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blz 12 / 2009Zehn Jahre Hausmann

Gerhard Schmidts Jahre als in- und aushäusiger Aktivist und seine Zeit als Lehrer in Zehlendorf

01.12.2009 - Das Gespräch führten Dieter Haase und Klaus Will

Du bist 1980 mit 43 Jahren frühpensioniert worden, das war ein ziemlicher Einschnitt – oder?

Das war ziemlich hart. Weil ich damals auch noch dachte, dass die mich loswerden wollten, also politische Motive dahinterstehen. Ich hatte ja schon einige Disziplinarverfahren hinter mich gebracht, die ich alle erfolgreich überstanden hatte, und jetzt versuchen sie es auf diesem Wege – dachte ich. Aber der Unfall im Sportunterricht war doch ziemlich schwer, weil auch noch eine Nervenverletzung vorlag. Ich bin dann noch mal an einer anderen Schule eingesetzt worden, merkte aber, dass ich das nicht durchhalte. Es ging ein, zwei Wochen gut, aber ich hatte immer mehr Mühe mich zu regenerieren. Und als ich dann gegenüber einem Schüler wegen einer Kleinigkeit ausgerastet bin, habe ich selbst das Handtuch geschmissen. Ich habe mich noch einmal vom Neurologen untersuchen lassen, der mir aber keine Hoffnung machte, dass sich schnell etwas verändern würde.

Mit fast dreißig Jahren Pensionärsdasein hast du reichhaltige Erfahrung mit dem Ruhestand. Wie bist du zurechtgekommen?

Na, ich habe mein Leben voll umgestellt und bin Hausmann geworden.

Du warst ja damals schon bekanntermaßen ein guter Koch. Das war doch schon mal eine gute Voraussetzung!

Stimmt, meine Wohnung in der Kantstraße im vierten Stock war damals nicht nur bei GEWlern ziemlich bekannt. Wir, der damalige Vorstand der GEW BERLIN, haben hier einige Sitzungen gemacht, also gewissermaßen Arbeitsessen. Einmal sogar unten im Keller, meinem Weinkeller. Da haben wir die Tagesordnung erledigt – und nebenbei Weinprobe gemacht. Ich war ja auch noch nach meiner Pensionierung bis 1981 als GEW-Vorsitzender unterwegs. Da bin dann mit unserem Kind, Benny war damals gerade zwei Jahre alt, auf dem Arm zu Sitzungen mit der ÖTV gegangen, wo die mich ganz entgeistert angeschaut haben. Denen musste ich erst einmal erklären, dass ich als Hausmann nicht einfach das Kind zuhause lassen kann. Das Problem würden sie ja kennen, da sie auch ErzieherInnen organisieren, merkte ich etwas hämisch an.

Seit 1966 bist du Mitglied der GEW. Warst du da noch Student?

Nein da war ich schon im Referendariat. Das ging dort aber gleich heftig los, weil irgendeiner die Idee aufbrachte, jeder soll zehn oder zwanzig Neumitglieder werben. Und das habe ich auch geschafft.

Also wenn heute jedes neue Mitglied, ein, zwei neue Mitglieder mitbringen würde, stünden wir sehr gut da.
Heute geht das nicht mehr so. Damals war es noch möglich, wir waren ziemlich euphorisch und überzeugt. Ich habe mich dann auch gleich im Personalrat der Studienreferendare engagiert und wurde dort Vorsitzender.

Danach warst du dann als Vorsitzender der Fachgruppe Gymnasien in Berlin aktiv und hast auch auf Bundesebene in dieser Fachgruppe gearbeitet. Und dann, 1977, der plötzliche Sprung zum GEW-Landesvorsitzenden. Das war in den Zeiten der Spaltung.

Ja, Lore Kujawa war ja Vorsitzende, als die GEW BERLIN aus dem DGB geschmissen wurde. Gegen diesen Ausschluss aus GEW und DGB hatten vier Leute geklagt, während parallel von oben, maßgeblich vom Bundesvorstand um Erich Frister, eine neue GEW unter dem Dach des DGB gegründet wurde. Lore Kujawa und Helmut Stange orientierten darauf, die GEW BERLIN aufzulösen und dem neuen Verband beizutreten. Wir, die sogenannte freie Linke, waren dagegen: Wir waren ja schon in einer Gewerkschaft und wir brauchten keine von oben oktroyierte!

War euch klar, was da auf euch zukam?

Das hieß, dass wir uns für den Ernstfall vorbereiten mussten: nämlich aus unseren Reihen den Vorstand zu stellen. Das war zunächst recht schwierig, denn keiner wollte Vorsitzender werden. Ich selbst hatte Boris Fahlbusch vorgeschlagen, aber der wollte nicht. Und als ich mich darüber beschwerte, dass das so nicht gehe, es könnten sich nicht alle drücken, hieß es »Dann mach du es doch!« Da konnte ich schlecht zurück. Die Besetzung der anderen Positionen ging dann recht schnell. Mit Utz Förderreuther hatten wir sogar einen cleveren Schatzmeister. Als dann die Landesdelegiertenkonferenz kam, waren wir gut vorbereitet und konnten sofort einen neuen Vorstand wählen und die Geschäfte übernehmen. Selbst ein Ver-trag für die Rechtsschutzversicherung der Mitglieder lag unterschriftsreif vor. Das war der Trumpf, den die andere Seite eigentlich für sich in Anspruch nehmen wollte, dass die Mitglieder bei uns plötzlich ohne Rechtsschutzversicherung dastehen und dann schnell in die GEW im DGB eintreten. Also, wir waren da schon sehr gut, das sehe ich auch heute noch so. Wir hatten sogar bessere Rechtsschutzbedingungen als der Rechtsschutz des DGB!

