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Wie geht es weiter für geflüchtete Jugendliche nach der Willkommensklasse?

Viele wechseln in den Berufsqualifizierenden Lehrgang (BQL). Theoretisch sollen sie diesen ausbildungsreif und sprachkompetent verlassen. Doch das ist Wunschdenken.

01.11.2017 - von Ronald Rahmig

Wir haben in Berlin zurzeit eine hohe vierstellige Zahl von jugendlichen Geflüchteten im Alter zwischen 16 und 21 Jahren. Üblicherweise sollte das das Alter sein, in dem Jugendliche sich entweder auf ein Studium oder eine Ausbildung vorbereiten oder sich bereits in Ausbildung befinden. Jugendliche ohne Ausbildungsplatz, die in den Willkommensklassen mindestens das Sprachniveau A2 abgeschlossen haben, können in den »Berufsqualifizierenden Lehrgang« (BQL) an einem Oberstufenzentrum (OSZ) wechseln.

Der BQL dauert in der Regel ein Jahr. Hier sieht die Stundentafel neben Unterricht in allgemeinbildenden Fächern einen Anteil von 18 Wochenstunden in fachpraktischen Unterweisungen vor, die für die Aufnahme einer Ausbildung qualifizieren sollen. Leider ist eine spezielle Sprachförderung offiziell nicht vorgesehen, aber natürlich trotzdem möglich – wenn die Schule die notwendigen Ressourcen hat. Speziell im Fachpraxisunterricht werden mitunter gute Fortschritte beim Spracherwerb gerade durch die Kombination mit der Praxis erzielt. Es sind Praktika vorgesehen und eine Vermittlung in die duale Ausbildung angedacht, wenn möglich auch gerne schon vor Ende des Jahres.

In der Vorstellung der Verwaltung sind dann alle Jugendlichen entweder in Ausbildung oder mindestens ausbildungsreif und sprachkompetent auf einem B2-Niveau. Die Realität ist meist eine andere.

Ohne Sprache geht nichts

Die Beherrschung der deutschen Sprache auf dem Niveau B2, welche allgemein als notwendig zur erfolgreichen Teilnahme am Erwerbsleben und für die Teilhabe an der Gesellschaft gesehen wird, ist eine wesentliche Voraussetzung, um die Jugendlichen entweder in einer Ausbildung zu qualifizieren oder ihnen ein Studium zu ermöglichen.

Unter den Geflüchteten gibt es insbesondere in der letzten Zeit viele, die bislang nur für sehr kurze Zeit eine Schule besucht haben. Neben der Vermittlung der Sprache gilt es hier auch viele andere Lücken zu schließen. Mathe- und Rechenkenntnisse beispielsweise sind häufig nicht ausreichen vorhanden. Einige Schüler*innen sind zudem auch in ihrer Muttersprache nicht alphabetisiert.

Die Schüler*innen zu befähigen, die angestrebten Sprachniveaus zu erreichen, stellt unter diesen Umständen für die Schulen eine erhebliche Herausforderung dar. Mit dem Verlassen der Willkommens-klasse soll mindestens der Sprachstand A2 erworben sein. Einige Willkommensklassen erreichen auch das B1--Niveau. Dann beginnen schon dort die Versuche, die Jugendlichen in duale Ausbildungen zu vermitteln. Insbesondere im Handwerk gibt es Erfolge dabei.

Für die meisten Schüler*innen gilt aber wohl, dass sie mit einem schwachen A2-Niveau die Willkommensklasse abschließen. Nach einem Jahr BQL mit zwei bis vier Stunden Deutschunterricht in der Woche sollen sie nun den Sprachstand B1 abschließen. Die meisten Ausbildungen, bis auf wenige Ausnahmen, verlangen allerdings das Niveau B2. Wie diese Lücke überwunden werden soll, bleibt unklar.

Die Ausbildungsplätze fehlen

In der Praxis gibt es im Wesentlichen zwei Herausforderungen: die kontinuierliche Vermittlung der Sprache und die zu geringe Zahl an Ausbildungsplätzen.

Der Erwerb der notwendigen Sprachkompetenz dauert mitunter sehr lange. Wir alle kennen Jugendliche, in Berlin geboren, die diese Sprachkompetenz mit 16 Jahren nicht haben. Sehr viele der Geflüchteten sind zwar hoch motiviert, starten aber auf niedrigem Niveau. Sie sind intellektuell und von den handwerklichen Kompetenzen her durchaus ausbildungsreif, es mangelt aber an der Sprache. Für diese große Gruppe gibt es zurzeit kein angemessenes Angebot des Sprachtrainings »on the job«, begleitend zur Ausbildung oder eben in den BQL-Klassen. Die Zahl von 30 Wochenstunden Unterricht in den BQL-Klassen ist viel zu gering, es gibt keine tagesfüllenden Angebote für diese Jugendlichen. Die meist gut qualifizierten Lehrkräfte der Willkommensklassen, die in den BQL-Klassen wertvolle Unterstützung leisten könnten, dürfen außer-halb dieses Bereichs nicht eingesetzt werden.

Die meisten Geflüchteten sind aus verschiedenen Gründen daran interessiert, möglichst schnell in das Erwerbsleben einzusteigen. Für den dazu geeignetsten Weg über eine (vergütete) duale Ausbildung stehen aber nach wie vor viel zu wenige Ausbildungsplätze zur Verfügung. Die Geflüchteten sind zwar motiviert, aber ihr Sprachstand stellt für die Betriebe eine zusätzliche Herausforderung dar, für deren Bewältigung es deutlich zu wenig Unterstützung gibt. Auch in der Berufsschule ist eine ergänzende Sprachförderung im ersten Ausbildungsjahr nicht mit Ressourcen hinterlegt. Dies trifft ebenso auf vollzeitschulische Angebote zu.

Zusammenfassend bleibt festzustellen: Ein realistisches Szenario für die Integration der Geflüchteten fehlt nach wie vor. Die einzelnen Angebote sind unvollständig und nicht aufeinander abgestimmt. Die tägliche Verweildauer der Geflüchteten in der Schule muss deutlich erhöht werden. Und sprachbildende Angebote müssen länger greifen.

BERUFSVORBEREITUNG IN BQL UND IBA Die über 16-jährigen Schüler*innen gehen im Anschluss an den Spracherwerb in einer »Willkommensklasse« häufig in Berufsqualifizierende Lehrgänge (BQL) der Oberstufenzentren (OSZ) über. Um Schüler*innen ohne Schulabschluss eine Anschlussperspektive zu geben, wurden im letzten Jahr 80 zusätzliche BQL-Lerngruppen an den beruflichen Schulen genehmigt.

Sprachniveaus A1: Anfänger A2: Grundlegende Kenntnisse B1: Fortgeschrittene Sprachverwendung B2: Selbstständige Sprachverwendung C1: Fachkundige Sprachkenntnisse C2: Annähernd muttersprachliche Kenntnisse