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Schule

Start mit heftigen Einbußen

Rückschritte bei der Inklusion und unbesetzte Lehrkräftestellen zum Schuljahresbeginn stoßen bei der GEW BERLIN auf fundamentale Kritik. Sie fordert gezielte Maßnahmen.

Foto: Adobe Stock

Dass die Ausstattung der Schulen mit pädagogischem Personal nicht zu einhundert Prozent erfolgen wird, hatten wir schon befürchtet. Aber so groß wie jetzt war die Lücke zwischen Einstellungsbedarf und Einstellungen beim schulischen Personal noch nie. Von den 2.645 zu besetzenden Vollzeitstellen sind 845 Stellen, also fast ein Drittel, zu Beginn des Schuljahres noch unbesetzt. Es lassen sich mittlerweile nicht mal mehr genug Quereinsteigende finden, um die noch offenen Stellen zu füllen. 845 Stellen, das klingt bei der Gesamtzahl von 34.000 Lehrkräften nicht viel, bedeutet aber, dass an jeder der 639 allgemeinbildenden und der 170 berufsbildenden Schulen im Durchschnitt eine Stelle vakant ist. Heruntergebrochen auf Unterrichtsstunden pro Woche bedeutet dies, dass über 20.000 Stunden pro Woche ausfallen. Erfahrungsgemäß sind die Vakanzen außerdem sehr ungleich verteilt: so gibt es häufig deutlich mehr unbesetzte Stellen an Grundschulen und Sekundarschulen, an denen besonders viele Schüler*innen mit komplexem Unterstützungsbedarf lernen. Das Ganze ist umso verheerender vor dem Hintergrund, dass zudem corona- und belastungsbedingt mit Personalausfällen zu rechnen ist.

Eine taktische Umwidmung von Stunden

Die Ideen der Senatsverwaltung zum Umgang mit dem Lehrkräftemangel sind bis jetzt nicht besonders überzeugend. Ein Ansatz ist es, den Bedarf an Lehrkräften »künstlich« zu senken. Dies macht sich bei den Änderungen in den Zumessungsrichtlinien bemerkbar. Dort ist vorgesehen, dass sonderpädagogische Förderstunden für die Schüler*innen mit Förderbedarf umgewandelt und von Pädagogischen Unterrichtshilfen, Betreuer*innen, Erzieher*innen erteilt werden können. Eine Lehrkräftestunde kann dann in 1,5 Stunden für die genannten Berufsgruppen umgewandelt werden. Von der neuen Regelung könnten insbesondere Schüler*innen mit Förderbedarf im Sehen (Blindheit), im Hören und in der Kommunikation (Gehörlose) und in den Bereichen Geistige Entwicklung und Autismus betroffen sein, da sie eigentlich einen Anspruch auf acht Stunden sonderpädagogischer Förderung haben.

Was auf den ersten Blick nicht nach einer Kürzung aussieht und für Schulen als attraktive Lösung erscheint, ist aber eine deutliche Absage an eine qualitativ hochwertige Bildung für die betroffenen Kinder und könnte mit einem Wegfall mehrere Hundert Vollzeitstellen für Sonderpädagog*innen in »inklusiv« arbeitenden Schulen einhergehen. Natürlich ist eine Umwandlung allemal besser als eine vakante Sonderpädagogik-Stelle. Am Ende ist es eine deutliche Reduzierung von sonderpädagogischem Unterricht. Solche Einbußen in der inklusiven Förderung sind aus GEW-Sicht nicht hinnehmbar. Schon vorher waren die Rahmenbedingungen für Inklusion an unseren Schulen schlecht. Schon allein dass Sonderpädagogikstunden zur Vertretung herangezogen werden dürfen und die Stundentafel immer Vorrang hat, ist ein Unding. Nun hat sich die Situation jedoch noch weiter verschlechtert. Allein die Statistik zum Lehrkräftebedarf steht durch die Maßnahme besser da.

Besonders bedenklich ist, dass vor allem eine Gruppe von Schüler*innen von der nachteiligen Entwicklung betroffen ist. Nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Menschrechte und des Landesbeirats für Menschen mit Behinderungen handelt es sich hier um eine signifikante Ungleichbehandlung. Zudem steht die Umwandlung der Sonderpädagogikstunden im Widerspruch zu der UN-Behindertenrechtskonvention, die für Kinder mit Behinderungen das Recht auf qualitativ hochwertige Bildung, auf Gleichberechtigung, aktive Teilhabe und Schutz vor Diskriminierung vorsieht. Es kann nicht sein, dass in Zeiten des Mangels die Kinder mit dem größten Unterstützungsbedarf die meisten Abstriche machen müssen. Die Kritik an den Zumessungsrichtlinien hat die GEW BERLIN gemeinsam mit dem Bündnis für schulische Inklusion und dem Landesbeirat für Menschen mit Behinderungen in einer Pressekonferenz zu Beginn des Schuljahres deutlich gemacht.

Es braucht ein Maßnahmenpaket

Die Debatte, wie dem Fachkräftemangel beizukommen ist, wird auf Hochtouren geführt. Es wird nicht einfach, Lösungen in der ohnehin schon angespannten und von Überlastung geprägten Situation zu finden. Es braucht ein umfassendes Maßnahmenpaket, welches sowohl akute Maßnahmen zu Abfederung des Personalmangels als auch langfristige Maßnahmen zur grundsätzlichen Bekämpfung des Fachkräftemangels beinhaltet. Die GEW BERLIN hat hier schon viele Ideen formuliert und fordert den Einbezug aller relevanter Akteur*innen aus dem Bildungsbereich. Es reicht bei Weitem nicht, nur auf die Verbeamtung von Lehrkräften zu setzen. Viele werden diesen Weg nicht gehen (können) und sozialpädagogische Fachkräfte sind hier ohnehin außen vor.

Von einer Schule, die den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen gerecht werden kann, sind wir weit entfernt. Die Leidtragenden sind die Schüler*innen, die die pädagogische Unterstützung am nötigsten haben, aber auch die Pädagog*innen, die ihre anspruchsvolle Arbeit nicht umsetzen können. In einer Zeit von multiplen Krisen sind die Bildungseinrichtungen mehr als je zuvor gefordert, Halt zu geben und junge Menschen zu stärken. Das geht aber kaum in einem System, welches so auf Kante genäht ist. Wir sind in einer Situation, in der die Schulbeschäftigten mit der zunehmenden Arbeitsverdichtung zu kämpfen haben und viele bereits am Limit ihrer Kräfte sind. Wir müssen also trotz, beziehungsweise gerade wegen des Mangels dahin kommen, dass die Rahmen- und vor allem die Arbeitsbedingungen in den Schulen massiv verbessert werden. Wir brauchen eine grundsolide multiprofessionelle Ausstattung, die den zu bewältigenden Aufgaben gerecht wird. Wir brauchen kleinere Lerngruppen, damit mehr individuelle Zuwendung für die Schüler*innen aber auch Entlastung der Pädagog*innen ermöglicht wird. Wir brauchen eine familienbewusste Personalpolitik, eine verbesserte Einstellungspolitik und die von uns immer wieder geforderte Ausbildungsoffensive, damit endlich mehr Ausbildungskapazitäten geschaffen werden. Es müssen Haltefaktoren für Fachkräfte definiert werden. Es gibt sehr viel zu tun! Wir werden nicht lockerlassen.    

Presseerklärung der GEW – Inklusive Bildung ist Pflicht und keine Kür

Forderungen der GEW – Akutmaßnahmen gegen den Personalmangel in Schulen

   

Kontakt
Markus Hanisch
Geschäftsführer und Pressesprecher
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