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Zeit zu leben, Zeit zu arbeitenZeit zu leben, Zeit zu arbeiten

Mit ihrem Gewerkschaftstagbeschluss »Zeit zu leben, Zeit zu arbeiten« legt die GEW einen Fokus auf die gesellschaftliche Umverteilung von Zeit.

05.03.2018 - von Bärbel Lange

Wir erinnern uns: Als direkte Folge der Novemberrevolution 1918 in Deutschland wurde die Arbeitszeit auf acht Stunden pro Werktag begrenzt. Lange Jahre ruhten dann die Auseinandersetzungen um weitere Verkürzungen der Arbeitszeit. 1984 kämpfte die IG Metall für die 35-Stunden-Woche. Nach sieben Wochen Streik und Aussperrung konnte das Dogma der Arbeitgeber*innen »keine Minute unter 40 Stunden« gebrochen werden. Es dauerte noch bis 1995, schrittweise wurde der Einstieg in die 35-Stunden-Woche geschafft. Das Ziel sollte sein, die Arbeit zu sichern und gerechter zu verteilen und schließlich, Arbeit menschlicher zu machen. »Mehr Zeit zum Leben, Lieben, Lachen«: Dafür stand die 35-Stunden-Sonne.

Männer wollen weniger, Frauen mehr arbeiten

Arbeitsverdichtung, Entgrenzung der Arbeit, Flexibilisierung, Befristungen, Digitalisierung und ständige Erreichbarkeit. Die physischen und psychischen Belastungen der Beschäftigten nehmen zu und wirken sich negativ auf ihre Gesundheit aus.

Arbeitszeitstudien belegen, wie notwendig mehr Arbeitssouveränität für Beschäftigte ist. Männer sind in der Erwerbsarbeit häufiger überbeschäftigt. Insbesondere, wenn Kinder zu versorgen sind, haben Männer deutlich längere Arbeitszeiten. Sie wünschen sich eine Stundenreduzierung.

Männer sind in Deutschland zu über 81 Prozent erwerbstätig, bei Frauen sind es 71 Prozent. Sie sind in der Erwerbsarbeit hingegen geringbeschäftigt. Ihre gewünschte Arbeitszeit liegt bei 30 bis 34 Wochenstunden. Teilzeit betrifft inzwischen rund 13 Millionen Menschen und ist überwiegend weiblich.

Erwerbsarbeit und Sorgearbeit zusammen denken

Doch die beschäftigungs- und arbeitsmarktpolitischen Debatten werden häufig immer noch geschlechtsblind geführt. Dies hat vor allem damit zu tun, dass ein Teil des Lebens, nämlich das Leben jenseits der Erwerbsarbeit, ausgeblendet wird. Die Arbeit im Erwerbsleben muss aber in Beziehung zur Sorgearbeit gebracht werden, sonst nehmen wir billigend in Kauf, dass dieser lebensnotwendige Bereich – privat, unbezahlt, überwiegend von Frauen verrichtet – und seine soziale Absicherung Privatsache bleibt.

Arbeitszeitpolitik ist also mit Bildungs-, Familien-, Gesundheits- und Rentenpolitik, mit der Gleichstellungspolitik verbunden und braucht den Blick aus der Geschlechterperspektive. Ziel ist, allen Geschlechtern eine selbstbestimmte Erwerbsbiografie und ein gleichberechtigtes partnerschaftliches Leben zu ermöglichen.

Das Ziel, Menschen in sämtlichen Lebensbereichen zu ermöglichen, über ihre Zeit weitestgehend selbstbestimmt verfügen zu können, ist ein Kernstück feministischer Zeitpolitik. Es geht dabei um nicht weniger, als Zeit für das ganze Leben zu haben: Zeit für Erwerbs-arbeit, für Sorgearbeit, für Kultur, Bildung, politische Einmischung, letztendlich aber auch zum Faulenzen. Radikale Konzepte sind erforderlich, damit sich in der Erwerbsarbeitszeit und in der Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern sowie bei der politischen Beteiligung etwas ändert.

Die Debatte um Arbeitszeitverkürzung und Zeitsouveränität darf also nicht auf die Eindämmung von Erwerbsarbeitszeiten verengt werden. Der Blick auf alle Lebensbereiche und die Lebensqualität ist notwendig, um bedürfnisorientierte und zeitgemäße gewerkschaftliche Antworten zu suchen. Für entsprechende flexible Arbeitszeiten braucht es kollektive Lösungen.

Frauen arbeiten die halbe Zeit unbezahlt

Auch die »private Arbeitsteilung« zwischen den Geschlechtern ist in den Blick zu nehmen. Das bundesdeutsche Modell des männlichen Alleinverdieners in der Familie hat sich mehr und mehr überlebt. Die »neoliberale Wirtschaftsweise« braucht Männer wie Frauen in der Arbeitswelt. Traditionelle Geschlechterverhältnisse im Privaten bestehen jedoch im Grundsatz immer noch. Frauen arbeiten pro Woche 45 Stunden und 38 Minuten und damit eine Stunde länger als Männer. Frauen wenden aber nur die Hälfte dieser Zeit für die bezahlte Arbeit auf, bei Männern sind es 75 Prozent. Wir brauchen auch eine Verteilung der ganzen Arbeit zwischen den Geschlechtern.

Der Gewerkschaftstag der GEW im Mai 2017 beschloss folgerichtig den wegweisenden Antrag »Zeit zu leben – Zeit zu arbeiten«, den der Bundesfrauenausschuss einreichte.Der Antrag definiert die Ziele, die sich die GEW für die nächsten Jahre zu diesem Thema steckt. Unter anderem wollen wir uns für mehr Zeitsouveränität im Arbeitsalltag, für eine Erwerbsarbeitszeitverkürzung, eine »kurze Vollzeit«, für das Recht auf befristete Teilzeit, für eine lebensphasenorientierte Arbeitszeitgestaltung und in dem Zusammenhang für das Konzept der Familienarbeitszeit einsetzen. 

Der Landesfrauenausschuss der GEW BERLIN hat die Diskussion um die »ganze Arbeit« begonnen. Nicht nur Frauen folgten unserer Einladung zum Themenabend »Entgrenzte Arbeit«. Wir haben lebhaft diskutiert über die Belastungen am Arbeitsplatz und im »Privaten« und beides in Beziehung gesetzt zu den Ansprüchen an ein gutes Leben. Die Idee, weitere Aktivitäten auf der Basis des Gewerkschaftstagbeschlusses zur Zeitpolitik durchzuführen, wurde begrüßt.