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TendenzenWir waren Nachbarn

Eine Dauerausstellung im Rathaus Schöneberg erzählt authentische Geschichten von über 150 jüdischen Familien aus Berlin.

05.09.2017 - von Katharina Kaiser

Müssen wir hier wieder diese schrecklichen Bilder sehen?«, »Der Zeitzeuge auf diesem Bild sieht ja aus wie mein Opa, warum ist der denn Jude?« und »Wieso liegt hier ein Album von Einstein, war der Jude? Der war doch Deutscher!«. Solche und ähnliche Fragen stellen Schüler*innen – ohne Scheu – nachdem sie lange ein Album in der Ausstellung »Wir waren Nachbarn« betrachtet und ausführlich gelesen haben. Was sagen solche Sätze über die inneren Bilder, die im Unterricht zumeist nicht zur Sprache kommen?

In der Ausstellung sind es authentische Erzählungen, Fotos, Briefe und Dokumente von denen sich Schüler*innen und die anderen Besucher*innen, angesprochen fühlen. Nicht digital bearbeitet, nicht medial verstärkt, sondern bewusst analog: wie in einem alten Fotoalbum. Diese Ausstellung ist keine klassische historische Ausstellung aus wissenschaftlicher Recherche und Designleistung mit viel erklärendem Text. Sie erinnert mit ihrer Lichtdramaturgie und Gestaltung in dem eindrucksvollen Raum mit der Glaskuppel eher an eine alte Bibliothek. In dieser Atmosphäre entstehen Konzentration, Lust auf selbstbestimmte Entdeckungen und Empathie für die Zeitzeug*innen.

Wie ein altes Fotoalbum betrachten

Am Anfang sind alle Schüler*innen, nach einer kurzen Einführung, an den großen Tischen entlang gegangen und alle haben sich ein Album ausgesucht, von dem sie sich persönlich spontan angesprochen fühlen: Ein Titelfoto, das die Zeitzeug*innen zeigt, als sie oder er so alt waren wie die Schüler*innen heute. Auf der ersten Innenseite blicken uns die Zeitzeug*innen zum Zeitpunkt der Interviews an. Aus ihrer Perspektive sind die Alben individuell geschrieben und autorisiert worden, wie das WIR im Titel der Ausstellung andeutet. An einigen Stellen kann man über Kopfhörer vor einem Album sitzend die authentischen Stimmen der Zeitzeug*innen hören. Für diese Ausstellung ist die Nachbesprechung mit der Gruppe wichtig: Je nach Größe der Klasse sprechen wir dann über 20 unterschiedliche jüdische Familien, alle Nachbar*innen, darunter auch einige Prominente aus den 1920er und 30er Jahren.

Natürlich kann diese Ausstellung nicht den Unterricht und die Beschäftigung mit den historischen Fakten ersetzen, aber sie öffnet für Fragen und erzeugt neue innere Bilder und Empathie.

Die Frage nach dem Warum

Und am Schluss kommt dann fast immer – besonders in multikulturell zusammengesetzten Klassen – die Frage: »Aber wenn die Juden gar nicht so anders waren als die anderen Nachbarn, warum wurden dann ihre Familien so grausam umgebracht?« Auf diese Frage kann keine Ausstellung und kein Geschichts- oder Ethikunterricht eine direkte Antwort geben. Aber wir sind damit mitten drin in der Gegenwart: Kann das heute wieder passieren?

Im Herbst 2017 soll eine von einer Arbeitsgruppe der KMK und der Länder erarbeitete Empfehlungsliste mit Hinweisen auf didaktische Literatur und Unterrichtsempfehlung zum Thema veröffentlicht werden. Es soll hier einmal nicht um Juden und Jüdinnen als Opfer gehen, sondern der Fokus soll auf verschiedene religiöse und kulturelle Identitäten des Judentums gelegt werden, indem das Leben einzelner Menschen sichtbar und nacherlebbar gemacht wird. Genau so funktioniert die Ausstellung »Wir waren Nachbarn.«    

WIR WAREN NACHBARN: Biografien jüdischer Zeitzeug*innen; Ausstellungsinstallation im Rathaus Schöneberg, Eintritt frei, www.wirwarennachbarn.de