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TendenzenWas ist eigentlich Klassismus?

Ein neues Themenheft von »Schule ohne Rassismus« klärt über Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft auf.

05.03.2018 - von Klaus Will

Der Begriff »Klassismus« ist nicht ganz neu, aber wenig bekannt. Gemeint ist damit die Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft, zum Beispiel aus der Arbeiter*innenklasse. Der Verein Schule ohne Rassismus hat diesen Begriff jetzt aufgegriffen und ein Themenheft herausgebracht, um diese in der Antidiskriminierungsarbeit wenig beachtete Form der Diskriminierung stärker ins Bewusstsein zu rücken. Für diese Diskussion liefert das Heft eine Menge Informationen.

Der Anklang des neuen Begriffs an Rassismus und Klasse ist durchaus gewollt, denn von beiden steckt etwas drin in dieser Diskriminierung, die wohl am weitesten verbreitet ist. Betont wird im Heft, dass Armut oft eine Rolle spielt, sie aber nicht der einzige oder entscheidende Faktor ist. Die Klassen- oder Schichtzugehörigkeit prägt viel stärker das Verhalten, das Wissen, die Beziehungen der Menschen. Daraus resultiert ihr »kulturelles und soziales Kapital«, wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu das nennt. Die Kinder gutverdienender Angestellter oder hochqualifizierter Handwerkenden leben nicht in Armut, haben aber möglicherweise weniger kulturelles und soziales Kapital als Kinder aus gutbürgerlichen Kreisen. Spürbar wird der Kapitalmangel spätestens und vor allem in der Schule, denn auf die schulische Karriere hat das kulturelle Kapital entscheidenden Einfluss. Hier hätte ich mir etwas mehr Bourdieu gewünscht, der aufzeigt, dass die Ideologie der Begabung die sozial erworbenen Fähigkeiten kurzerhand in natürliche und persönliche Fähigkeiten umwandelt. Aus den sozialen Unterschieden werden so schulische Unterschiede. Benachteiligte erleben ihr Zurückbleiben als persönliches Versagen.

Die Schule gleicht Benachteiligungen nicht aus

Deswegen ist auch die Schule die wichtigste Instanz, die helfen kann, Benachteiligungen aufgrund der Herkunft auszugleichen. Bislang gelingt ihr das nicht, denn von 100 Kindern mit mindestens einem studierten Elternteil schaffen 63 einen Hochschulabschluss, aber nur 15 Kinder mit Eltern ohne akademischen Abschluss. Ein Hochschulabschluss allein nützt allerdings auch nichts, wenn man ganz nach oben will. Die deutschen Konzernmanager*innen kommen fast alle aus einer kleinen Oberschicht, die zwischen drei und vier Prozent der Bevölkerung ausmacht. Klassismus allerorten.

Was muss geschehen? Hier bleibt das Heft leider etwas schwammig. Es ist sicher richtig, mehr Humanität und Respekt zu fordern und die Aufnahme dieser Diskriminierungsform in die Antidiskriminierungsrichtlinien. Aber solange die Schule sich nicht verändert und alle Wege zum Aufstieg über einen Hochschulabschluss führen, wird es Klassismus geben. Zumal inzwischen das Problem eher größer geworden ist angesichts der wachsenden Zahl von Privatschulen und privaten Hochschulen, wahlweise auch eine Universität im Ausland. Da wird dann der normale Hochschulabschluss im Anschluss an eine ganz gewöhnliche staatliche Schule doch zum Karrierehindernis. Und die gerade aufgestiegenen Arbeiter*innenkinder sind wieder nur zweite Klasse.

Im letzten Kapitel der Broschüre geht es um den Klassismus in der Musik- und Popbranche, wo die Herkunft aus der Mittel- und Oberschicht dominiert und Musikrichtungen aus der Arbeiter*innenklasse weniger Toleranz erfahren. »Laut einer Statistik hatten im Jahr 2010 über 60 Prozent der britischen Künstler*innen aus den Top Ten eine Privatschule besucht, 20 Jahre zuvor war es nur ein Prozent der Musiker*innen gewesen«, heißt es im Heft. Aber immerhin wird im Kapitel »Arbeiterstolz im Deutschrock« noch die Band Antilopen Gang vorgestellt, die 2009 mit dem Song »Fick die Uni« harsche Kritik am universitären Mittelstandsmilieu übte.        

Das Heft kostet 4,95 Euro und kann bestellt werden über http://courageshop.schule-ohne-rassismus.org/publikationen/67/themenheft-klassismus