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Julia Werner erzählt in »Um 180 Grad« davon, wie aus einer Strafe eine bewegende Erfahrung und aus einer widerwilligen Begegnung sogar mehr als Freundschaft werden kann.

16.06.2020 - von Britta R. Kollberg

Dies ist das zweite Jugendbuch in den letzten Jahren, das ich ohne Empfehlung vermutlich nie in die Hand genommen hätte und dann regelrecht verschlungen habe. In »Um 180 Grad« geht es um Lennard, der beim Graffiti-Sprühen erwischt wurde und nun seine Sozialstunden mit der Betreuung von Frau Silberstein, einer höchst merkwürdigen Seniorin, abarbeiten muss. Trotz Lennards anfänglicher Ablehnung entsteht zwischen den beiden mit der Zeit ein Vertrauensverhältnis und die alte Dame beginnt, von ihren furchtbaren Erlebnissen im KZ Auschwitz zu berichten. Lennard erkennt, dass außer ihm niemand geblieben ist, sich diese Geschichte anzuhören.

»Um 180 Grad« passt genau in unsere Zeit, in der über Erinnerungskultur schon wieder diskutiert werden muss, und zeigt auf spannende Art, wie dies gehen kann, natürlich, unverkrampft und genau passend zum Leben heutiger Jugendlicher. Emotional und erschütternd, und dennoch auch – ja, sogar fröhlich zeitweise, mit Energie und Augenzwinkern. 

Nach Ende des Holocaust folgte die Nachkriegszeit, ein fast blinder Fleck, so scheint es, in unserem Erinnern. Die Überlebenden der Shoah, die auch dort mühsam ihren Platz suchen mussten, kennenzulernen, als moderne Menschen mit viel Erfahrung und manchmal feinem Witz, kann unterhaltsam sein und ermutigend und kann uns Heutigen neue Perspektiven weisen. Von diesem Kennenlernen erzählt Julia Werner in sehr frischer, spannender Weise aus der Sicht eines Jugendlichen. Dabei verzichtet Werner auf schnelles Mitleid, seichte Emotionen oder allzu vorhersehbare Wendungen. Der Roman bleibt als Jugendbuch sprachlich und thematisch authentisch. 

Das andere der Jugendbücher, das ich ohne eine Empfehlung nicht gelesen hätte, ist »Tschick«, und kurioserweise spielt es eine Rolle in Werners Roman. Es erdet die ungewöhnliche Geschichte und fügt ihr gleichzeitig etwas Phantastisches, Abenteuerliches hinzu, mitten in den realen Gräueln, von denen die alte Frau berichtet, und im Auf und Ab der Gefühle des Protagonisten, an dem die Leser*innen, auch wenn sie der Pubertät längst entwachsen sind, fast schon schmerzhaft nachfühlbar teilnehmen können.

»Um 180 Grad« (nur der Titel scheint mir nicht ganz glücklich gewählt) vermag Jugendliche wie Erwachsene zu fesseln und mit seiner, mitten im Umgangssprachlichen, zuweilen fast poetischen Sprache zu berühren. Ganz jenseits des Holocausts stellt das Buch auch weitere bohrende Fragen an uns heute, Fragen, die wir gern wegschieben oder vergessen: zum Umgang mit Familienmitgliedern, die Betreuung benötigen; zum Zusammenhang von Verpflichtungen, Gemeinschaft und Lebensmut. Lennards Geschichte zeigt, wie wir aneinander und sogar an unseren Fehlern wachsen können. Und was wir erfahren müssen und was wir brauchen, um unser Leben verstehen, schätzen und gestalten zu können und um Verantwortung zu übernehmen. 

Dem mag auch der ausführliche Anhang dienen, der jungen Leser*innen, aber auch interessierten Pädagog*innen noch einmal gebündelt Informationen an die Hand gibt, die das Sprechen über den Holocaust, besonders auch über das Schicksal von Jungen, Mädchen und Frauen darin erleichtern. Denn es gibt Geschichten, um es in Lennards Worten zu sagen, »die sollten geteilt und bewahrt werden«.    

Der Ekz-Bibliotheksservice hat »Um 180 Grad« offiziell für Schulbibliotheken empfohlen.

Julia C. Werner: »Um 180 Grad«, Urachhaus 2020, ISBN 978-3-8251-5237-6

 

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