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SchuleWir mischen uns ein

Fächerübergreifend, innovativ, partizipativ, leidenschaftlich – ein Schulpreis, der alle auszeichnet, die mit viel Energie und 
vollem Einsatz am »BLUM-Preis« mitgewirkt haben.

01.07.2021 - Das Interview führte Antje Jessa

Katja Gerstenmaier, François Genthner und Luisa Schmidt arbeiten am Robert Blum Gymnasium in Tempelhof--Schönberg und haben mit Schüler*innen im Rahmen eines Schulprojektes einen Preis für sozialgesellschaftliches Engagement von Institutionen und einzelnen Menschen ins Leben gerufen – den »BLUM-Preis«. Jetzt wurden die drei Lehrkräfte mit dem zweiten Platz des Deutschen Lehrerpreises in der Wettbewerbskategorie »Unterricht innovativ« ausgezeichnet.

bbz: Was war eure Triebfeder, um mit euren 34 Schüler*innen einer siebten Klasse nach sozialgesellschaftlichem Engagement außerhalb von Schule zu suchen?

Gerstenmaier: Wir wollten den jüngsten Schüler*innen der Schule die Möglichkeit geben, ein Projekt mitzugestalten, das anders funktioniert als übliche Schüler*innenwettbewerbe, wo normalerweise sie selbst ausgezeichnet werden.

Genthner: Wie vermittelt man Partizipation am besten? Natürlich in einem Projekt, in dem die Schüler*innen selbst Akteur*innen sind und erleben, dass jede Entscheidung Konsequenzen hat. Wenn ich nichts tue, passiert nichts. Wenn ich mich engagiere, etwas wage, aktiv einsetze, bekomme ich auch eine Rückmeldung. So kann die Teilhabe an einer Demokratie anders erlebt werden.

In welchem zeitlichen Rahmen habt ihr das Projekt erarbeitet und begleitet, bis es zur Krönung der Preisträger*innen kam?

Gerstenmaier: Die Kernarbeit lief in der Doppelstunde »Gesellschaft« über ein Dreivierteljahr. Zudem haben wir aus unseren Fachstunden immer wieder Zeit dazugegeben.

Genthner: In den Endphasen des Projektes auch außerhalb des regulären Unterrichts, zum Beispiel für die Generalproben.

Wie habt ihr die Schüler*innen motiviert?

Gerstenmaier: Sie haben sich zu unserer Freude sehr reingehängt, weil sie gemerkt haben, das ist echt, was hier passiert, und nicht simuliert, wie sonst oft im Unterricht. Dieses Projekt ist sinnhaft und hat tatsächliche Konsequenzen und Auswirkungen. Die Schüler*innen haben zum Beispiel selbst eine Schirmherrschaft gesucht und Menschen, die eine Rede halten oder sich zum Projekt äußern. Es entstand eine lange Liste mit potenziellen Unterstützer*innen.

Genthner: Somit hatten die Schüler*innen Kontakt mit Menschen, an die sie sonst nicht rankommen wie zum Beispiel Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), oder Sawsan Chebli, Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales. Dieses Jahr hat selbst der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier einen Brief an die Schüler*innen geschrieben.

Schmidt: Selbst von Absagen ließen sie sich nicht demotivieren und waren so ehrgeizig, dass sie gesagt haben, nächstes Jahr wird es größer und mal schauen, wen wir dann bekommen.

Das Thema und die Herangehensweise sind ja nicht eins zu eins aus den Rahmenrichtlinien zu entnehmen. Hattet ihr Unterstützung?

Gerstenmaier: Der ideelle Rückhalt war das schulinterne Curriculum über das Gesellschaftsprofil, in dem die Mitsprache der Schüler*innen im Vordergrund steht. Das Profil hat das Motto: »Wir mischen uns ein!«. Die Schulleitung hat uns die Stunden für das Projekt gegeben. Eine großartige Unterstützung haben wir ebenfalls durch die Elternschaft erfahren. Da lief die Kommunikation über Luisa und François, die beiden Klassenlehrkräfte. Das Kollegium hat auch mitgezogen. Die brauchten wir immer wieder, weil wir einzelne Schüler*innen aus dem Unterricht holen mussten.

Schmidt: Und natürlich über die Eltern im Förderverein, die einen Teil des Preisgeldes gestiftet haben.

In der Laudatio wird von der Leidenschaft der Schüler*innen für das Projekt gesprochen, was meint ihr, hat sie am meisten überzeugt?

Gerstenmaier: Die Schüler*innen hatten enorme Handlungs- und Entscheidungsspielräume und konnten die inhaltliche Ausrichtung mitbestimmen. Sie konnten wirklich etwas auf die Beine stellen. Innerhalb des Prozesses gab es eine Situation, die uns besonders bewegt hat. Aus der Schüler*innenschaft kam die Äußerung, dass die ursprünglichen 500 Euro zu wenig seien, um das Engagement der Preisträger*innen zu würdigen. Dieses Jahr haben sie es dann geschafft, noch einmal über 600 Euro zusätzlich zu akquirieren. Und das alles aus dem Homeschooling heraus.

