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Warum Lehrkräfte erst noch lernen müssen, über Rassismus zu sprechen, erklärt uns Karim Fereidooni.

09.11.2020 - Das Interview führte Janina Bähre

Karim, du hast zu Rassismus an Schulen geforscht, worum ging es da genau?

Fereidooni: Ich habe mich in meiner Dissertation mit Rassismuserfahrungen von Referendar*innen und Lehrkräften mit sogenanntem Migrationshintergrund beschäftigt und hierfür 159 von ihnen in einer Fragebogenstudie befragt und mit zehn von ihnen Interviews geführt. Von diesen zehn hatten fünf angegeben, Rassismuserfahrungen gemacht zu haben und die anderen fünf gaben an, keinen Rassismus erlebt zu haben. Ich wollte wissen, woran es liegt, dass die einen solche Erfahrungen machen und die anderen nicht.

Was hast du herausbekommen?

Fereidooni: Ein Ergebnis der Fragebogenstudie war, dass 60 Prozent antworteten, dass sie Rassismus im Berufskontext erfahren, 40 Prozent gaben an, keinen Rassismus im Berufskontext zu erleben. Die Interviews zeigten dann allerdings, dass die fünf Teilnehmer*innen, die im Fragebogen angegeben hatten, keinen Rassismus erlebt zu haben, im Interview doch eklatante Rassismuserfahrungen im Berufskontext beschrieben und gleichzeitig sagten, das sei kein Rassismus gewesen.

Das verstehe ich nicht. Wieso das? Weil sie sich nicht als Opfer sehen wollten?

Fereidooni: Genau, zum Teil überwiegt die Unsicherheit, denn »die Kolleg*innen seien eigentlich doch so nett« sagte eine Teilnehmerin oder ein anderer sagte: »Ein Diebstahl ist eindeutig, wenn man diesen erlebt, aber Rassismus? Die wollen das doch eigentlich gar nicht.« Aber ob intendiert oder nicht intendiert, rassistische Äußerungen haben immer eine negative Wirkung, egal wie es gemeint war, das müssen wir uns vor Augen führen und über diese Wirkung sprechen. Andere Teilnehmende verharmlosten ihre Erfahrungen oder ein Teilnehmer sagte sogar, Rassismus sei vielleicht auch die eigene Schuld der Migrant*innen, aufgrund mangelnder Integration.

Warum glaubst du, konnten die Teilnehmenden ihre Rassismuserfahrungen nicht benennen?

Fereidooni: Astrid Messerschmidt, eine Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Geschlecht und Diversität, hat sich damit beschäftigt, warum es so schwierig ist, in Deutschland über Rassismus zu sprechen. Das läge an der Annahme, dass Personen zwar denken, dass es Rassismus gab, aber eigentlich nur zwischen den Jahren 1933 und 1945, seitdem sei Deutschland ja demokratisch. Zweitens gibt es die Verschiebung des Rassismus in den Rechtsextremismus, indem gesagt wird, die Mitte sei frei von Rassismus, denn man sei ja zum Beispiel in der GEW oder habe für Geflüchtete gespendet. Außerdem ist es schwierig zu ermitteln, was Rassismus heute ist, da er nicht mehr nur im Deckmantel des klassischen biologistischen Rassismus daherkommt, sondern es auch Kulturrassismus gibt, der sich zum Beispiel auf Sprachen, kulturelle Zuschreibungen und Religionen bezieht. Ein weiterer Punkt ist die Skandalisierung, indem Rassismus nicht als Strukturierungsmerkmal der Gesellschaft gesehen wird, sondern eher skandalisiert wird, dass dem »uns«, der gesellschaftlichen Mitte, Rassismus vorgeworfen wird. Es lässt sich festhalten, dass wir in Deutschland nicht gelernt haben, über Rassismus zu sprechen, weil Rassismus oftmals tabuisiert wird, indem zu Betroffenen gesagt wird »Nun stell dich nicht so an«, »Das war doch nicht so gemeint...«. Auch deshalb ist es für Menschen mit Rassismuserfahrungen schwierig, überhaupt eine Sprache für ihre Erlebnisse zu finden.

Haben Schüler*innen eine Sprache, um sich gegen Rassismus im Klassenzimmer zu wehren?

Fereidooni: Das ist natürlich aufgrund der Machtverhältnisse schwierig. Aufgrund des Notendrucks schweigen Schüler*innen oft. Auch im Referendariat halten Machtverhältnisse Menschen davon ab, sich zu wehren. Überall dort, wo Menschen sich begegnen, spielen Ungleichheitsstrukturen eine Rolle. Wir wünschen uns Schulen ohne Rassismus, aber es gibt vielleicht rassismussensible Schulen, aber keine Schulen ohne Rassismus.

