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bbz 11 / 2018Zehn Jahre Gemeinschaftsschule

Die Berliner Gemeinschaftsschule ist Vorreiterin der Inklusion und Garantin für mehr Bildungsgerechtigkeit. Zehn Jahre nach ihrer Einführung bleibt immer noch viel zu tun

01.11.2018 - Tom Erdmann

Die Gemeinschaftsschulen erreichen eines ihrer wesentlichen Ziele, indem sie den Lernerfolg von der sozialen Herkunft wirksam entkoppeln. Bemerkenswert sind die Lernzuwächse der Schülerinnen und Schüler, die der Abschlussbericht den Gemeinschaftsschulen bescheinigt.« Das sind die Worte von Bildungssenatorin Sandra Scheeres über die Studie zur Pilotphase der Berliner Gemeinschaftsschule. Die Studie hat es gezeigt: Den Berliner Gemeinschaftsschulen gelingt es deutlich besser als anderen Schularten, den Gedanken der Inklusion in der pädagogischen Realität umzusetzen und Übergänge zu gestalten. Alle Schüler*innen haben teilweise deutlich höhere Lernzuwächse als die in vergleichbaren Schulen und zwar unabhängig von sozialer Herkunft oder Förderbedarf. Inklusion stellt also keineswegs einen Nachteil für Kinder und Jugendliche ohne Förderbedarf dar. Die deutlich höheren Lernfortschritte lassen vermuten, dass die förderdiagnostische Expertise der in den Jahrgangsteams mitarbeitenden Sonderpädagog*innen allen Schüler*innen zugutekommt. Das ist aber noch nicht das ganze Erfolgsrezept der Berliner Gemeinschaftsschule.

Gemeinschaftsschule funtkioniert

Der frühere Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit hatte in den Verhandlungen um die Einführung der Gemeinschaftsschulen im Jahr 2007 darauf gedrängt, dass diese neuen Schulen beweisen müssten, dass sie unter den gleichen Bedingungen wie andere Schulen wirklich mehr leisten können. Wenn sie mit mehr Ressourcen, zum Beispiel mit mehr Personal, bessere Ergebnisse erreicht hätten, wären sie dem Vorwurf ausgesetzt, dass dieser Erfolg nur auf die bessere Ausstattung zurückzuführen wäre und nicht auf langes gemeinsames Lernen, Teamarbeit und veränderte Pädagogik. Deshalb untersuchte die letzte Teilstudie aus dem Jahr 2016, wie Unterrichtsmethoden auf den Lernerfolg von Schüler*innen wirken. Die Ergebnisse sind auch für die Schulen wichtig, die noch keine Gemeinschaftsschulen sind, sich aber pädagogisch weiterentwickeln wollen. Mehr als 80 Prozent der Lehrkräfte besaßen der Studie zufolge eine positive Einstellung zur pädagogischen Arbeit an der Gemeinschaftsschule. Hinsichtlich der Arbeitskultur schätzen neun von zehn Lehrkräften Teamarbeit und profitieren von der Kooperation, wie zum Beispiel der gemeinsamen Vorbereitung des Unterrichts. Die Befunde zur Entwicklung von Lern- und Unterstützungsformen im Umgang mit heterogenen Lerngruppen lassen sich wie folgt zusammenfassen: Die Gestaltung des Unterrichts an der Gemeinschaftsschule zeichnet sich durch ein breites Spektrum an Unterrichtsmethoden sowie durch eine gezielte Unterstützung von Lernprozessen aus.

