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SchuleWie wir die Chance nutzen können

Durch Corona wurde der Nutzen von digitalen Medien zum zeitgemäßen Lehren und Lernen offensichtlich. Eine „Digitale Schulentwicklung“ scheint unumgänglich.

01.09.2021 - von Patrick Bronner

Der Digitalisierungsschub und die Erfahrungen aus der Zeit des Fernunterrichts sollten von jeder Schule diskutiert, reflektiert und in eine nachhaltige digitale Schulentwicklung integriert werden. Im folgenden Artikel werden zentrale Perspektiven für ein zukunftsfähiges Konzept herausgegriffen und einige der damit verbundenen Herausforderungen vorgestellt.

Anforderungen an einen digitalen Medieneinsatz

Der digitale Medieneinsatz muss wirkungsvoll sein. Wissenschaftlich wurde im Rahmen einer Metastudie der TU München gezeigt, dass digitale Medien im Unterricht bei Schüler*innen zu einer höheren Motivation und zu besseren Schulleistungen führen. Die positive Wirkung hängt stark davon ab, wie die Medien in den alltäglichen Unterricht integriert werden.

Zu beachten sind folgende vier Anforderungen:
•    Zeitlich begrenzter Einsatz von Endgeräten (beispielsweise ein Drittel der Unterrichtszeit),
•     Einsatz von digitalen Medien nur ergänzend zu analogen Methoden und Materialien,
•     Kombination des Medieneinsatzes mit kollaborativen und kooperativen Lernformen,
•     digitaler Unterricht durch professionell geschulte Lehrer*innen.

Der digitale Medieneinsatz muss kompetenzorientiert sein. Die Erfahrung zeigt, dass viele Lehrer*innen digitale Medien zunächst nur einsetzen, um bekannte und traditionelle Unterrichtstätigkeiten zu digitalisieren. Statt Schulbuch ebook, statt Papier-Arbeitsblatt PDF-Datei, statt Tafel-anschrieb Tablet-Notiz, statt Lehrer*innenvortrag Erklärvideo sowie statt Übungsheft Lernplattform. Das Potenzial des Einsatzes von Endgeräten im Unterricht liegt weniger in der Reproduktion von Wissen mit »drill and practice«, sondern viel mehr in der Förderung und Stärkung von Kompetenzen wie Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritischen Denkens. Hierzu ist eine Verknüpfung von mobilen Endgeräten mit projektartigen Arbeitsaufträgen ein gangbarer Weg.

Der digitale Medieneinsatz muss personalisiert sein. In der Studie »Personalisiertes Lernen mit digitalen Medien« der Robert Bosch Stiftung werden sieben Dimensionen vorgestellt, die im Rahmen des Unterrichts auch ohne intelligente Lernplattformen bei der Personalisierung berücksichtigt werden können: der Lernkontext, die Sozialform, das Lerntempo, der Lernpfad, das Lernziel, der Lerninhalt sowie der Lernansatz.

Mobile Endgeräte besitzen ein großes Potenzial, jede einzelne Dimension des personalisierten Lernens durch digitale Möglichkeiten zu fördern. Zur Visualisierung und für das bessere Verständnis können die sieben Dimensionen mit didaktischen Schiebereglern auf einem Misch-pult verknüpft werden. Die »Lehrkraft als DJ im Lernprozess« ist eine gute Metapher, um die Einstellungen der Schieberegler zu der Personalisierung des Lernens mit digitalen Medien im Unterricht immer wieder zu variieren.

Zeit- und ortsunabhängiges Lernen

Während des Fernunterrichts wurde vielen Schulen vor Augen geführt, dass teure und lehrer*innenzentrierte Medientische in den Klassenzimmern mit Computer, Dokumentenkamera und interaktiver Tafel für das flexible orts- und zeitunabhängige Lernen eher ungeeignet sind. Dagegen lassen sich Lehrer*innen- und Schüler*innen-Tablets zum Lernen und Lehren zeitlich flexibel und vor allem an jedem Ort einsetzen. Die festinstallierte Medienausstattung des Klassenzimmers der Zukunft sollte in der gesamten Schule einheitlich, kostengünstig und sehr einfach gestaltet sein. Im Rahmen eines Tablet-Medienkonzepts sind in allen Klassenzimmern nur ein Beamer/Flachbildschirm, ein WLAN-Gerät, eine Streaming-Box und ein Tablet-Halter erforderlich.