Kommen wir aus der grauen Vorzeit wieder in eine aktuellere Zeit, nämlich in die Zeit des Mauerfalls. Du hast in der letzten blz geschildert, wie du damals als Kurier für die GEW unterwegs warst. Nach zehn Jahren Hausmann bist du also wieder voll eingestiegen ins politische Leben.

Na, eigentlich war ich auch schon früher wieder außerhäusig aktiv. Auf Bundesebene habe ich zusammen mit anderen, Alfred Harnischfeger und René Schwerdtfeger zum Beispiel, die gewerkschaftliche Bildung mit aufgebaut. Wir haben da ein bundesweites Seminarkonzept entwickelt und durchgeführt. Zum Beispiel mit Rollenspielen zu Themen wie »Was macht man, wenn eine Schule geschlossen werden soll?« Als dann die Mauer fiel, war ich in Berlin ziemlich nah am Ball, und so fragte man bei mir an, ob ich beim Aufbau der neuen Strukturen helfen wollte. Da war es dann ziemlich schnell vorbei mit dem Hausmann. Meine damalige Frau, die mich zuerst ermuntert hatte, da einzusteigen, war dann gar nicht mehr so begeistert, weil ich nicht mehr ständig zuhause war.

Warst du da nur in Berlin oder insgesamt in den neuen Bundesländern unterwegs?

Ich war in allen neuen Bundesländern unterwegs. Ich hatte zwei Aufträge: Zum einen sollte ich das Berliner Büro des GEW-Hauptvorstandes aufbauen und leiten. Und der zweite Auftrag war, mit Alfred Harnischfeger zusammen den Aufbau Ost zu koordinieren. Er hatte den Süden und ich den Norden und wir veranstalteten eine Reihe von Schulungsseminaren. Das war eine richtig spannende Zeit. Wir haben nahezu alles gemacht, und immer auf Anforderung, also nach den Bedürfnissen der Leute, was sie organisatorisch brauchten. Ich glaube, wir haben da ganz gute Arbeit geleistet. Zumindest haben sich bei der GEW die Landesverbände in den neuen Ländern besser und eigenständiger entwickelt als bei manch anderer Gewerkschaft.

Du bist ja heute noch bekannt wie ein bunter Hund. Viele sind noch heute angetan von den damaligen Schulungen. Wie lange hast du das gemacht?

Das waren schon einige Jahre. Bis ich dann in Ungnade fiel. Achim Albrecht, der damalige stellvertretende Bundesvorsitzende, wollte etwas anderes als ich. Na ja.

Jetzt mal zu einem ganz aktuellen Thema: Verfolgst du als Ex-Funktionär für den Gymnasialbereich die gegenwärtige Diskussion um diese Schulform?

Damals kam ja auch die Gesamtschule auf, aber ich bin direkt vom Referendariat ans Gymnasium gekommen. Und dort musste ich richtig kämpfen, um GEW-Positionen durchzubringen. Ich musste gewissermaßen die Schule unterwandern, bis die Hälfte des Kollegiums in der GEW war. Wir haben uns in der GEW-Schulgruppe auf die Gesamtkonferenzen vorbereitet und abgesprochen, was dann dazu führte, dass plötzlich die Wahlen anders liefen als vorher. Da wurde uns Gruppenbildung vorgeworfen. Vorher, als der Philologenverband jahrelang Gruppenbildung betrieben hatte, spielte das keine Rolle, aber bei der GEW war das natürlich anders.

Um zur aktuellen Frage zu kommen: Ich bin eigentlich erstaunt, dass sich das Gymnasium, das in Europa eigentlich einzigartig ist, so lange halten kann. Und das in einem Land wie Deutschland, das eigentlich dem Fortschritt verpflichtet ist. Da sind doch erhebliche Überängste vorhanden, die verhindern, dass eine modernere Schulform auch hier eingeführt wird. Im Übrigen: Ich unterscheide immer zwischen engagierten Lehrern und nicht engagierten Lehrern. An den Gymnasien gibt es sehr viele engagierte Lehrer. Aber die bleiben, egal an welcher Schulform, gute Lehrer – vielleicht würden sie in einer anderen Schulform sogar noch bessere Lehrer werden.

Gerhard, wir danken dir für das Gespräch!

Gleichfalls danke! Aber ich habe noch was, eine kleine Anekdote. Mir wurde mal zugetragen, dass mein damaliger Schulleiter auf einer Feier im privaten Kreise gesagt hätte, er habe da einen sehr guten Lehrer, und er verstehe überhaupt nicht, was der in der GEW zu suchen habe. Ich bin darauf hin zu ihm gegangen, habe ihm erzählt, was ich gehört habe und zu ihm gesagt: »Ich wollte Ihnen nur eins sagen: Ich bin deshalb ein so guter Lehrer, weil ich in der GEW bin.«

Das macht sich aber gut für unsere Mitgliederwerbung! Danke. 

 


GERHARD SCHMIDT

ist Jahrgang 1937 und pensionierter Gymnasiallehrer mit den Fächer Franzö-sisch und Sport. Er war in der Zeit der GEW-Spaltung von 1977 bis 1981 Vorsitzender des ausgeschlossenen Landesverbandes und wurde 1980 wegen eines schweren Unfalls im Sportunterricht frühpensioniert. Gerhard ist trotzdem seit Jahren aktiv im Basketballverband bei der Trainerbetreuung und beim Förderverein der Conrad-Grundschule, die seit 1980 mit Spendengeldern eine Grundschule in Gambia, Westafrika, aufbaut und betreut. Mit bald vier Enkeln gesegnet, tastet er sich wieder mit Freude an den Kita- und Grundschulbereich heran.