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SchuleWelcher Lehrer*innenmangel?

Statistik ersetzt politisches Denken. Wie Sarrazin und Wowereit mit Hilfe von Zahlenkolonnen den Lehrer*innenmangel eingeleitet haben.

05.11.2018 - von Ilse Schaad

Unter dem Titel »Berlins SPD im Märchenmodus« macht sich Ulrich Zawatka-Gerlach im Tagesspiegel vom 14. September 2018 über die SPD lustig. Schon ein noch nicht beschlossener Antrag über die längst überfällige Anpassung der Einkommen der Beschäftigten im öffentlichen Dienst an das Bundesniveau bringt den Autor auf die Palme. Unverhohlen schimmert in seinen Ausführungen immer noch die Bewunderung für den früheren Finanzsenator Thilo Sarrazin durch. Dessen »statistische« Erkenntnisse hatten im Auftrag des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit dazu geführt, dass im öffentlichen Dienst seit 2004 durch Lohnstopp, massiven Personalabbau und Streichung der Investitionen in die Infrastruktur Berlin in die Lage versetzt wurde, in der die Stadt heute ist. Gerade Gewerkschaften haben davor gewarnt, dass die Kosten, die später entstehen, die Einsparungen übertreffen werden.

Besonders deutlich wird dies bei einem nüchternen Blick auf das Bildungssystem in Berlin. Seit Jahren zeichnete sich ab, dass es einen gravierenden Lehrkräfte- und Erzieher*innenmangel geben wird. 

Allerdings wurde dies von Sarrazin mit der Tarifgemeinschaft deutscher Länder, vorneweg ihr Geschäftsführer Knut Bredendiek, mit Hinweis auf »Statistiken« geleugnet. Seit 2009 hat die GEW in den Tarifverhandlungen mit den Ländern das kommende Problem benannt. Zwischen den Tarifrunden 2011 und 2013 hat die GEW mit Arbeitskampfmitteln durch-ge-setzt, dass es zumindest »Gespräche« gab. Dort trug die GEW alles vor, was es an Argumentationen gab. Schüler*innenzahlentwicklung, Ausbildungskapazitäten an Hochschulen, Laufbahnwahlen der Studierenden, Alterskohorten der Lehrkräfte und vieles mehr. Es war alles sinnlos. Es gab kein Argument, dass von Arbeitgeber*innenseite ernst genommen wurde. Im Gegenteil!

Wie schon zuvor tauchten »Analysen« des künftigen Bedarfs an Lehrkräften auf. Und im Brustton der Überzeugung prognostizierten die Arbeitgeber*innen noch 2013 ab 2017 eine Lehrkräfteschwemme. Es sei deshalb nicht nötig, sich mit der GEW auf Tarifverhandlungen über die Bezahlung von Lehrkräften einzulassen. Die sächsische Vertreterin in der Tarifkommission deutscher Länder meinte, die paar Fachprobleme könne der Arbeitgeber »mit Geld« im Einzelfall lösen. Hier kann man also mit Recht von einem »Märchenmodus« der Arbeitgeber*innenseite sprechen.

Objektiv könne es somit gar keinen Lehrer*innenmangel geben, das subjektive Empfinden eines solchen liege sicher in der angeborenen Jammerhaltung von Beschäftigten im öffentlichen Dienst.

Woher aber kamen die Zahlen, auf die sich die Arbeitgeber*innen stützten? Die aufmerksamen Leser*innen werden es ahnen. Es handelte sich um das Zahlenwerk, mit dem Sarrazin die Finanzminister der Länder – die dafür mehr als bereit waren – lange Jahre manipuliert hatte.

Schon bei den Gesprächen mit Vertreter*innen des Berliner Senats hatte die GEW tiefe Einblicke in die Qualität dieser Zahlen erlangt. Dabei machten die Verantwortlichen deutlich, wie ihr Verhältnis zu statistischen Prognosen war. Es sei nämlich nicht Aufgabe der Statistik, der Politik zu diktieren, wie die Personalplanung zukunftssicher gemacht werden kann, sondern umgekehrt sei es die Aufgabe der Statistik, der Politik die Zahlen zu liefern, die die Politikziele »alternativlos« machen würden. 

Im Nachhinein kann man sagen: der Plan hat funktioniert. Außer der GEW hat niemand die Zahlen von Sarrazin und Wowereit in Zweifel gezogen. Auch der Tagesspiegel bejubelte jeden Hieb gegen den öffentlichen Dienst und küsste den Boden, über den Sarrazin wandelte. Klar: heute will kaum jemand daran erinnert werden.

Der öffentliche Dienst in Berlin, nicht nur das Bildungswesen, ist in einem bedauernswerten Zustand. Nicht die Beschäftigten haben dies verursacht, sondern die Regierung unter Wowereit und Sarrazin. 

Egal, wohin man schaut: überall hakt es. In Berlin braucht man mehr als drei Jahre und zwei Notare, um eine geringfügige Änderung im Grundbuch zu bewältigen. Brücken bröckeln, in den Kitas fehlt Fachpersonal, in den Gesundheitsämtern fehlen Ärzt*innen und die Berliner Schule wird durch Quereinsteiger*innen nicht gerettet. Auch hier sind die Beschäftigten nicht die Verursacher*innen, sondern die Opfer einer jahrzehntelang verfehlten Politik. 

Im Tagesspiegel teilt uns Herr Zawatka-Gerlach mit, was der Antrag der SPD bei Realisierung kosten würde: bis 2021 immerhin 500 Millionen (ein Bruchteil der Kosten, die der Flughafen BER bis dahin verschlingen wird, bevor er endgültig abgerissen wird). Leider vergisst der Autor, diese Summe ins Verhältnis zu setzen mit der Summe, die seit 2004 aus dem öffentlichen Personal herausgespart wurde. Diese Methode hat System. So hat es Sarrazin auch immer gemacht. Man muss Quatsch nur solange wiederholen, bis es zur unumstößlichen Wahrheit wird. 

Die Zeche zahlen ja immer andere: die Kinder und Jugendlichen in Schule, Kita und die Studierenden in Hochschulen – und die Beschäftigten.    
 

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