« als volle Lehrkraft trennen? Was, wenn die Lehrkraft, eigentlich ja Studierende*r, ihre Klasse nicht in den Griff bekommt und das im Lehrerzimmer ansprechen möchte, wo dann auch die Betreuungsperson für die Lehrausbildung sitzt? In jedem Fall eine komplexe Situation. Denn wie soll sich der*die Betreuer*in, so reflektiert sie auch an die Bewertung und Betreuung rangeht, von diesem Eindruck völlig befreien?

Genau diese Situation, wenn auch mit anderen Bedingungen, kennen die wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen an den Hochschulen nur zu gut. Dort gibt es für die Promotion extra Betreuungsvereinbarungen, damit Qualifikation und Arbeitsleistung nicht ständig vermischt werden.

Trotz aller Kritik ist es eine Möglichkeit für Studierende, die Schule während der Ausbildung kennen zu lernen, Geld zu verdienen und das Erfahrungswissen durch den erteilten Unterricht ist sicher auch ein wertvolles Gut. Dennoch gibt es viele Herausforderungen, denen sich die Studierenden und die jeweiligen Schulleitungen und Lehrkräfte an den Schulen stellen müssen. Und nur wenn diese Herausforderungen und Problemstellungen auch ihren Raum zur Klärung und Hilfestellung finden, bleiben weder die Studierenden noch die Schüler*innen auf der Strecke. Der sehr heterogene arbeitsintensive Alltag in Schulen macht es schwer, dies adäquat anzugehen. Hier müsste die Senatsverwaltung durch Mentoringmodelle gegensteuern.

Mein Eindruck ist, hier gab es eine schöne Idee, schulnahes Potential in den Studierenden gefunden zu haben, die den Lehrer*innenmangel in den Schulen begrenzen können, aber die Herausforderungen, die damit an alle Beteiligten gestellt werden, wurden übersehen.

Eine Evaluation der Maßnahmen muss dringend erfolgen. Daten über Einsatzstunden, Einsatzort und Praktikumsort, mögliche Studiumsverzögerung und natürlich eine anonyme Befragung zu den Bedingungen müssen erhoben werden. Das sollte natürlich auch bei den Quereinsteiger*innen erfolgen, um den gefühlten Problemstellungen objektive Fakten entgegen zu setzen.

Denn was nicht vergessen werden darf: Der Unterricht an den Schulen, egal durch welche Lehrperson, soll die Kompetenzen der Schüler*innen erweitern, ihnen eine gute Bildung vermitteln, mit der diese dann ebenfalls eine universitäre oder berufliche Ausbildung erfolgreich abschließen können. Es geht eben nicht darum die Schüler*innen zu betreuen, sondern sie zu unterrichten.

Mein Fazit: Kellnern ist ein anstrengender Job, aber nicht halb so verantwortungsvoll wie unterrichten! Und die Studierenden erhalten dazu zu wenig strukturell abgesicherte Unterstützung.