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Tendenzen

Wenn die Wolken ein Sturm werden

Während des Corona-Lockdowns haben Depressionen unter Kindern und Jugendlichen massiv zugenommen. Es wird Zeit, endlich offener über dieses Tabuthema zu sprechen.

Foto: Adobe Stock

Depressionen sind ein sehr großes, aber auch ein sehr persönliches Thema. Wer selbst betroffen ist, merkt schnell, dass das Umfeld oft einen falschen Eindruck von psychischen Erkrankungen hat. Solche Krankheiten sind nicht sichtbar und für Außenstehende oft nur schwer greifbar. Mit der Diagnose Depression gehen viele Vorurteile einher. Mancher glaubt, dass Depressive keinen Spaß haben können oder nur schlechte Laune verbreiten, dass sie selbst schuld seien oder doch Schwächlinge. Zusätzlich sind psychische Erkrankungen ein Tabuthema, nur selten sprechen die Betroffenen offen darüber, zu groß ist die Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung und Missverständnissen.

Auch ich traue mich bis heute nicht, offen und ehrlich mit anderen darüber zu reden. Kaum jemandem habe ich von meinen Depressionen erzählt. In meinem Alter kann das, wie ich glaube, schnell von Gleichaltrigen als Schwäche abgestempelt werden. Man wird dann zu einer Person, mit der man keinen Spaß haben kann. Es kursieren einfach zu viele Vorurteile.

Gerade in diesem Jahr musste ich feststellen, dass man mit Depressionen nicht mehr in unsere stark leistungsorientierte Gesellschaft passt. Ich besuche die elfte Klasse einer Gesamtschule und komme meinem Abitur also langsam näher. Der Druck und die Erwartungshaltungen, die auf mir und meinen Mitschüler*innen lasten, nehmen nun stetig zu. Ich weiß von manchen Bekannten, dass sie auch nach dem Ende des Lockdowns noch mit Problemen wie Traurigkeit und Motivationslosigkeit zu kämpfen haben – nicht, weil sie faul sind, sondern weil die Einsamkeit und das Homeschooling für viele so belastend waren. Wieder andere haben mir erzählt, dass ihre depressiven Episoden während der Pandemie schlimmer wurden. Die fehlende Struktur im Alltag sowie die fehlenden Perspektiven waren ein großes Problem und haben Nachwirkungen bis heute.

 

Alles scheint plötzlich unwichtig und der Mühe nicht wert

 

Ohne Motivation und mit der Antriebslosigkeit, mit der viele Betroffenen zu kämpfen haben, werden oft schon Kleinigkeiten zu einem großen Problem. So ist es auch bei mir. Alles schien mir plötzlich vollkommen unwichtig und der Mühe nicht wert. Immer noch ist es schwierig für mich, mich selbst zu motivieren und aus dem Bett zu kommen. Ein Teil von mir weiß, dass die Schule wichtig ist und ich doch lernen sollte. Dem anderen, größeren Teil aber ist das egal.

Dieser andere Teil zieht mich nach unten und fesselt mich an meine Gedanken und an mein Bett. Bin ich erst einmal in negativen Grübeleien versunken, ist der ganze Tag gelaufen. Ich bin zugleich wütend und traurig, verzweifelt und genervt – auch bei unbedeutenden Anlässen oder ganz ohne Grund.

Diese Traurigkeit wächst manchmal zur Verzweiflung und kann bei mir mehrere Tage lang anhalten, bis es mir langsam wieder besser geht. Die Depression wurde so schlimm, dass ich rund einen Monat krankgeschrieben war, weil ich nichts mehr auf die Reihe bekommen habe. Auch nachdem ich offiziell zurück im Distanzunterricht war, habe ich Aufgaben nur sporadisch erledigen können.

Das führte dazu, dass mein Notendurchschnitt von einer soliden 1,6 auf eine 3,0 abrutschte. Aber ich habe das große Glück, dass meine Stufenleiterin sehr verständnisvoll ist und mir bis heute zur Seite steht. Doch das ist nicht selbstverständlich.

