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SchuleViel Neues, wenig Besseres

Vier Jahre Jugendberufsagentur und eine intensivierte Berufs- und Studienorientierung garantieren keinen erfolgreicheren Berufseinstieg.

05.07.2018 - von Manfred Triebe

Seit mehr als 40 Jahren gibt es in Berlin die sogenannte Berufsorientierung (BO). Schüler*innen sollen orientiert werden oder besser noch, sich orientieren im Gewirr von knapp 400 Ausbildungsberufen. Ursprünglich der Arbeitslehre mit zwei ungeteilten Wochenstunden im 9. und 10. Jahrgang zugeordnet, ist die Berufsorientierung inzwischen zum Selbstzweck mutiert und überwiegend von jeglicher Fachkompetenz gelöst.

Neuer Glanz durch neuen Namen

Inzwischen ist die Berufsorientierung durch die »Berufs- und Studienorientierung« (BSO) ergänzt und geadelt worden und damit auch für Gymnasien hoffähig. Inhaltlich hat sie damit an Substanz verloren. Parallel dazu hat sich die Situation beim Übergang von Schule zu Beruf auf einem beklagenswerten Niveau stabilisiert. Nahezu konstant ist die Zahl der Schüler*innen, die die Berliner Schule in den letzten 15 Jahren ohne Schulabschluss verlassen haben, bei etwa zehn Prozent geblieben. Ihre Perspektiven auf dem Ausbildungsmarkt sind erbärmlich. Ähnlich konstant blieb die Zahl der Abbrüche in den Ausbildungsverhältnissen. Offenbar waren die Schulabgänger*innen nicht genügend orientiert.

Dies erscheint insofern seltsam, als die offiziellen Anstrengungen der zuständigen Senatsverwaltung für diesen Bereich im selben Zeitraum kontinuierlich verstärkt wurden. Möglicherweise war die ursprünglich eingeführte Berufsorientierung nicht sehr erfolgreich. Man ergänzte sie deshalb um die »erweiterte« Berufsorientierung, schuf im Sozialgesetzbuch eine juristische Verankerung dafür und wartete auf eine positive Veränderung. Als diese ausblieb kam zur erweiterten BO die »vertiefte« BO hinzu. Schließlich kombinierte man beide und schuf die »erweiterte, vertiefte« BO. In der Folgezeit wurden die Ergebnisse zwar nicht besser aber die Zahl der sogenannten Freien Träger, die sich des Problems annahmen wuchs bis zur Unübersichtlichkeit. Inzwischen gibt es die modern und digital klingende »Berliner vertiefte BO 2.0«.

»WAT« ist eben keine bessere Arbeitslehre

Zeitgleich dazu setzte ein Prozess der Verdrängung der Arbeitslehre ein. Das Fach, in dem speziell auch für diesen Bereich ausgebildete Fachlehrkräfte eine Verbindung von Projektarbeit in den Werkstätten und der Vorbereitung auf die anstehende Berufswahl und Berufstätigkeit herstellten, wurde bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Durch Umbenennung hat die Senatsverwaltung auch inhaltlich die Verbindung von Arbeit und Beruf getilgt. Das Fach heißt seit dem WAT (Wirtschaft, Arbeit, Technik) und kommt an den meisten Integrierten Sekundarschulen im 9. und 10. Jahrgang kaum noch vor. Gleichzeitig wurden immer neue Konzepte für die BSO entwickelt. Schulen mit »ausgezeichneter« Berufs- und Studienorientierung erhielten ein Siegel. Dieses Siegel brachte zwar keine Ausbildungsplätze, aber es schmückt die Internetseite der Schule. Die Wirksamkeit der kontinuierlich »verbesserten« und »gesteigerten« BSO ist, wenn man sie mit den Zahlen der Jugendlichen ohne Schulabschluss und denen ohne Arbeit und Ausbildung nach der Schule vergleicht, sehr zweifelhaft.

Evaluation könnte helfen

In einer alten Indianerweisheit heißt es: Wenn du merkst, dass du ein totes Pferd reitest, steige ab. Nun ist die Senatsverwaltung nicht so direkt als der Hort der Weisheit bekannt. Dort wird offenbar nur die Dosis eines sich als weitgehend wirkungslos erwiesenen »Medikamentes« erhöht. Interessant an der ganzen Geschichte ist, dass bisher keines der vielen Instrumente zu Verbesserung der Berufsorientierung evaluiert wurde. Wohl wurde die Jugendberufsagentur (JBA) evaluiert, aber gerade nicht auf ihre Wirksamkeit bei der Verbesserung der Situation unserer Jugendlichen hin, sondern lediglich auf ihre Strukturen.

Auch die für die Arbeit notwendige Entlastung gibt es vier Jahre nach Gründung der JBA für die Akteur*innen an den Schulen noch immer nicht. Geplant waren sechs Wochenstunden. Im laufenden Schuljahr sind sie offiziell von zwei auf vier gestiegen. Am Grundproblem der Berliner Schule hat sich bisher wenig verändert: Die Zahl der Schüler*innen, die ohne Abschluss die Schule verlassen, ist von knapp acht Prozent im Jahr vor der Gründung der JBA auf inzwischen zehn Prozent gestiegen. Die Quote der Jugendarbeitslosen ist in Berlin immer noch bundesweit Spitze und schwankt je nach zitierter Quelle zwischen neun und zwölf Prozent.

