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TendenzenWir sind hier und wir sind viele

Pädagog*innen treten für mehr queere Sichtbarkeit in Bildungseinrichtungen ein. Unter dem Hashtag #TeachOut mobilisieren sie in den sozialen Netzwerken.

18.07.2021 - von Annika Sanner

Mit großem Aufsehen outeten sich Anfang Februar dieses Jahres 185 Schauspielende im Magazin der Süddeutschen Zeitung: »Wir sind hier und wir sind viele! Wir sind Schauspieler*innen und identifizieren uns unter anderem als lesbisch, schwul, bi, trans*, queer, inter und non-binär.« Kurze Zeit später tauchte bei Instagram der Post eines schwulen Lehrers mit dem Hashtag #TeachOut auf, weitere queere Lehrkräfte beteiligten sich daran und erklärten, warum sie ihre sexuelle Identität in Schulen sichtbar machen. Diese Welle schwappte auch zeitnah zu Twitter und Facebook hinüber. Hinter dem Hashtag stehen Pädagog*innen, die zeigen wollen, dass Vielfalt nicht vor den Bildungseinrichtungen Halt macht. Es geht darum, queere Vielfalt auch und besonders im Bildungsbereich sichtbar zu machen. Ihnen ist es ein großes Anliegen, Bildung als Gesamtsystem diskriminierungsfreier zu gestalten: jede Person in diesem System darf sich wohl fühlen und hat ein Recht auf eine angstfreie Lern- und Lehrumgebung.

Warum sollten in Kita, Schule oder Universität queere Menschen sichtbar sein? Ein Blick in das »Forschungsprojekt zur Lebenssituation von lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Jugendlichen und jungen Erwachsenen« des Deutschen Jugendinstituts (DJI) zeigt das Spannungsfeld dieser Orte auf: Zum einen sind sie elementare Lebensbereiche für Kinder und Jugendliche, zum anderen problembelastete Orte, die es Jugendlichen schwer machen, so zu sein, wie sie sind. Oft wird deshalb ein Coming Out in der Bildungseinrichtung aus Angst vor Ausgrenzung und Mobbing vermieden. Dieses dauernde Versteckspiel zieht meist langfristige und gravierende Konsequenzen nach sich. Auch deshalb ist es so wichtig, dass Vielfalt in Bildungseinrichtungen sichtbar ist. Pädagog*innen sind (queere) Role Models, an denen sich die Kinder und Jugendlichen orientieren. Sie bilden zudem einen Teil der Gesellschaft ab, in der sie leben und begleiten die uns anvertrauten Kinder und Jugendliche darin, reflektierte und mündige Erwachsene zu werden.

Ein weiteres Problem an Schulen, wie das Forschungsprojekt des DJI aufzeigt, offenbart sich im Unterricht selbst: Der Themenkomplex LSBT*IQA (Lesbisch Schwul Bi-sexuell Trans*Intersexuell Queer Asexuell) wird häufig nicht angesprochen und es fehlt an positiven Beispielen, nicht-hetero-sexuelle oder nicht-cis-geschlechtliche Lebensweisen wertfrei darzustellen. Darüber hinaus sollte dieser Themenkomplex nicht isoliert und schon gar nicht problemorientiert in der Sexualerziehung »abgearbeitet« werden. Vielfalt von Lebensentwürfen lässt sich eigentlich in allen Fächern ganz nebenbei unaufgeregt unterbringen – es müssen ja nicht immer Herr und Frau Müller ein Auto in Raten kaufen – Frau und Frau Schmidt ist dies durchaus auch zuzutrauen.

Kinder müssen erfahren, wie wertvoll Vielfalt ist

Meine eigene Erfahrung mit Offenheit in der Schule zeigt, wie eine Thematisierung von sexueller Vielfalt gelingen kann: Ganz nebenbei habe ich den Erstklässler*innen im Erzählkreis vom Wochenende mit meiner Frau berichtet. Es entwickelte sich ein Gespräch über die Familienvielfalt und es wurde festgestellt, dass jede Familie unterschiedlich, aber auch immer gut ist. Für die Kinder war es (und ist es) wichtig, verschiedene Lebensentwürfe kennenzulernen, sie mit ihrer eigenen Situation zu vergleichen und für sich Schlüsse daraus zu ziehen. Dies ist nötig, um ein Selbstbild und somit eine eigene Identität zu entwickeln und um zu erfahren, wie wertvoll Vielfalt ist.

