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bbz 11 / 2015Vielfältige Herausforderungen in der beruflichen Bildung

In Berlin gibt es jetzt Jugendberufsagenturen. Unter dem Motto »Kein junger Mensch soll verloren gehen« will der Senat den Übergang von der allgemeinbildenden Schule in die Berufsausbildung systematisieren. Das allein wird aber nicht reichen, damit alle Jugendlichen einen Ausbildungsplatz erhalten.

01.11.2015 - Stefan Radtke

Fast die Hälfte aller BewerberInnen auf einen Ausbildungsplatz in Berlin ging letztes Jahr leer aus. Bei 21.000 BewerberInnen wurden nur rund 12.000 betriebliche Ausbildungsverträge abgeschlossen. Viele dieser jungen Menschen kamen erst einmal »woanders unter«, in Förder- und Berufsorientierungsmaßnahmen, in vollzeitschulischen Ausbildungsgängen – wo auch immer. Allerdings blieben auch 1.500 von ihnen gänzlich unversorgt. Ein beängstigender Zustand!

Der Ausbildungsmarkt stellt sich, nicht nur in Berlin, sehr unbefriedigend dar. Zu viele Jugendliche und junge Menschen, die einen Ausbildungsplatz suchen, finden keinen. Andere wiederum sind nach kurzer Zeit unzufrieden und brechen ihre Ausbildung ab. So verbringen viele junge Menschen viel zusätzliche Zeit im Bildungssystem, bevor sie schließlich eine Berufsausbildung abschließen. Auf der anderen Seite suchen Betriebe Nachwuchskräfte. Ihrer Meinung nach gibt es zu wenig geeignete BewerberInnen. Fünf Prozent der gemeldeten betrieblichen Ausbildungsstellen blieben letztes Jahr unbesetzt.

So arbeiten die Jugendberufsagenturen

Dieses Problem soll jetzt mit Hilfe der Jugendberufsagenturen angegangen werden. Mitte Oktober öffneten in vier Berliner Bezirken die ersten ihre Pforten. Weitere sollen nach und nach folgen. Sie sollen als Anlaufstelle dabei helfen, junge Menschen und ausbildungswillige Betriebe passgenau, frühzeitig und nachhaltig zusammenzubringen. Neben der Berufsorientierung sind ihre Aufgaben die Beratung und Vermittlung in Ausbildung oder aber Maßnahmen, egal von welchen Anbietern und aus welchen Fördermitteln. Die Betreuungsangebote erstrecken sich dabei auch auf den Bereich der Jugendhilfe, beispielsweise gibt es hier Beratungen zu Themen wie Sucht und Verschuldung.

Die MitarbeiterInnen der Jugendberufsagenturen pflegen Datenbanken. In diesen soll einerseits die schulische und berufliche Vorgeschichte der Jugendlichen gespeichert werden. Auf der anderen Seite beinhalten sie auch die gemeldeten Ausbildungs- und Praktikumsangebote sowie mögliche Fördermaßnahmen. Mit diesen Datenbanken wird die Nachverfolgung eines Jugendlichen auch nach dem Schulabgang möglich. Zurzeit gibt es für 66 Prozent der SchulabgängerInnen keine Informationen über ihren weiteren Werdegang.

Während es einerseits die lokalen Jugendberufsagenturen gibt, die in erster Linie diejenigen Jugendlichen beraten sollen, die nicht mehr in die Schule gehen, soll das Konzept der Jugendberufsagenturen darüber hinaus an den integrierten Sekundarschulen (ISS) direkt umgesetzt werden. Hierzu werden die sogenannten Berufs- und Studienorientierung-Teams (BSO-Teams) eingerichtet. Von diesen Teams sollen die überwiegend schon vorhandenen Instrumente der Berufsorientierung in der Schule organisiert werden.

Auch die BSO-Teams sollen die Daten der Jugendlichen erfassen. Ein BSO-Team besteht aus je einer Lehrkraft der ISS und einer beruflichen Schule, die hierfür einige wenige Abminderungsstunden erhalten.

Das dritte Teammitglied wird von der Agentur für Arbeit gestellt, zumeist wird es eine BerufsberaterIn sein. Dabei sind BerufsberaterInnen auch jetzt schon an den ISS präsent. Jeweils einmal pro Woche soll sich das BSO-Team an der ISS treffen.

Die Jugendberufsagenturen sollen außerdem in begleitender Beratung während der Ausbildung nicht nur Auszubildende, sondern auch Ausbildungsbetriebe beraten. Ein ordnungsgemäßer Ablauf der Ausbildung soll damit gewährleistet werden.

Um sich ein Urteil über die Erfolgsaussichten dieses Projekts der Jugendberufsagenturen bilden zu können, hilft ein Blick auf die derzeitige Situation auf dem Ausbildungsmarkt. Dabei muss berücksichtigt werden, dass es bereits mannigfaltige Angebote zur Berufsorientierung, Ausbildungsvermittlung und Förderung gibt. Allerdings sind diese zumeist so dezentral organisiert, dass man schnell den Überblick verliert.

BewerberInnen mit MSA haben schlechte Karten

Auch für junge Menschen mit allgemeiner oder fachgebundener Hochschulreife kann die duale Berufsausbildung attraktiv sein. Gut ein Drittel aller SchulabgängerInnen mit dieser Qualifikation studieren zunächst nicht, sondern haben sich letztes Jahr für eine Berufsausbildung beworben. Mehr als ein Fünftel aller BewerberInnen um einen Ausbildungsplatz hat Hochschulreife. Eine starke Konkurrenz für alle anderen. 40 Prozent der neuen Ausbildungsplätze wurden am Ende von diesen BewerberInnen besetzt.

