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30 Jahre Kita-Streik»Wir haben ein Zeichen gesetzt!«

Monika Ulbrich und Norbert Hocke haben den Berliner Kita-Streik hautnah miterlebt. Sie berichten in einem Interview von ihren Erinnerungen.

 

06.04.2020 - Josef Hofman im Interview mit Monika Ulbrich und Norbert Hocke

Wie war eure Verbindung zur GEW damals?

Ulbrich: Ich war zu der Zeit Vorschulerzieherin an einer Kita in Neukölln. Ich bin vor Beginn des Kitastreiks in die GEW eingetreten. Mittlerweile bin ich im Personalrat Süd Ost und in der Landesdelegiertenversammlung.

Hocke: Ich war Kitaleiter in einer evangelischen Kita, mit einer halben Stelle und bin im November 1989 in den Hauptvorstand der GEW gewählt worden. Das war das erste Mal, dass im Geschäftsführenden Vorstand der Bereich Jugendhilfe und Sozialarbeit vertreten wurde.

Was ist eure lebhafteste Erinnerung an den Berliner Kita-Streik?

Ulbrich: Ich erinnere mich an mehrere kurze Geschichten. Bei einer Demonstration wollten wir zum Rathaus marschieren. Die Polizei hielt uns aber davon ab und versuchte den Zug umzuleiten. Wir gingen weiter und ließen uns nicht abhalten. Dann sagte jemand: »Wartet mal, ich kenne einen Weg!« und dann sind wir einfach durch die anliegenden Häuser gelaufen. Vorher ist noch die Polizei angerannt gekommen und hat ein paar Leute geschnappt. Mir wurde ganz schlecht und ich hoffte, dass alle Türen auf meinem Weg offen sind. Wir sind dann alle gegenüber vom Rathaus rausgekommen. Das war ein irres Gefühl. Dann war die Bannmeile einfach wiederbesetzt und die Polizei hat nichts mehr gemacht.

Hocke: Der Streik war eine große Herausforderung für die GEW und ich frage mich bis heute, wie es gelingen konnte, dass diese in Sachen Streik so unerfahrene Organisation es geschafft hat, über so einen langen Zeitraum politisch zu agieren. Grandios waren aus meiner Sicht auch die Streiklokale, die es überall in der Stadt gab. Dort wurden Informationen ausgetauscht und Gespräche geführt. Es fanden abendliche Versammlungen im ICC und in der TU im Audimax mit mehreren tausend Leuten statt.

Ulbrich: An eine Veranstaltung im Audimax kann ich mich besonders gut erinnern. Da hat der Leiter von der BVG eine Rede gehalten und versprochen, dass die BVG den Streik unterstützen würde. Wir dachten, die BVG fährt dann zwischendurch nicht, was großen Druck auf die Regierung ausgeübt hätte. Darüber haben wir uns alle gefreut und ein riesen Getrampel und Geschrei gemacht. Passiert ist dann leider gar nichts. Das war eine herbe Enttäuschung. Daraufhin haben wir angefangen, die Straße selber zuzumachen und die Busse einfach nicht mehr fahren zu lassen. Bei einer Kundgebung haben wir beispielsweise einen Bus, in dem der Regierende Bürgermeister Walter Momper sitzen sollte, aufgehalten. Momper musste dann in einem Auto flüchten.

Was war das Besondere an diesem Streik im Gegensatz zu anderen Arbeitskämpfen?

Hocke: Ich glaube, das auffälligste war, dass die ÖTV, heute ver.di, es gewohnt war, große Streiks in Großbetrieben wie der BVG oder der Stadtreinigung durchzuführen. Mit Kleinstbetrieben über mehrere Wochen zu streiken, das war erstmal für einen Vorstand der ÖTV überhaupt nicht vorstellbar. Da musste man eine Menge Überzeugungsarbeit leisten.

Ulbrich: Die große Solidarität zwischen Leitung, Mitarbeiter*innen und Eltern war wirklich etwas Besonderes. In unserer Kita hat uns die Leitung die ganze Zeit den Rücken freigehalten und aktiv unterstützt. Als Mitarbeiter*innen haben wir gemeinsam bei eisiger Kälte vor unserer Kita ausgeharrt und uns gegenseitig Mut gemacht. Aber auch wenn in anderen Kitas Hilfe gebraucht wurde, haben wir schnelle Unterstützung geleistet.

Wie habt ihr es geschafft, so eine große Motivation für den Streik zu wecken?

Ulbrich: Es kam vieles von der GEW, die ja eigentlich streikunerfahren war. Wir bekamen immer zeitnah die passenden Informationen. Wir fühlten uns von der GEW super unterstützt und hatten so das Gefühl, wir wissen Bescheid, wir wissen, was wir hier tun, warum wir dies tun und dass wir wichtig sind.