Ein Lehrer*innen-Tablet mit Stift und Tastatur lässt sich sowohl im Unterricht als auch zu Hause am Schreibtisch sehr vielseitig und flexibel einsetzen: als Dokumentenkamera mit Tablet-Halter, als interaktive Tafel mit Tablet-Stift, zur Nutzung von Lernmaterial aus der Schul-Cloud, für die schnelle Gruppenbildung, zur Überwachung der Lautstärke, als Notenbuch und zum Zugriff auf das digitale Klassenbuch. Im Präsenzunterricht werden die digitalen Anwendungen über eine Streaming-Box an den Beamer oder einen Flachbildschirm ohne Touchfunktion übertragen – im Fernunterricht über die Funktion »Bildschirm teilen« direkt in die Videokonferenz integriert.

Für den spontanen Einsatz von digitalen Medien im Unterricht ist es sinnvoll, wenn alle Lernenden, zum Beispiel ab der Klassenstufe acht, auf ein eigenes Tablet zurückgreifen können. Der Einsatz von temporären Tablet-Koffern mit 30 mobilen Endgeräten oder von schüler*inenneigenen Smartphones ist möglich, hat sich aber in der Schulpraxis aufgrund vieler Nachteile nicht bewährt. Die Ausstattung mit individuellen Schüler*innen-Arbeitsgeräten darf aus sozialen, datenschutzrechtlichen und administrativen Gesichtspunkten nicht auf ein Bring-Your-Own-Device-Konzept hinauslaufen. Digitale Bildung, insbesondere an einer öffentlichen Schule, darf nicht von der finanziellen Situation der Eltern abhängig sein.

Die Fundamente des Unterrichts

Für digital angereicherten Unterricht benötigen Lehrer*innen Sicherheit im Umgang mit digitalen Endgeräten sowie kreative Ideen für ihren sinnvollen Einsatz. Die praxisorientierte Lehrkräftefortbildung muss daher eine tragende Säule der digitalen Schulentwicklung darstellen.
Die traditionellen Formate der Lehrkräftefortbildung sind für die fast täglichen Neuerungen in der digitalen Bildungswelt zu unflexibel. Aufgrund der individuellen Medienkonzepte macht es auch nur wenig Sinn, die Lehrer*innen auf externe Fortbildungsveranstaltungen zu entsenden. Sinnvoll sind schulinterne Fortbildungsformate wie zum Beispiel eine 15-minütige digital@school Einheit bei jeder Gesamtlehrer*innen- und Fachkonferenz, partizipative Barcamps mit der kompletten Schulgemeinschaft oder die Integration von Unterrichtsvorschlägen aus sozialen Medien wie dem #Twitter-Lehrerzimmer im Rahmen einer analogen Twitter-Wall (Stellwand für ausgedruckte Twitterbeiträge – Anm.d.Red.) im Lehrer*innenzimmer.

Die Corona-Krise hat deutlich gezeigt, dass Lernen ein sozialer Prozess innerhalb der Klassengemeinschaft ist und die pädagogische Reichweite von digitalen Anwendungen Grenzen hat. Trotz des Trends zur Individualisierung sollte auch in Zukunft auf eine ausgewogene Mischung von selbstständigem Lernen in Einzelarbeit und dem gemeinsamen Lernen innerhalb der Klassengemeinschaft geachtet werden. Es zeigt sich somit deutlich, dass es auch im digitalen Zeitalter auf die kompetente, begeisterte, emphatische und motivierte Lehrkraft ankommt.

Kein Weiter wie bisher

Der Digitalisierungsschub, den das Bildungssystem im letzten Jahr erhalten hat, darf im Schulalltag nicht wieder versanden. Die Digitalisierung des Unterrichts wird nur dann erfolgreich sein, wenn damit ein Wandel der Lernkultur verbunden ist: weg von der Fokussierung auf Faktenwissen und hin zu einer Förderung von »21st century skills«.

Der langjährige Weg zur digitalen Schule mit dem Ziel des wirkungsvollen, kompetenzorientierten und personalisierten Unterrichts erfordert ein hohes Maß an Engagement jeder einzelnen Lehrkraft, viel Kommunikation mit der gesamten Schulgemeinschaft sowie eine große Bereitschaft zur Kooperation im Kollegium. Der Weg ist arbeitsintensiv und steinig – aber er lohnt sich!     

Unterrichtsbeispiele zum projektorientierten Einsatz digitaler Medien sind auf der Homepage des Friedrich-Gymnasiums Freiburg vorhanden: www.fg-freiburg.de

Patrick Bronner erhielt für den methodisch sinnvollen Einsatz von Smartphones im Klassenzimmer den Deutschen Lehrerpreis 2016. Er unterrichtet am Friedrich-Gymnasium Freiburg die Fächer Mathematik und Physik, bildet Referendar*innen aus und hält Vorträge und Fortbildungen zur zeitgemäßen digitalen Bildung. Weitere Informationen  unter www.patrickbronner.de