Die Katastrophe offenbart sich bei der Betrachtung, wie wenige Jugendliche direkt aus der Sekundarstufe I, also mit MSA oder schlechterem Schulabschluss, einen betrieblichen Ausbildungsplatz erhalten. Die Projektstelle der Jugendberufsagentur hat dies für 2013 ausgezählt. Sie ist auf die klägliche Zahl von 2.600 Jugendlichen gekommen. Das bedeutet, dass nur ungefähr jede sechste mit MSA oder schlechterem Schulabschluss sofort einen betrieblichen Ausbildungsplatz erhalten hat. Eine bittere Perspektive für diese Gruppe übriggebliebener junger Menschen!

Außerdem ist festzustellen, dass fast zwei Drittel der BewerberInnen noch aus den Vorjahren stammen. Rund 13.000 junge Menschen haben viel Zeit in einem der vielen Übergangsangebotev verbracht und wollen jetzt wieder einen Ausbildungsplatz ergattern. Das Durchschnittsalter der Auszubildenden im ersten Ausbildungsjahr in Berlin liegt momentan bei 21 Jahren.

Jugendberufsagenturen alleine lösen das Problem nicht

Die Jugendberufsagenturen in Berlin werden auf jeden Fall flächendeckend aufgebaut werden. Wenn dies gelingt, wird die Vielfalt der Angebote für die Jugendlichen, die Lehrkräfte und die MitarbeiterInnen des Jobcenters übersichtlicher sein. Viele unserer Kolleginnen und Kollegen werden dabei mit Engagement mitarbeiten. Aber es ist klar, dass eine neue Organisationsstruktur nicht reichen wird, um mehr Jugendliche zu einem früheren Zeitpunkt in eine betriebliche Ausbildung zu vermitteln. Die Zahlen belegen ja eindeutig, dass es eigentlich zu wenige betriebliche Ausbildungsplätze gibt! Viele Betriebe möchten sich aber die Kosten für die Ausbildung von Nachwuchs sparen.

Auf Bundesebene hat daraufhin die »Allianz für Aus- und Weiterbildung 2015-2018«, ein Bündnis aus verschiedenen Ministerien, Wirtschaft und Gewerkschaften, einige Vereinbarungen getroffen. Wirtschaftsverbände verpflichten sich freiwillig mehr Ausbildungsplätze zu schaffen. Über die inhaltliche Qualität dieser Angebotsplätze wird allerdings geschwiegen.

Im Gegenzug verspricht die Bundesregierung, die Berufsorientierung in den allgemeinbildenden Schulen und die »technologische Anschlussfähigkeit der Berufsschulen« zu verbessern. Es sollen auch »Konzepte zur Gewinnung qualifizierter Fachlehrkräfte« entwickelt werden. Auf dieses Konzept sind gerade wir hier in Berlin sehr gespannt.

Wo liegt das Problem? Richtig: Die Wirtschaftsverbände können ihre Mitgliedsunternehmen nicht dazu zwingen, Ausbildungsplätze bereitzustellen, und die Bundesregierung kann den Ländern keine Vorgaben in Bildungspolitik machen, dies ist nämlich Ländersache.

Das Land Berlin startet 2015 trotzdem einen konzertierten Versuch der Umsetzung dieser Allianz für Aus- und Weiterbildung. Das ist insbesondere auch auf das stetige Engagement des DGB, die Situation der jungen Menschen in dieser Stadt zu verbessern, zurückzuführen.

In der Berliner Vereinbarung versprechen die Wirtschaftsverbände bis 2020 mindestens 1.000 neue Ausbildungsplatzangebote. Das sind 200 Ausbildungsplätze pro Jahr, ein jährlicher Zuwachs von 1,4 Prozent. Jedoch gab es beispielsweise im Jahr 2014 im Vergleich zum Vorjahr ein Minus von 1,7 Prozent.

Im Gegenzug beginnt das Land Berlin mit der aufwendigen Umorganisation der Berufsorientierung und der Ausbildungsvermittlung mit dem Landeskonzept Studien- und Berufsorientierung (BSO-Teams), den Jugendberufsagenturen und dem Projekt »Weiterentwicklung und Stärkung der beruflichen Schulen und OSZ« (Pro WebeSO).

Eine Mammutaufgabe, aber der Aufwand lohnt sich

Bei Betrachtung der Zahlen wird einem das Ausmaß der Mammutaufgabe klar. »Kein junger Mensch soll verloren gehen« und ergänzend müsste es heißen: »Auf den passenden Anschluss kommt es an«. Dies zu realisieren, erfordert von allen Beteiligten, vor allem aber von den BSO-Teams, ein riesiges Engagement, insbesondere einen sensiblen und zugewandten Umgang mit den jungen Menschen und eine ergebnisoffene Beratung. Mit den momentan zur Verfügung gestellten Ressourcen kann dies mittel- und langfristig nicht zur Zufriedenheit gelingen. Hier muss seitens der Verantwortlichen dringend nachgesteuert werden!

Auch die ArbeitgeberInnen sind in einer Bringschuld. Wenn genügend betriebliche Ausbildungsplätze angeboten werden, wenn die Betriebe bereit sind, mehr SchulabgängerInnen aus der Sekundarstufe I direkt in eine Ausbildung zu übernehmen, wenn die Ausbildungsbedingungen in den Betrieben für die Jugendlichen attraktiv sind und wenn letztendlich dann auch Arbeitsplätze für die FacharbeiterInnen vorhanden sind, dann kann sich der Aufwand durchaus lohnen.


Dieser Artikel ist Teil des bbz-Themenschwerpunkts „Ausbildung für alle“