Welche Rassismuserfahrungen machen Schüler*innen und Lehrkräfte zum Beispiel?

Fereidooni: Männliche, als muslimisch gelesene Schüler werden zum Beispiel oft von Lehrkräften als Machos wahrgenommen, obwohl sie dieselben Dinge tun, wie die anderen auch. Bei Mädchen spielt das Kopftuch sicherlich eine Rolle. Auch den Kopftuch­erlass finde ich rassistisch. Schwarze Schüler werden oft als Gefahr wahrgenommen, während Schwarze Schülerinnen exotisiert werden.

Wie ist das mit Rassismus unter Schüler*innen?

Fereidooni: Rassismus ist ein weißes Dominanzsystem, deshalb gibt es beispielsweise keine Deutschenfeindlichkeit. Natürlich gibt es muslimisch gelesene Schüler*innen, die anti-muslimischen Rassismus erfahren, aber gleichzeitig Anti-Schwarzen-Rassismus reproduzieren, indem sie Schwarze Schüler*innen abwerten. Aber um Rassismus zu betreiben, muss man gesellschaftliche Macht besitzen, um andere Menschen systematisch auszuschließen. People of Color haben nicht die Macht, Schwarze Menschen vom Bildungs- oder Arbeitsmarkt auszuschließen, weiße Menschen haben sie. People of Color können also nur situativ diskriminieren. Rassismus hat immer mit Machtstrukturen und Traditionslinien zu tun.

Was denkst du, können wir tun, um struktureller Diskriminierung und Rassismus besser zu begegnen?

Fereidooni: Mein Ansatzpunkt sind die Lehrkräfte. Rassismuskritik sollte ganz normale Professionskompetenz werden und in Universitätsseminaren enthalten sein. In der Lehrkräftebildung sollte Rassismuskritik fester Bestandteil sein. Weiße Menschen müssen lernen, dass Rassismus nicht etwas mit den anderen, sondern vor allem mit ihnen selbst zu tun hat. Rassismus ist ein Fantasma, eine Imagination über Schwarze Menschen in den Köpfen weißer Menschen, das über die Jahrhunderte gewachsen ist. Weiße Menschen müssen sich damit auseinandersetzen, wie sie diese Bilder gelernt haben und diese dekonstruieren. Ich glaube übrigens an den Multiplikator*inneneffekt, also, dass wenn Lehrkräfte in die Lage versetzt werden über Rassismus zu sprechen, es auch die Schüler*innen lernen. Lehrkräfte sollten sich drei Fragen stellen. Erstens, inwiefern hat Rassismus mein eigenes Leben beeinflusst? Zweitens, was passiert in meiner Schule und meinem Unterricht rassismusrelevantes? Drittens, inwiefern befördern meine Materialien rassismusrelevante Wissensbestände?

Was ist mit interkultureller Kompetenz, sollte diese stärker in der Lehrkräftebildung vermittelt werden?

Fereidooni: Von interkulturellen Kompetenzschulungen halte ich nicht viel, weil Menschen dadurch kulturalisiert werden. Weiße Menschen sollten nicht lernen, wie sie beispielsweise mit »chinesischen Schüler*innen« umgehen, vielmehr sollten sie lernen, warum sie rassistische Muster in diesem Fall des Anti-Asiatischen-Rassismus erlernt haben und wie sie diese erkennen und dagegen vorgehen.

Glaubst du, dass die Black Lives Matter – Bewegung etwas geändert hat?

Fereidooni: Ich finde die Proteste gut, denn es geht um Bürger*innenrechte weißer und Schwarzer Menschen. Ich denke, dass der Kampf gegen Rassismus nur gemeinsam geführt werden kann. Politik reagiert nur auf Druck, deshalb ist es gut, wenn Menschen auf die Straßen gehen und ich hoffe, die Bewegung führt zu politischen Maßnahmen. Diese sind auch in Deutschland notwendig und überfällig.

Der Begriff »weiß« bezeichnet ebenso wie »Schwarz« keine biologische Eigenschaft und keine reelle Hautfarbe, sondern eine politische und soziale Konstruktion. Mit »weißsein« ist die dominante und privilegierte Position innerhalb des Machtverhältnisses Rassismus gemeint, die sonst zumeinst unausgesprochen und unbenannt bleibt.