Die ins Leben gerufene Homepage www.teachout.de zeigt, warum Lehrkräfte, Erziehende und Dozierende für Sichtbarkeit einstehen und lädt ein, sich selbst dort sichtbar zu positionieren.       

Wir fordern:
ein diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld für queere Menschen in Bildungskontexten:

  • Landesantidiskriminierungsgesetze, die den Bereich der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt schützen
  • Schaffung offizieller Beschwerdestellen bei Diskriminierung in den Behörden auf Landesebene
  • Diversitätsbeauftragte als Ansprechpersonen für Mitarbeitende, Schüler*innen und Eltern/Erziehungsberechtigte in Bildungskontexten
  • verpflichtende Einführung inklusiver gendersensibler und diskriminierungsfreier Sprache im Bildungsbereich (z. B. Anschreiben, Formulare, Datenerfassung, Internetpräsenzen, …)
  • wissenschaftliche Studien, die die Situation von queeren Menschen in Bildungskontexten erforschen

Wir fordern:
sexuelle und geschlechtliche Vielfalt als verpflichtende Ausbildungsinhalte in pädagogischen Ausbildungen wie zum Beispiel im Lehramtsstudium, Referendariat, Erzieher*innenausbildung und Heilpädagog*innenausbildung:

  • Basiswissen zum Themenfeld sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität
  • Umgang mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in Bildungskontexten
  • Begleitung von Coming-Out- und Transitionsprozessen von Schüler*innen
  • Strategien gegen Diskriminierung aufgrund der Geschlechtsidentität und/oder der sexuellen Orientierung
  • Sensibilisierung gegenüber Coming-Out- und Transitionsprozessen von in Lehr- und Lernkontexten tätigen Personen vor Lernenden und Kollegium

Wir fordern:
sexuelle und geschlechtliche Vielfalt als verpflichtende Fort- und Weiterbildungen für alle Menschen in Bildungskontexten:

  • Basiswissen zum Themenfeld sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität
  • Umgang mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in Bildungskontexten
  • Begleitung von Coming-Out- und Transitionsprozessen von Schüler*innen
  • Strategien gegen Diskriminierung aufgrund der Geschlechtsidentität und/oder der sexuellen Orientierung
  • Sensibilisierung gegenüber Coming-Out- und Transitionsprozessen von in Lehr- und Lernkontexten tätigen Personen vor Lernenden und Kollegium

Wir fordern:
sexuelle und geschlechtliche Vielfalt verpflichtend in die Lehr- und Bildungspläne aller Bundesländer aufzunehmen:

  • Fächer- und jahrgangsübergreifende Bildung für Toleranz und Akzeptanz gegenüber der Vielfalt sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten
  • Lehr- und Bildungspläne in inklusiver gendersensibler Sprache

Wir fordern:
vielfältige Abbildung der Realität in Lehr- und Lernmaterialien sowie Aufgabenstellungen:

  • Erstellung und/oder Überarbeitung von Lehr- und Lernmaterialien unter Einbezug der vielfältigen Expertise von queeren Menschen in Bildungskontexten
  • Mitberücksichtigung von gendersensibler und diskriminierungsfreier Sprache in Lehr- und Lernmaterialien sowie Aufgabenstellungen
  • kontinuierliche Fortentwicklung der Lehr- und Lernmaterialien

Wir fordern:
Bereitstellung von Personal-/Finanzmitteln für Antidiskriminierungsprojekte und -netzwerke in Bildungskontexten, beispielsweise für:

  • Beratungsangebote für queere Menschen in Bildungskontexten in Coming-Out- und/oder Transitionsprozessen
  • Empowerment- und Vernetzungsangebote für queere Menschen in Bildungskontexten
  • Erstellung und/oder Überarbeitung von Lehr- und Lernmaterialien

Erläuterungen zu Begriffen wie queer und cis und weitere Artikel findet ihr in der bbz 05/2020 zu »Queer denken«.

Queer verstehen wir in diesem Zusammenhang als Überbegriff für alle Personen vielfältiger sexueller und geschlechtlicher Identitäten, Geschlechtsausdrücke, Geschlechtsmerkmale sowie romantischer Orientierungen, unter anderem mit lesbischem, schwulen, bisexuellem, trans*, inter*, pan, nicht-binärem, asexuellem oder aromantischem Hintergrund.  

