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bbz 02 / 2016Willkommen in der Kita - Die Hürden sind noch zu hoch

Der Zugang zur Kita muss für geflüchtete Kinder erleichtert werden. Notwendig sind mehr Personal und Kita-Plätze.

01.02.2016 - Christiane Weißhoff, Leiterin des Vorstandsbereichs Kinder-, Jugendhilfe, Sozialarbeit

Kindertageseinrichtungen bieten allen Kindern die Möglichkeit, neue FreundInnen zu finden und spielerisch die deutsche Sprache und vieles mehr zu lernen. Die frühzeitige Förderung in einer Kita muss daher auch für geflüchtete Kinder offen sein. Nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz hat jedes Kind entsprechende Rechtsansprüche. Doch wie sieht es damit in der Praxis aus?

Der von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft im November 2015 herausgebrachte Leitfaden sieht für die geflüchteten Kinder keine sofortige Nutzung von Kitas vor. Im Leitfaden wird ausgeführt, dass ein Anspruch auf einen Platz im Regelfall nur geltend gemacht werden kann, wenn ein mindestens dreimonatiger erlaubter Aufenthalt, ein sogenannter gewöhnlicher Aufenthalt, gegeben ist.

Diese Einschränkung des Landes Berlin ist falsch. Der Rechtsanspruch auf Bildung muss für alle Kinder gelten und er darf nicht aufgrund von aufenthaltsrechtlichen Bestimmungen eingeschränkt werden.

Nur 15 Prozent besuchen eine Kita

Bisher brauchen Eltern einen vom Jugendamt ausgestellten Kita-Gutschein, um einen Platz in einer Einrichtung zu erhalten. Das dafür notwendige bürokratische Antragsverfahren sowie die Suche nach einem freien Kita-Platz stellen die Eltern vor große Herausforderungen. Dies führte dazu, dass im August 2015 von 2.400 geflüchteten Kindern unter sechs Jahren, die in Berliner Gemeinschaftsunterkünften untergebracht waren, nur 15 Prozent eine Kita besuchten. Das ist dramatisch, wenn man bedenkt, wie wichtig die frühkindliche Bildung für den langfristigen Integrationserfolg der Geflüchteten ist.

In Berlin fehlen tausende Kita-Plätze. Bereits Berliner Eltern haben große Schwierigkeiten, einen Platz zu bekommen. Umso schwieriger ist es für Familien, die neu in die Stadt kommen. Sie kennen das Kitasystem nicht, erhalten kaum Unterstützung und verfügen meist über geringe Deutschkenntnisse.

Geflüchtete Familien benötigen daher umfassende und schnelle Unterstützung bei der Suche nach einem Betreuungsplatz. Damit die Kinder frühzeitig Zugang zur Kita haben und tatsächlich einen Platz erhalten, müssen alle bürokratischen Hürden bei der Platzbeantragung abgeschafft und unbefristete Kitagutscheine schnell ausgestellt werden – mindestens für einen Teilzeitplatz.

Doch damit bleibt das Platzproblem: Für den Ausbau von Kita- und Schulplätzen brauchen wir zusätzliches Geld im Haushalt. Die Kitaplanung muss dem steigenden Bedarf angepasst werden. Die Schaffung von »Not-Kitas« ausschließlich für geflüchtete Kinder, beispielsweise auf dem Gelände von Gemeinschaftsunterkünften, ist unbedingt zu vermeiden.

ErzieherInnen brauchen mehr Zeit

Damit Kinder aus geflüchteten Familien die notwendige Förderung, Bildung und Erziehung bekommen, müssen auch die entsprechenden Personalressourcen bereitgestellt werden. ErzieherInnen benötigen mehr Zeit für das einzelne Kind. Sie sind in ihrer Arbeit mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. Sie arbeiten mit traumatisierten Kindern und auch mit deren Eltern und koordinieren den Austausch mit den Jugend-, Sozial- und Gesundheitsämtern. Dies alles ist nur zu schaffen, wenn sich die vielfältigen Aufgaben auch in einem deutlich besseren Personalschlüssel und in der verbindlichen Festschreibung der mittelbaren pädagogischen Arbeit widerspiegeln.

Bei der Vielfalt der Aufgaben ist es offensichtlich, dass auch die Kita-Leitungen mehr Freistellungen von ihrer Regeltätigkeit benötigen. Sie übernehmen die intensive Beratung und Unterstützung der Familien und die Steuerung des Unterstützungsprozesses des Kitateams sowie die Vernetzung im Sozialraum. Auch dafür sind zusätzliche personelle Ressourcen dringend notwendig.

Dasselbe gilt für die essenzielle sprachliche Integration. Die kitabezogene Quote von 40 Prozent Kinderanteil mit nichtdeutscher Herkunftssprache für die Gewährung von Personalzuschlägen muss aufgehoben werden. Das Bundesprogramm Sprach-Kitas muss außerdem deutlich ausgeweitet werden.

Kinder mit gesundheitlichen Beeinträchtigun-gen und Behinderungen müssen zeitnah eine besondere Förderung und Integration in der Kita erhalten. Qualifiziertes Fachpersonal brauchen wir auch hier und die Kinder müssen schnell einen Integrationszuschlag erhalten.

Damit die KollegInnen die Herausforderungen bewältigen können, brauchen aber auch sie Unterstützung und Qualifizierung. Dazu gehören grundsätzlich Informationen zu den Themen Flucht und Asyl, aber auch Fortbildungen zur Sprachförderung, zum Umgang mit traumatischen Erlebnissen, zur Inklusion, zur vorurteilsbewussten Pädagogik, zur Elternarbeit sowie die Möglichkeit, eine spezielle Fachberatung in Anspruch nehmen zu können. Um die Verständigung mit Eltern zu ermöglichen, sind den Einrichtungen SprachmittlerInnen und DolmetscherInnen zur Verfügung zu stellen. Nur so kann die Integration geflüchteter Kinder gelingen.

DIE GEW BERLIN SCHLÄGT SECHS SOFORTMASSNAHMEN
VOR:
1. Abschiebestopp für alle Familien mit Kindern und Jugendlichen
2. Sofortiger Zugang zu Bildungseinrichtungen
3. Unbefristete Arbeitsverhältnisse für neu eingestellte KollegInnen
4. Schnellstmöglicher Neu- und Ausbau von Kitas und Schulen
5. Umfangreiche Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen
für alle PädagogInnen
6. Planungssicherheit für das kommende Schuljahr


Dieser Artikel ist Teil des bbz-Themenschwerpunkts „Willkommen in der Kita“

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