Zwar soll das Fach WAT das Leitfach für das Duale Lernen sein, führt aber an den weitaus meisten Integrierten Sekundarschulen mit nur noch einer Wochenstunde in den für die Berufswahl entscheidenden Jahrgängen 9/10 ein Kümmerdasein.

Der Fachlehrer*innenmangel in WAT sorgt dafür, dass in diesem für die Zukunft der Jugendlichen zentralen Bereich zwar möglicherweise mit Engagement, aber doch mit geringer Fachkenntnis und Kompetenz geübt wird. Mühe alleine genügt eben nicht.

Nur ein mehr an Praxis kann auf Praxis vorbereiten

Natürlich sollen die Jugendberufsagenturen in den Bezirken weiterarbeiten, Schüler*innen, Eltern, Schulen und auch Unternehmen beraten und in Ausbildung vermitteln. Falsch ist das Konzept nicht, die relativ ortsnahe Verbundberatung ist ein großer Fortschritt. Trotzdem sind alle bisher an den Schulen genutzten Instrumente der Berufsorientierung auf den Prüfstand zu stellen.

Nicht ein mehr an Beratung auf der kognitiven Ebene, nicht immer differenziertere Methoden zur Erfassung der Talente und Kompetenzen der Jugendlichen, nicht weitere Auslagerungen von originär schulischen Aufgaben an sogenannte Freie Träger darf das Ziel sein. Die Verbindung zu praktischer Arbeit als erste Vorbereitung auf eine zielgerichtete Berufs- und Lebenswegplanung muss in den schulischen Werkstätten erfolgen. Das weitere Heranführen an die betriebliche Praxis darf sich nicht auf die »schulmüden, leistungsschwachen und kaum motivierten« Schüler*innen beschränken, denen das Konzept Praxislernen vorbehalten ist. Das entwertet praktische Arbeit und stigmatisiert die so »Behandelten«. Praxislernen muss zum Grundkonzept für alle Jugendlichen an den Schulen werden.

Und die dringend Nachwuchs suchenden Betriebe müssen sich Gedanken über die Arbeitsbedingungen und die Auszubildendenvergütung machen. Mangel an Auszubildenden herrscht überall dort, wo die Vergütungen gering und die Arbeitsbedingungen problematisch sind. Und sie werden in der Ausbildung auch in die pädagogische Arbeit einsteigen müssen. Die Zeiten, in denen Jugendliche die Schulen so verließen, wie die Unternehmen sie gerne haben wollten, sind einfach vorbei.

Darüber hinaus muss ernsthaft über eine Ausbildungsplatzgarantie nachgedacht werden und darüber, wie Klein- und Kleinstbetriebe unterstützt werden können, denn sie bilden, wie das Soziologische Forschungsinstitut Göttingen aktuell ermittelte, überproportional Jugendliche mit schwachen Leistungen und Schulabschlüssen aus. Sie haben aber oft nicht die Ressourcen, um die damit einhergehenden Probleme zu stemmen.

Jugendliche ohne Ausbildung kosten die öffentlichen Haushalte in Deutschland pro Jahr rund eineinhalb Milliarden Euro. Aus den Jugendarbeitslosen von heute werden mit erhöhter Wahrscheinlichkeit die Langzeitarbeitslosen von morgen. Arbeitslosigkeit in jungen Jahren begünstigt Kriminalität, Antriebslosigkeit und Gesundheitsprobleme. Diese Milliarden können sinnvoller in Schule investiert werden.

GLOSSAR

BO – Berufsorientierung als zentraler Leitgedanke des ehemaligen Faches Arbeitslehre mit zwei von acht Wochenstunden in der Sekundarstufe der Hauptschule und als Wahlangebot in der Realschule. Der hohe Praxisanteil in der Schule hatte eine realistische Berufswahlentscheidung ermöglicht.

WAT – Unterrichtsfach Wirtschaft-Arbeit-Technik; Nachfolgefach des Faches Arbeitslehre. Aktuell mit ein bis zwei Stunden in den Klassenstufen 9 und 10.

Duales Lernen – ein Angebot an den Integrierten Sekundarschulen, das eine praktische Tätigkeit in verschiedenen möglichen Formen in Betrieben oder an der Schule selbst vorhält. Eine besondere Form des Dualen Lernens ist das »Praxislernen«.

JBA – die Jugendberufsagentur ist vor vier Jahren ins Leben gerufen worden . Hier arbeiten die Agenturen für Arbeit, die Job-Center, die Jugendhilfe, die Wirtschaft und die Schulen zusammen.

BSO – Berufs- und Studienorientierung ist ein Konzept zur Berufs- und Studienberatung an Integrierte Sekundarschulen und Gymnasien, das im Wesentlichen von Lehrkräften in durchgeführt wird. Sie erhalten dazu Hilfestellungen aus der JBA.