Bei cis Menschen entspricht die Geschlechtsidentität dem Geschlecht, das bei der Geburt in die Geburtsurkunde eingetragen wurde. Ein Mensch, der bei Geburt weiblich eingeordnet wurde und später als Frau lebt, ist eine cis Frau.

Weiterführende Informationen und Positivbeispiele zu unseren Forderungen
1    Beispiele für Diversitätsbeauftragte an Schulen:
Genderbeauftragte am Hölderlin-Gymnasium in Heidelberg: http://www.hoelderlin.org/index.php?option=com_content&task=view&id=424&Itemid=37  
Diversitätsbeauftragter in der Julius-Leber-Stadtteilschule in Hamburg,
LGBTQ Vertrauenslehrerin am Hainberg-Gymnasium Göttingen:
https://www.hainberg-gymnasium.de/fileadmin/Redaktion/Dateien/Schulleben/GT_29.12.20_HG_Queer.pdf (29.03.2021)

2    Richtlinie zur gendergerechten Sprache der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim, Holzminden, Göttingen: https://www.hawk.de/de/hochschule/organisation-und-personen/zentrale-einrichtungen/gleichstellungsbuero/geschlechtergerechte-sprache (29.03.2021)
Flyer der GEW zur geschlechterbewussten Sprache in der Praxis:
https://www.gew.de/fileadmin/media/publikationen/hv/Gleichstellung/Verschiedenes/20160503_GeschlBewusstSprache_web.pdf (29.03.2021)

3    Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zu Diskriminierungserfahrungen und Umgang mit der eigenen sexuellen und geschlechtlichen Identität im Schulalltag aus 2017: https://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/Downloads/DE/publikationen/Umfragen/lsbtiq_lehrerkraeftebefragung.html?nn=14284300 (29.03.2021)
Studien und Artikel von DISSENS Institut für Bildung und Forschung: https://www.dissens.de/geschlechterverhaeltnisse (29.03.2021)

4    Basisliteratur zur Thematisierung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt im (Lehramts-)Studium der Forschungs- und Netzwerkstelle “Vielfalt lehren!”: http://www.akzeptanz-fuer-vielfalt.de/fileadmin/daten_AfV/PDF/Vielfalt_Lehren__Vierneisel_Nitschke__2017__-_Handreichung_Basisliteratur.pdf (29.03.2021)
Fortbildungsangebote für angehende Lehrkräfte von “Schule der Vielfalt”:
http://www.schule-der-vielfalt.de/fortbildungen.htm

5    Bundesweit gibt es zahlreiche Fortbildungsangebote im Bereich sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, exemplarische Beispiele:
Fortbildungsreihe im Waldschlößchen “Vielfalt.Kompetent.Lehren”: https://www.waldschloesschen.org/de/jahresuebersicht.html?query=Vielfalt.kompetent.Lehren (29.03.2021)
Fachtagung Queere Pädagogik im Waldschlößchen: https://www.waldschloesschen.org/de/veranstaltungsdetails.html?va_nr=1694 (29.03.2021)
Fortbildungsangebote von RosaLinde Leipzig e.V.  u.a. “Schule queer gedacht”: https://www.rosalinde-leipzig.de/de/projekte/fortbildungen (29.03.2021)

6    Überblick zum Ist-Stand in den Bundesländern von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes::
https://www.antidiskriminierungsstelle.de/DE/ThemenUndForschung/Projekte/Bildung/02_Diskriminierung_in_der_Schule/03_sex_u_geschl_Vielfalt_in_BildPlaenen/sex_u_geschl_Vielf_in_BildPlaenen_node_neu_2020.html;jsessionid=22C5C6CFB2DC228D2E8C0D474CCC5D3E.1_cid341 (29.03.2021)

7    Die Broschüren von “Schule lehrt/lernt Vielfalt” bieten einen exemplarischen Einblick in fächerübergreifende Lehr-Lernmaterialien und Aufgabenstellungen:
http://www.akzeptanz-fuer-vielfalt.de/fileadmin/daten_AfV/PDF/AWS_MAT18_Schule_lehrt_lernt_Vielfalt_Bd1.pdf http://www.akzeptanz-fuer-vielfalt.de/fileadmin/daten_AfV/PDF/AWS_MAT22_2019_Schule_lehrt_lernt_Vielfalt_Bd2.pdf

8    Das Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen ist offizielle Kooperationspartnerin des Labels “Schule der Vielfalt” und stellt dafür Personalressourcen zur Verfügung. https://schule-der-vielfalt.de