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SchuleWir sind die Roboter

Ein Erzieher aus der Karlsgarten-Grundschule in Neukölln berichtet, welche Folgen die Rückkehr zum Regelbetrieb für den Ganztag hat.

14.09.2020 - von Martin König

Wir erinnern uns an die Anfangstage der Corona-Zeit. Ab 16. März 2020 kam die Schockstarre – der Lockdown! Kein Unterricht und kein Hort. Die Schulen hatten geschlossen und es musste in Windeseile eine Notbetreuung nach § 1 eingerichtet werden. Obwohl viele Vorgaben generalstabsmäßig umgesetzt wurden, war die Verunsicherung und die Besorgnis um die Gesundheit allgegenwärtig. Die Umsetzung der Richtlinien für die Hygiene war das Gebot der Stunde, für alle Pädagog*innen und Kinder. Von nun an waren die Bedingungen in der Notbetreuung völlig andere, die nichts mehr mit dem eigentlichen Hortalltag gemein hatten. Nicht mehr frei beweglich zu sein, war insbesondere für die Kinder eine befremdliche und bisher unbekannte Situation. Auch innerhalb des Kollegiums war dies zu spüren. Plötzlich gehörten Kolleg*innen zur Risikogruppe, die sich dementsprechend besonders defensiv verhalten mussten. Viele arbeiteten im Homeoffice, um sich vor der Infektionsbedrohung zu schützen. Selbst das Atmen fühlte sich in den ersten Tagen der Pandemie ungesund an.

Der Hygieneplan für die Schule wurde bei uns in kürzester Zeit von den Pädagog*innen und der Schulleiterin erstellt. Die dafür erforderlichen Mittel waren allerdings, wie erfahrungsgemäß in Berlin nicht anders zu erwarten, nicht vorhanden und mussten irgendwie selbst organisiert werden. Wir waren glücklich, wenn jemand aus unserem Team irgendwo eine Quelle entdeckte oder mit Stolz ein superteures Tischdesinfektionsmittel ergattern konnte. Diese Kollegin war dann für einen Tag die Heldin. Wer Mund-Nasen-Schutz, sprich Masken, organisierte, war für immer top. Ich selbst habe den Schwarzmarkt nach der Befreiung 1945 nicht erleben müssen. Vielleicht war es in diesen Tagen im März, ein bisschen wie in dieser Zeit, als die wichtigsten Dinge des Überlebens nicht selbstverständlich vorhanden waren. Wir hatten das große Glück, das zumindest das Papier für die Toilette in ausreichender Menge in der Schule vorhanden war.

Held*innen der Notbetreuung

Die Eltern, die auf die Notbetreuung ihrer Kinder nach § 1 keinen Anspruch hatten, wurden freundlich und manchmal auch bestimmt abgewiesen, was für die Erzieher*innen und den koordinierenden Erzieher eine fast unmenschliche und in gewisser Hinsicht selektive Aufgabe war. Die Plätze für die Notbetreuung in unserer Schule waren durch Abstands- und Flächenregeln limitiert, wobei das Hortgebäude auch im Normalbetrieb schon viel zu klein für die Menge der zu betreuenden Schüler*innen ist. Die Kinder der Notbetreuung kamen in feste Gruppen und lernten außerordentlich gut, sich der abstrakten Situation anzupassen. Sie hatten die Notwendigkeit und die Wichtigkeit  des sich selbst und den anderen Menschen schützenden Handelns verstanden und angenommen. Der Mindestabstand, Hände waschen, Nase-Mund-Schutz auf und ab – alles war wichtig. Die Muster der Regeln wirkten seltsam und befremdlich. Als ich die Kinder sah, wie diese bemüht, den Abstand zum vorderen Kind einhaltend, über den Flur zur Mensa marschierten, um an den zugewiesenen Einzelplätzen still und achtsam ihr Mittagessen einzunehmen, musste ich an den Song »Wir sind die Roboter« denken. Held*innenhaft waren die Kinder in der Zeit der Notbetreuung. Sie haben diese große und sehr ernstzunehmende Herausforderung in ihrem Leben tapfer angenommen und ausgehalten. Sie konnten sich trotz der Belastungen durch diese Einschränkungen eine gewisse Leichtigkeit und Lebendigkeit beibehalten.

Lockerung der hilfreichen Maßnahmen

Der Druck, sich nicht falsch zu verhalten, war von Anfang an bei allen Personen im Schulalltag präsent und eine ganz spezielle neue Belastung. Einmal Niesen in die Armbeuge war verbunden mit dem Gedanken »Oh, das ist bestimmt Corona!« und eine innere Stimme wurde zum ständigen Begleiter: »Mensch – Maske nicht gleich hochgezogen!« und »Da war nicht genug Abstand!«. Für die Arbeit mit Kindern war dies eine unerträgliche Situation. Die Angst ist immer noch vorhanden, da lässt sich nichts schön reden und der Glaube, frei nach dem Sankt-Florian-Prinzip: »Covid neunzehn, verschone uns und wandere weiter«, wird uns nicht vor einer möglichen Infektion bewahren. Wir konnten mit den Schutzmaßnahmen das Problem der Infektionskette sicherlich weitgehend eindämmen. Doch dann kamen die Sommerferien und schwupp – das bisher erfolgreiche System des Schutzes für die Kinder und Mitarbeiter*innen spielte auf einmal keine Rolle mehr. Die Betreuung von Kindern aus mehreren Grundschulen in einer Einrichtung war plötzlich möglich und nur noch nach Möglichkeit sollte in festen Gruppen gearbeitet werden – kein Muss! Mit der Gruppengröße von 22 Kindern lag die gleiche Bemessungsgrundlage vor, wie im »normalen« Regelbetrieb. An unserer Schule sahen wir diese Vorgabe als zu riskant an und alles, was wir bisher an Gesundheitsschutz erreicht hatten, stand auf dem Spiel. »Hurra, Frau Scheeres hat Corona mit dem Beginn der Sommerferien glorreich besiegt«, so hörte es sich für uns an. Es hat sich nichts geändert, wir haben im Kollegium nur gelernt, mit der gefährlichen Situation achtsam umzugehen!

Bisher blicken wir in eine ungewisse Zukunft – mit vollem Programm. Wir bleiben bei unserem Konzept, welches den Schutz der Kinder und Mitarbeiter*innen in den Mittelpunkt stellt. Doch wenn wir den Weg aus der Pandemie gefunden haben, brauchen wir Veränderungen. In der Notbetreuungszeit wurden Dinge deutlich, die wir auch als wünschenswert für den Normalbetrieb empfinden: weniger Plätze in der Mensa, eigene Reinigung auch zwischendurch am Tag, Abstand und respektvolles Verhalten für alle Personen, ausreichend Hygienemittel, Erste-Hilfe--Räume und Krankenpfleger*innen in jeder Einrichtung.