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Schwerpunkt "Was bleibt von Corona"

Referendariat im Ausnahmezustand

Das Referendariat unter Corona-Bedingungen war und ist nicht einfach. Vor allem fehlt es an Möglichkeiten, Unterricht unter realen Bedingungen durchzuführen. Die angehenden Lehrkräfte versuchen trotzdem, das Beste daraus zu machen.

Maskenpflicht - Mundschutz waschen gehört in der Coronapandemie zum Alltag
Foto: Adobe Stock

Montagmorgen, 7:50 Uhr, irgendwann während der Homeschooling-Zeit. Ich starte meine erste Videokonferenz an diesem Tag. Ich tippe ein »Guten Morgen« und einen Arbeitsauftrag in den Gruppenchat. Anschließend warte ich auf meine Schüler-*innen, die sich nach und nach einloggen. Um 8:00 Uhr schalte ich Kamera und Mikro ein, begrüße den schwarzen Bildschirm vor mir und erhalte vereinzelt ein »Guten Morgen« zurück. Nach 45 Minuten frage ich mich, was von meinem Unterricht bei den Lernenden wohl hängengeblieben ist. Aber Zeit, darüber nachzudenken, habe ich nicht: Meine nächste Videokonferenz steht an.

»Lernraum« nur im Digitalen

Ähnliche Situationen kennen wohl die meisten Lehrkräfte. Doch die Lage der Lehramtsanwärter*innen ist spezieller: Wir erlebten ausgerechnet unseren Start ins Berufsleben unter den Bedingungen der Pandemie. Und das, wobei das Referendariat schon in »normalen« Zeiten als eine der härtesten Prüfungen der Lehrer*innenkarriere gilt.

Wir fragten uns: Was sollen wir in unserer Ausbildung eigentlich lernen? Videokonferenzen zu leiten oder Unterricht durchzuführen und uns im sozialen Lernraum Schule einzuleben? Die ursprüngliche Bedeutung von »Lernraum« wird dabei von der Bezeichnung für die berlinweite digitale Lernplattform überschattet. Diese wurde in der Notzeit als wackeliges Provisorium für das schulisch angeleitete Lernen zu Hause entwickelt.

Konkret bedeuten unsere Erfahrungen im Lernraum jedoch, dass wir monatelang nicht den Unterricht durchführen konnten, den wir im abschließenden Examen zeigen müssen. Unterrichtsbesuche durch unsere Fachseminarleitungen waren nicht möglich. Stattdessen wurden Kolloquien durchgeführt, in denen unsere Stundenentwürfe auf theoretischer Ebene diskutiert wurden. Auch andere Teile der Ausbildung fielen weg, beispielsweise Hospitationen bei Kolleg*innen und Besuche im Unterricht unserer Fachseminarleitungen.

Die Maßstäbe bleiben die gleichen

Im Lockdown entstandene Lücken in der sozialen Interaktion zwischen uns Referendar*innen mit den Lernenden und der Schulgemeinschaft können nur langsam geschlossen werden. Das wirkt sich negativ auf unsere Professionalisierung aus. Dennoch werden wir mit den Maßstäben eines störungsfreien Lernfortschritts als Lehramtsanwärter*innen gemessen, denn für die Senatsverwaltung ist alles wie immer: Eine Kolloquiumsprüfung, wie wir sie monatelang geübt haben, soll es für unser Examen nicht geben, wenn die Schulen nun weiterhin offen bleiben. Die Senatsverwaltung argumentiert, dass wir mit Kolloquiumsprüfungen im Vergleich zu anderen Jahrgängen bevorzugt werden würden. Jedoch ist eine Vergleichbarkeit an dieser Stelle gar nicht möglich. Die einzige Chance, die sich uns bietet, um eine vergleichbare und faire Examensprüfung zu erhalten, ist eine Verlängerung des Referendariats. Das können sich finanziell aber nur die wenigsten leisten. Und erst recht nicht leisten kann es sich Berlin, das dringend mehr fertig ausgebildete Lehrkräfte benötigt.

Referendar*innen haben viel geleistet

Wir als Lehramtsanwärter*innen haben die Herausforderungen aktiv angenommen, die mit dem Lockdown und dem anschließenden Wechselunterricht einhergingen. Dennoch müssen wir festhalten, dass der praktische Anteil der Ausbildung durch Corona deutlich kleiner ausgefallen ist. Ohnehin wurde dieser durch die Kürzung des Referendariats auf 18 Monate schon reduziert.

Absolut unverständlich bleibt die Unnachgiebigkeit, die uns Lehramtsanwärter*innen entgegenschlägt. Angesichts der Sondersituation nun wieder das Standardkonzept in unserer Ausbildung zu fahren, ohne den aktuellen Gegebenheiten Rechnung zu tragen und die sich derzeit in Ausbildung befindlichen Lehramtsanwärter*innen zu unterstützen, ist eine Nichtachtung der Leistungen einer ganzen Generation von Berufseinsteiger*innen. Wir alle fühlten und fühlen uns von administrativer Seite aus stellenweise sehr alleingelassen.

Wir wollen, dass ein gemeinsamer Umgang mit der Coronasituation gelingt, der nicht nur die Lernenden und die Schulen schnellstmöglich wieder in den Mittelpunkt der Gesellschaft zurückholt, sondern auch die Referendar*innen als Mitgestalter*innen der Schulgemeinschaft fördert, unterstützt, anerkennt und nicht nur bei der Vielzahl an Aufgaben, sondern auch in ihren persönlichen Rechten und Interessen vollwertig miteinbezieht.

Der offene Umgang mit uns Lehramtsanwärter*innen und die Wahrnehmung unserer speziellen Situation und Bedürfnisse wäre ein erster Schritt für den gemeinsamen Weg aus unserer persönlichen Bildungskrise heraus.

Angehende Lehrkräfte im Referendariat standen in der Corona-Pandemie vor besonderen Herausforderungen. Maren Söder aus dem GEW-Vorstand erzählt im Interview, wie sie diese gemeistert haben und welche Lehren aus den gemachten Erfahrungen zu ziehen sind: Interview

Kontakt
Markus Hanisch
Geschäftsführer und Pressesprecher