Kooperation und Individualisierung von Lernprozessen braucht Zeit und trotzdem haben sich die Pädagog*innen an Gemeinschaftsschulen bewusst für die neue Schulform entschieden. Sie wussten, dass eine solche Reform Mehrbelastung mit sich bringt: Eine Grundschule verliert bei der Fusion mit einer anderen Schule ihre Funktionsstelle für die*den Konrektor*in, Schüler*innen mit Förderbedarf können nicht mehr mit Verweis auf fehlende Ressourcen abgewiesen werden und die engere Kooperation im Kollegium und mit Partner*innen außerhalb der Schule erfordert, wie die erfolgreiche Umsetzung von Inklusion, zusätzliche Zeit. Die meisten Gemeinschaftsschulen setzen auf intensive Elternarbeit durch organisierte Feedbackkultur mithilfe von Schulplanern und dokumentierten Lernentwicklungsgesprächen. Sie führen viele Schulhilfekonferenzen und oft erst danach Klassenkonferenzen durch. Und wenn die Curricula der Grund- und der Mittelstufe miteinander verzahnt werden sollen, dann wird an den Gemeinschaftsschulen mehr als an anderen Schulen getan. Gemeinschaftsschulen leisten also einen wichtigen Beitrag für die pädagogische Schulentwicklung. Das alles belastet die Kolleg*innen zusätzlich und nach zehn Jahren muss auch die Bildungsverwaltung anerkennen: Die Kolleg*innen der Gemeinschaftsschulen brauchen Entlastung!
Zudem ist es nicht nachvollziehbar, dass im Grundstufenteil eines Gymnasiums die Unterrichtsverpflichtung 26 Stunden pro Woche ist, während in der Grundstufe einer Gemeinschaftsschule 28 Stunden unterrichtet werden müssen.

 Gemeinschaftsschule ins Schulgesetz

Vor den Abgeordnetenhauswahlen hat die GEW BERLIN gefordert, dass längeres gemeinsames Lernen bildungspolitischer Schwerpunkt des neuen Senats sein muss. Die Gemeinschaftsschule wird nun als eigene Schulform in das Schulgesetz aufgenommen. Der rechtliche Schwebezustand, die Pilotphase, wird beendet. Das ist ein großartiger Erfolg! Aber darauf darf sich niemand ausruhen. Berlin wächst und in den nächsten zehn Jahren braucht die Stadt etwa 70 neue Schulen. Das ist eine einmalige historische Chance!

In der Koalitionsvereinbarung haben sich SPD, Linke und Grüne darauf geeinigt, dass neue Schulstandorte vorrangig als Gemeinschaftsschulen eröffnet werden. Doch in den Plänen der Berliner Schulbauoffensive (BSO) sind von den 50 ersten Schulneubauten zunächst nur fünf als Gemeinschaftsschulen geplant. Das haben wir zum Anlass genommen, alle Berliner Schulstadträt*innen anzuschreiben und zu fragen, wie ihre bezirklichen Schulbaupläne denn mit den Koalitionsaussagen übereinstimmen. Die meisten haben auch geantwortet, zum Teil jedoch ausweichend und mit Verweis auf dringendere Probleme, wie dem Mangel an Grundschulplätzen und Bauflächen.

Thorsten Kühne, CDU-Bildungsstadtrat aus Pankow, verwies auf die noch ungeklärte rechtliche Lage und den größeren Platzbedarf der Gemeinschaftsschulen – ein Dilemma in der wachsenden und vor allem enger werdenden Stadt. Andy Hehmke, SPD-Bildungsstadtrat aus Friedrichshain-Kreuzberg, nahm sich sogar die Zeit für ein persönliches Gespräch und erklärte, dass für ihn der Ausbau und die Neugründung der Gemeinschaftsschulen von großer Bedeutung seien. Dies ist eine der wenigen bildungspolitischen Entscheidungen auf Bezirksebene, mit der die SPD und Rot-Rot-Grün ein Alleinstellungsmerkmal haben und sich profilieren können. Wir werden alle Beteiligten daran erinnern!

Die GEW BERLIN wird weiter genau hinschauen und auf den Ausbau der Gemeinschaftsschulen drängen! Die überarbeitete Fassung der BSO-Pläne weisen in eine gute Richtung, denn inzwischen sind bereits deutlich mehr Gemeinschaftsschulen vorgesehen.