Hocke: Ich glaube, ein Punkt war auch, dass die Kolleg*innen gespürt haben, wie viele Ehrenamtliche sich hier bei der GEW engagierten. Der Vorstand, die Fachgruppe, die Kita AG, die Streikleitungen waren ausschließlich ehrenamtlich organisiert. Sie versuchten Rechtssicherheit für die Streikenden zu gewährleisten beispielsweise Fortzahlung von Beiträgen zur Kranken- und Rentenversicherung. Die Angst vor der Abmahnung durch den Arbeitgeber und welche Folgen solch eine Abmahnung für den weiteren Berufsverlauf haben könnte, war am Anfang recht groß. Das waren alles Punkte, die erst während des Streikes, Stück für Stück, erarbeitet werden mussten. Die Kolleg*innen fühlten sich durch die GEW-Informationen aber sehr sicher und das war schon deutlich zu spüren.

Wie lief die Zusammenarbeit mit den Eltern?

Ulbrich: Für die Eltern war es insgesamt eine schwierige Sache. Viele mussten zur Betreuung der Kinder Oma und Opa aus Westdeutschland holen. Andere haben sich zusammengetan und haben versucht, ihre Kinder zu betreuen. Auch da waren die Frauen kreativ und haben Lösungen gefunden. Für dringende Probleme gab es immer Lösungen. Wir wollten aber auch schon dafür sorgen, dass ein bisschen Sand im Getriebe spürbar wird und ein paar Eltern zuhause bleiben müssen.

Hocke: Der Druck wuchs dann nachher, als die Presse die »heulende Mutter« mit zwei Kindern, die ihren Job verliert, gegen uns einsetzte. Dann begann die Stimmung bei den Eltern ein bisschen zu kippen. Die Kolleg*innen spürten vor Ort natürlich, dass die Eltern die Kinder abgeben wollten. Aber insgesamt hatten die meisten Verständnis für das Anliegen der Streikenden.

Warum ist der Streik gescheitert?

Ulbrich: Ein ganz blöder Punkt war, dass uns der 9. November 1989 dazwischenkam. Die Mauer war auf und das bestimmende Thema war die Wiedervereinigung. Die Forderungen der Erzieher*innen wollte dann keiner hören.

Hocke: Verbesserungen der Arbeitsbedingungen zu erkämpfen, ist ein hartes Stück Arbeit. Ähnliche Arbeitskämpfe bei der IG Metall haben damals auch zwei bis drei Anläufe gebraucht, obwohl sie streikerfahren waren. Aber ich muss zugeben, dass es eines der bittersten Erlebnisse in diesem Streik war, als der Landeschef der ÖTV Kurt Lange am letzten Streiktag verkündete: »Wir kommen wieder!« und damit den Streik quasi beendete. Das war eine sehr bittere Pille.

Welche Nachwirkung hatte der Streik? Hat sich trotz des Scheiterns danach etwas verändert?

Hocke: Zunächst überwog der Frust und die Enttäuschung. Das wir aber 2009 und 2015 bundesweit mit den Erzieher*innen Streiks durchgeführt haben ist zu großen Teilen den Erzieher*innen von damals zu verdanken. Sie haben dadurch ein Zeichen gesetzt, das auch Erzieher*innen streiken und ihre Forderungen entschlossen vertreten können. Dass sich bis zum heutigen Tag bei einigen SPD-Mitgliedern und speziell bei Herrn Momper immer noch die Nackenhaare sträuben, wenn sie das Wort Kitastreik nur hören, ist doch auch schon mal ein kleiner Erfolg – der Kitastreik ist eben nicht vergessen. Letztendlich kann man sagen, sind viele der damaligen Forderungen auch im Guten-Kita-Gesetz gelandet. Den Gewerkschaften hat es gezeigt, dass auch in Kleinstbetrieben gestreikt werden kann und dass diese Berufsgruppe – bundesweit fast 8oo.ooo – viel stärker als Potenzial gesehen werden muss. Diese Berufsgruppe gilt es offensiver anzusprechen und in der Bildungsgewerkschaft GEW zu organisieren.

Ulbrich: Ich denke, wir haben da schon ein bisschen Schaden angerichtet. Wir hatten ein paar Jahre später nochmal einen Streik, da hatte ich das Gefühl, die Politik hat Angst, es könnte wieder kippen und wieder wochenlange Streiks geben. Wenn das bei den Politiker*innen im Gedächtnis bleibt, haben wir vielleicht bei zukünftigen Arbeitskämpfen eine bessere Chance.