GEW - Berlin
Du bist hier:

StudieWie sehr Corona unsere Jugend belastet

Corona bedeutet Stress, auch für Kinder und Jugendliche. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung rückt 
bedrückende Tatsachen in unser Bewusstsein.

30.07.2021 - von Detlef Träbert

Der Studie zu Erfahrungen und Perspektiven von jungen Menschen während der Corona-Maßnahmen (JuCo) zufolge beklagen 65 Prozent der jungen Leute ab 15 Jahren, dass ihre Sorgen und Nöte eher nicht oder sogar gar nicht wahrgenommen werden – 20 Prozent mehr als im Frühjahr 2020. 69 Prozent von ihnen fühlen sich aktuell von Zukunftsängsten geplagt und 64 Prozent von psychischen Belastungen. Vor allem haben mehr als die Hälfte der Befragten den Eindruck, dass ihre Situation den Politiker*innen nicht wichtig sei und dass ihre Ideen nicht gehört werden.

Kindern und Jugendlichen zuhören

Diese Ergebnisse der JuCo-Studie liegen nahe an denen der Studie »Kinder, Eltern und ihre Erfahrungen während der Corona-Pandemie« (KiCo) vom Mai 2020, in der es um die Sichtweise der Eltern von Kindern bis 14 Jahren ging. Knapp ein Drittel der befragten Eltern stimmten der Aussage »Ich habe den Eindruck, dass meine Sorgen gehört werden« gar nicht und 29 Prozent kaum zu. Eltern von jüngeren Kindern sind also mit den politisch Verantwortlichen genauso unzufrieden wie ältere Jugendliche. Beide Studien zeigen jedoch vor allem auf, wie wichtig es ist, dass die Politik die Betroffenen befragt und anhört, um stärker bedürfnisorientiert vorgehen zu können. In »Fragt uns 2.0« der Bertels-mann--Stiftung bringt es ein jugendliches Expert*innenteam auf den Punkt: »Kinder und Jugendliche müssen wissen, an wen sie sich wenden können«. Und sie sollten auch in schwierigen Situationen beteiligt werden, um Ohnmachtserfahrungen zu verhindern und psychische Stärke zu gewinnen.

Nicht nur Schule ist wichtig

Schüler*innen haben genauso wie ihre Eltern ein Interesse daran, dass Schule unter Corona-Bedingungen sicher organisiert ist. Das junge Redaktionsteam fordert deswegen nicht nur, die Digitalisierung der Schulen voranzutreiben, sondern auch ihre Ausstattung mit Luftfiltern und Hybridunterricht bei hohen Infektionszahlen. Ermutigend klingen Aussagen zu jenen Veränderungen in der Krise, die die Jugendlichen positiv sehen: weniger Stress, Selbstorganisation, ein umweltfreundlicheres Leben.

Hier wird deutlich, dass die Jugend nicht nur die Kategorie »Schule« sieht, sondern ihr ganzes Leben im Blick hat. Politik und die öffentliche Diskussion hingegen thematisieren ausschließlich die Organisation des Bildungsbetriebs. Der JuCo-Studie lässt sich entnehmen, dass die Anzahl der vor Corona aktiven Sportler*innen unter den Befragten von 2.040 auf 579 eingebrochen ist. Weniger als die Hälfte der vor Corona bei Musik und Kultur beteiligten Jugendlichen konnte trotz der Krise bei der Stange bleiben, genauso wie in der offenen Jugendarbeit oder dem Umwelt,- Natur- und Tierschutz. Damit sind nicht nur Freizeitangebote weggebrochen, sondern ihr Fehlen führt zu verstärkter seelischer Belastung, bei Mädchen und jungen Frauen sowie bei Intersexuellen mehr als bei den männlichen Befragten.

Aber wie bei der Elternbefragung KiCo zeigt sich in der aktuellen Jugendstudie auch, dass man nicht alles über einen Kamm scheren darf. Es gibt junge Leute, die in der Krise mehr Zusammenhalt und gegenseitige Fürsorge erlebt haben. Es gibt die Erfahrung neuer Beschäftigungsmöglichkeiten in Form von Kochen, Sport oder Handwerk. »Solidarität in der Pandemie bedeutet auch, mit jungen Menschen die Zukunft zu gestalten« – so heißt es in der Überschrift zum Schlusskapitel der JuCo-Studie. Ein jugendpolitisches Zukunftsprogramm »mit den jungen Menschen und einer Anerkennung ihres Alltags, ihrer Sorgen, Bedarfe und Visionen« wäre eine angemessene Zielsetzung – nicht nur für die Politik, sondern eigentlich für uns alle.