Depressionen kann man Menschen oft nicht ansehen. Aus Scham verstellen sich viele, keine*r soll die Krankheit bemerken. Auch zwei Klassenkameradinnen, denen ich mich anvertraute, waren sichtlich überrascht. Es kann auch vorkommen, dass man die Depression selbst erst zu spät bemerkt. Es ist ein schleichender Prozess, niemand wird von heute auf morgen depressiv. Zuerst sind nur ein paar dunkle Wolken zu sehen, bis man sich in einem Sturm wiederfindet, aus dem man alleine nicht mehr herausfindet.

 

Insbesondere Jugendliche leiden unter der Pandemie

 

Ein großes Problem: Psychische Erkrankungen sind weiterhin ein Tabuthema, dabei sind sehr viele Menschen betroffen. Bereits im Jahr 2020, als noch gar nicht abzusehen war, wie lange uns Covid-19 beschäftigen würde, wies die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in einer Pressemitteilung auf Depressionen und Angstzustände als mögliche Folgen von Existenzängsten und fehlenden sozialen Kontakten während der Pandemie hin. Eine Studie der Betriebskrankenkasse Pronova, bei der 150 Psychiater*innen und Psychotherapeut*innen im Oktober 2020 befragt wurden, zeigte, dass es eine deutlich erhöhte Nachfrage nach psychologischer Hilfe gab. Rund 80 Prozent der befragten Psychiater-*innen und Psychotherapeut*innen gaben an, seit der Pandemie öfter die Diagnose Depression zu stellen als zuvor. Und eine aktuelle Studie aus der Schweiz, veröffentlicht im »International Journal of Environmental Research and Public Health«, ergab, dass Kinder und Jugendliche besonders stark unter den Folgen des Lockdowns gelitten haben. Generell ergaben alle Untersuchungen bislang, dass Ängste und Depressionen während der Pandemie zugenommen haben.

Spätestens in Zeiten von Corona und Lockdown kennen also viele das Gefühl der Einsamkeit und Lustlosigkeit. Wieso sprechen wir nicht offen darüber? Als Betroffener sage ich: Es muss endlich ein Umdenken in der Gesellschaft stattfinden, damit alle darüber sprechen können, ohne dass es ihnen unangenehm sein muss. Psychisch Erkrankte sind dieser Situation oft jeden Tag alleine ausgesetzt und müssen doch irgendwie weitermachen. Das braucht Mut und Stärke!

Was kann man aber tun, wenn man vermutet, dass jemand aus dem Bekanntenkreis mit solchen Problemen zu kämpfen hat?

Depressionen äußern sich individuell verschieden. Nicht alle sind gereizt und auch nicht alle sind andauernd traurig, nicht alle sind antriebslos und nicht alle haben ständig Symptome. Doch genauso individuell wie die Krankheit selbst, muss auch die Hilfe für den kranken Menschen sein. Das Wichtigste dabei ist, für den Menschen da zu sein und ihm zu signalisieren, dass er nicht allein ist. Motiviere die Person, unternimm etwas mit ihr, lenke sie ab und biete ihr Gespräche an. Hör ihr zu. Ich kann bestätigen, dass schon alleine das Sprechen über manches Problem hinweghilft.

Um sich selbst helfen zu können, ist der erste wichtige Schritt, sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht. Entweder man vertraut sich Freund*innen und Familie an oder meldet sich bei Therapeut*innen und Psycholog*innen. Zusammen geht es immer besser als allein!

Wichtig ist außerdem, dass man möglichst früh handelt. Wenn man erste Anzeichen bemerkt, sollte man konsequent dagegenhalten. So kann Schlimmeres verhindert werden.

 

Wohin mit Depressionen?

 

Wer Depressionen hat, muss die nicht allein bewältigen, sondern sollte sich Hilfe suchen bei Eltern, Freunden oder Fachleuten.          

 

Mehr Informationen und Kontaktadressen: www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe

Kontakt
Markus Hanisch
Geschäftsführer und Pressesprecher