Schmidt: Für mich gab es diesen Moment ganz am Anfang des Projektes bei der Themensuche. Das war die Zeit von Fridays for Future. Die Schüler*innen waren voller Ideen und haben sich proaktiv fächerübergreifend in Deutsch und Kunst mit gesellschaftlichen Themen beschäftigt. Die Arbeitsergebnisse haben damals alle meine Erwartungen bei Weitem übertroffen.

Genthner: Im Reflexionsprozess haben wir den Schüler*innen unter anderem die Frage gestellt, was sie gelernt haben. Daraufhin haben sie reflektiert, dass es gar nicht schlimm ist, wenn man Fehler macht, sondern daraus lernt, wie Entscheidungen beim nächsten Mal anders umgesetzt werden können.

Wie seid ihr auf die Wettbewerbsteilnehmer*innen gekommen?

Gerstenmaier: Ganz klassisch über Ausschreibungen. Wir haben Zeitungs- und Onlinemedien aus Berlin angeschrieben und den Wettbewerbsaufruf über Social Media Kanäle wie Instagram und Facebook verbreitet.

Genthner: Beim zweiten Durchlauf haben wir dann auch gesagt, schreibt doch mal Initiativen an, die ihr für preisverdächtig haltet. Die Schüler*innen sind dann in die Akquise gegangen und haben recherchiert, welche Projekte es gibt und welche sie unterstützen möchten. Daraufhin haben sich Initiativen selbst beworben. Insgesamt waren es 15 Bewerber*innen dieses Jahr.

Wie wurden die Preisträger*innen ermittelt und wart ihr euch mit den Schüler*innen immer einig in der Bewertung?

Genthner: Es gab verschiedene Wege. Beim ersten Mal gab es eine Jury bestehend aus Schüler*innen aller Jahrgangsstufen, die das Ganze anhand von eigens entwickelten Kriterien beurteilt haben. In der zweiten Runde gab es wieder eine Juryrunde für die Vorauswahl. Danach standen fünf Nominierte fest. Alle Schüler*innen der Schule haben dann ein Portfolio über die Kandidat*innen erhalten. Von insgesamt 724 Stimmberechtigten haben 590 abgestimmt. Letztendlich lag die Entscheidungsgewalt basisdemokratisch bei den Schüler*innen.

Schmidt: Wir fanden die Entscheidungen der Schüler*innen nachvollziehbar und waren beeindruckt von der Urteilskraft, die sie anhand der Kriterien ausgebildet haben.

Habt ihr euch dann letztendlich selbst mit dem Projekt für den Deutschen Lehrerpreis beworben oder seid ihr vorgeschlagen worden?

Gerstenmaier: Für die Kategorie »Unterricht innovativ« kann man sich nur selbst bewerben. Dafür reicht man die Projekt-skizze, den Unterrichtsverlauf und die didaktische Erläuterung ein.

Genthner: Es ist ein komplettes Portfolio mit Rahmenplanbezug, innovativem Ansatz, Leistungsbewertungen, Schüler*innenergebnissen und allen Produkten, die im Laufe des Projektes erstellt wurden.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen?

Genthner: Weil wir dachten, die Kinder haben auch eine Anerkennung verdient, für das, was sie gemacht haben. Dass es dann aufgegangen ist, ist umso schöner gewesen.

Führt ihr dieses Projekt weiter, oder arbeitet ihr bereits an einem neuen?

Gerstenmaier: Ja, wir werden auch nächstes Schuljahr dieses Projekt begleiten. Die dritte Preisverleihung wird im März 2022 stattfinden. Hoffentlich wieder live und in echt. Anders ist, dass wir neue Siebtklässler*innen bekommen, die dann wieder damit betraut werden. Wir sind gespannt, ob sich dadurch neue inhaltliche Schwerpunkte ergeben und haben natürlich eine Vision, dass dieser Ansatz der demokratischen Mitsprache auch wieder auf die ganze Schule ausgeweitet werden kann. Wir haben auch schon neue Ideen.

Genthner: Die Vision für uns ist, weiter zu denken, als in Fachunterrichtsstrukturen, angepasst an die Lebensrealität der Schüler*innen. Wir haben in dem Projekt gemerkt, wie viel die Schüler*innen mitnehmen konnten, was im normalen Unterricht durch die fachliche Dichte des Rahmenlehrplans oftmals untergeht: Teamfähigkeit, Problemlösungsstrategien, Selbstbewusstsein, Eigenverantwortung, Empathie und digitales Lernen.