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Glosse

Über Schule schreiben? Nichts leichter als das!

Tipps für Quereinsteiger im Bildungsjournalismus.

Foto: GEW

Du wolltest eigentlich zum Feuilleton. Oder wenigstens ins Sportressort. Aber auf keinen Fall in die Bildungsredaktion. Die zuständige Kollegin ist jedoch schwanger. Du sollst sie vertreten. Das kann deine große Chance sein. Das Einfallstor in die Politredaktion. Näher ran an den Textchef. Vielleicht wird sogar das Fernsehen auf dich aufmerksam! Dort verdient man wesentlich mehr als beim Zeilenschinden.

 

Du hast keine Ahnung von Schule? Erinnere dich einfach an früher. Was hat dir damals missfallen? Irgendein Rohrkrepierer unter den Lehrkräften wird sich schon finden. Den nimmst du einfach als Vorbild für kritische Artikel. Denk an die Peinlichkeiten deiner Schulzeit. Theaterstücke mit verteilten Rollen lesen, Gedichte auswendig lernen, Besinnungsaufsätze schreiben: entsetzlich. An der Tafel Rechenaufgaben lösen: qualvoll. Im Sportunterricht Mannschaften bilden: demütigend. Das alles ist zwar schon eine Weile her, aber du kannst deine Erinnerungen getrost auf die Schule von heute übertragen. Außer ein paar angefressenen Lehrern wird dir niemand widersprechen.

 

Beginnen wir mit der richtigen Terminologie. Es ist dabei völlig egal, ob du dir darunter etwas vorstellen kannst: Individualisierung, Inklusion, Binnendifferenzierung, spielerisches Lernen, projekt- und erlebnisorientierter Unterricht, moderne Hirnforschung. Wirf in deinen Artikeln mit »Kompetenzen« um dich (Medien-, Selbst-, Kultur-, Lebenskompetenz) und denk dir jeden Monat ein neues Fach aus, das die Schule ganz dringend vermitteln muss: Börsengänge, Benimmregeln, Steuererklärungen, Kampfsport, Emotionen, Raumfahrt, Golf. Oberstes Prinzip der modernen Schule ist SPASS! Selbst beim Vokabellernen.

 

Folgende Begriffe solltest du verwenden, wenn du eine besonders schlechte Schule in den Fokus stellen willst: Frontalunterricht, Lehrervortrag, Überalterung, Pensionierungswelle, Kevinismus, Kreide, Tafel, »Bildung« statt Kompetenzen.

 

Du wirst schnell merken, dass die Bundesrepublik bei internationalen Vergleichen miserabel abschneidet. Das kannst selbst du als Laie ganz leicht erklären: In den Schulen fehlen Laptops, und kein Lehrer ist auf heterogene Lerngruppen vorbereitet. Und diese Querköpfe bilden sich auch nicht weiter, obwohl es an den Hochschulen von praxiserfahrenen Experten mit wertvollen Tipps nur so wimmelt!!! Statt sich fortzubilden, verursachen und zementieren die meisten Lehrkräfte soziale Unterschiede.

 

Wenn du mal echte Schulen besuchst, achte vor allem darauf, wie die Kinder sitzen. Frontal und vereinzelt: gruselig. In Teams an Tischgruppen, kreuz und quer im Raum verteilt: toll. Schüler, die aufgeregt mit Tablets durchs Gebäude rennen: wunderbar. Lebendige Schule heißt z.B., dass alle Kinder auf dem Fußboden herumkegeln und die Lehrerin mittendrin liegt. Begeistere dich für alles, was du aus deiner Schulzeit nicht kennst: Wissensquiz auf dem Smartphone, Recherche im Internetraum, Gymnastik nach Zahlen, Grammatik als Zirkeltraining, Brabbelphasen, Placemat, Fish-Bowl, Wundere dich nicht, dass hinter solchen Begriffen oft nur Banalitäten stecken: Schüler kommunizieren miteinander oder zeigen sich was… Du musst auch nicht untersuchen, ob die einzelnen Methoden eigentlich effektiv sind. Kein Journalist tut das! Stell in deinen Artikeln Lehrkräfte als ganz besonders heraus, die mit ihren Schülern auch mal reden und sich um sie kümmern!

 

Du musst vor allem eins verinnerlichen: Schule steht im wertfreien Raum und ist als Sündenbock für alle möglichen Fehlentwicklungen hervorragend geeignet. Es gibt keinen Zusammenhang mit gesellschaftlichen Missständen, sozialer Spaltung oder gar mit »kapitalistischen Verwertungsprozessen«, wie manche Alt-68er behaupten. Hüte dich vor solchen Gedanken und Formulierungen, forsch nicht nach übergreifenden Ursachen und stell auf keinen Fall die Systemfrage! Sonst wird das später nichts mit der Nähe zur Chefredaktion oder der eigenen Fernseh-Talkshow!

           

Der Text ist auf Wunsch der Autorin nicht nach den Richtlinien der Redaktion gegendert.

Kontakt
Markus Hanisch
Geschäftsführer und Pressesprecher