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arme Kinder, reiches LandWir brauchen eine Kehrtwende in der Familienförderung

Das System der Familienförderung benachteiligt arme Familien. Eine Kindergrundsicherung soll dieses Problem lösen.

05.07.2018 - von Christiane Reckmann

In jedem fünften Kinderzimmer in Deutschland spielt die Armut mit – seit vielen Jahren, Tendenz steigend! Zwar ist das Thema Kinderarmut im bildungs- und familienpolitischen Bewusstsein angekommen. Es wird zumindest viel darüber gesprochen. Doch viel zu oft drehen sich Diskussionen um gegenseitige Abgrenzung und um die Frage, was denn arme Kinder dringender bräuchten: Geld oder Infrastruktur. Dabei wissen wir aus der Armutsforschung, dass arme Familien und ihre Kinder Dreierlei brauchen: Erstens eine gute, existenzsichernde Arbeit, zweitens mehr Geld und drittens eine qualitativ hochwertige und armutssensible Bildung- und Betreuungsinfrastruktur. Nur so kann es gelingen, Kinderarmut nachhaltig abzubauen, um sie in einem so reichen Land wie Deutschland zu beseitigen.

Der Familienlastenausgleich ist derzeit sozial ungerecht. Wer viel verdient, wird über das Steuersystem bis zu 100 Euro pro Monat und Kind stärker entlastet als armen Kindern im Sozialrecht (Harz IV) an Unterstützung gewährt wird. Insbesondere bei den Leistungen, die die sozio-kulturelle Teilhabe von Kindern sichern sollen – ein Gebot des Bundesverfassungsgerichts – klafft eine große Lücke. Dem Steuerfreibetrag für Bildung, Erziehung und Ausbildung (BEA) in Höhe von 220 Euro pro Monat und Kind stehen Leistungen nach dem Bildungs- und Teilhabepaket von durchschnittlich 19 Euro gegenüber. Dabei wissen wir, dass arme Kinder mehr Förderung brauchen, um annähernd die gleichen Chancen, vor allem in der Bildung, zu haben. Wer, wie derzeit der deutsche Staat, das Gegenteil in seinen Systemen festschreibt, nimmt nicht nur billigend einen hohen und stagnierenden Anteil von Kinderarmut in Kauf, er*sie muss auch mit den Folgen und den Kosten leben. Zu diesen gehören Bildungsbenachteiligung, höhere Quoten in den Hilfen zur Erziehung nach dem achten Buch Sozialgesetzbuch (SGB VIII, Kinder- und Jugendhilfe), gesundheitliche Folgekosten sowie volkswirtschaftliche Einbußen auf Grund nicht vorhandener Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt.

Niemand hätte weniger Geld als heute

Als Zukunftsforum Familie e.V. (ZFF), dem familienpolitischen Fachverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO) auf Bundesebene, arbeiten wir seit vielen Jahren in einem breiten Bündnis aus Verbänden und Wissenschaftler*innen an unserem Modell einer einkommensabhängigen Kindergrundsicherung. Die GEW ist seit vielen Jahren Teil des Bündnisses. Wir wollen dabei das System der Familienförderung vom Kopf auf die Füße stellen und vom Kind aus denken. Alle Kinder sollen dem Staat gleich viel wert sein, unabhängig vom sozio-ökonomischen Status ihrer Familien. Unser Modell der Kindergrundsicherung sieht vor, dass pro Kind und Monat derzeit 619 Euro zur Verfügung stehen. Am untersten Einkommensrand wird dieser Betrag voll ausbezahlt. Dies entspricht circa 16 Prozent mehr Geld in den Familien als durch aktuelle Transfers erreicht wird. Mit steigendem Einkommen wird dieser abgeschmolzen und endet bei relativ hohen Einkommen bei einem Mindestbetrag von derzeit circa 300 Euro. Dies entspricht der Höhe der maximalen Entlastungswirkung durch die Kinderfreibeträge im Steuerrecht. Nach diesem Modell hätte niemand weniger als heute. Allerdings wäre die Förderung höher, je geringer das verfügbare Haushaltseinkommen ist. Das ist unsere Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit in der Familienförderung.

Geld und Infrastruktur konkurrieren nicht

Bildung und Teilhabe kosten Geld: Kitagebühren, Schulhefte, aber auch der private Zoobesuch oder die Urlaubsreise, von denen in der Schule berichtet werden und die zu positiven Bildungserfolgen führen können. Studien, wie beispielsweise die Langzeitstudie zu Kinderarmut des Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik im Auftrag der Arbeiterwohlfahrt (AWO-ISS Langzeitstudie), zeigen, dass Kinder aus einkommensarmen Haushalten deutlich weniger Bildungserfolge haben. Ihre Bildungsbiografien sind brüchiger. Sie haben oftmals kleinere Freundeskreise, können an außerschulischen Aktivitäten seltener teilnehmen, machen häufiger und früher Gewalterfahrungen und vieles mehr. Gleichzeitig kann eine Bildungseinrichtung, die entsprechend sensibel mit dem Thema Armut umgeht, einiges davon auffangen – aber nicht alles. In unserer Gesellschaft ist soziale Teilhabe immer auch mit Geld verbunden. Daher sagen wir: Arme Kinder brauchen eine Kindergrundsicherung und eine qualitativ hochwertige und armutssensible Betreuungs- und Bildungsinfrastruktur.

Ein Argument, das uns in Diskussionen immer wieder begegnet, können wir entkräften: Ja, wir können davon ausgehen, dass zusätzliches Geld in den Familien in den allermeisten Fällen bei den Kindern ankommt. Aus zahlreichen Studien, wie der AWO-ISS Studie, einer Studie des Berliner Beirats für Familienfragen zu Kinder- und Familienarmut, der World Vision Kinderarmutsstudie und vielen weiteren, wissen wir, dass Eltern zunächst an sich sparen, bevor sie an den Kindern sparen. Es mag den einen oder anderen Fall geben, in dem Verteilungskonflikte innerhalb von Familien zu Lasten der Kinder ausgetragen werden. Zum einen hat dies aber nicht unbedingt mit dem sozio-ökonomischen Status der Familie zu tun. Zum anderen ist für solche Konflikte ein anderes System, die Kinder- und Jugendhilfe, da. Auch sie gehört dringend gestärkt!

Als ZFF und als Bündnis KINDERGRUNDSICHERUNG sagen wir: Erst durch ausreichend finanzielle Mittel können sich Familien ausreichend auf Bildungsprozesse einlassen und Kinder und Jugendliche an unserer Gesellschaft teilhaben. Und dann kann Bildung dazu führen, dauerhaft der Armut zu entkommen.    

Das Zukunftsforum Familie e.V. (ZFF) setzt sich als familienpolitischer Fachverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO) für eine sozial gerechte und auf Vielfalt ausgerichtete Politik für Familien ein. Das Bündnis KINDERGRUNDSICHERUNG fordert einen Systemwechsel in der Familienförderung. www.kinderarmut-hatfolgen.de